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Vietnam : 100 Dollar Lohn sind zuviel

Billigstlohn: Diese kambodschanische Textilarbeiterin verdient 55 Dollar im Monat bei 48 Stunden Arbeit pro Woche Bild: dpa

Es geht noch billiger: In Saigon verdient eine Näherin 100 Dollar im Monat. Das ist zu viel. Im Nachbarland Kambodscha kostet die Arbeit nur die Hälfte. Und so ziehen Vietnams Fabriken in neue Billiglohnländer. Von Christoph Hein

          4 Min.

          Bui The Vinh lässt Glasmurmeln durch seine Finger gleiten. Doch der 19-Jährige spielt nicht mit den Murmeln. Bui The Vinh übt für seinen Beruf. Stundenlang versucht er, 50 Murmeln nacheinander so schnell als möglich durch ein Metallröhrchen fallen zu lassen. Das verbessert die Fingerfertigkeit. „Erst wenn er unter 41 Sekunden bleibt, kommt er weiter zur nächsten Station“, sagt Nguyen Thi Ngoc.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Sie ist Trainerin im Ausbildungszentrum der vietnamesischen Textilfabrik Protrade Garment Co vor den Toren Saigons. Dann drückt sie auf einen roten Klingelknopf, und The Vinh und seine Kollegen springen auf: Feuerschutzübung, die Lehrlinge müssen sich in Reih und Glied aufstellen, um den Raum zu verlassen. „Länger als sechs Sekunden sollte es nicht dauern, bis sie ihren Arbeitsplatz verlassen haben“, sagt Thi Ngoc.

          Klimaanlage für die Näherinnen

          Protrade Garment ist trotz dieses Drills alles andere als der gefürchtete „Sweatshop“, die Ausbeuterbude im hintersten Winkel Asiens. Die Arbeiterinnen sitzen in gut ausgeleuchteten Fabriksälen an japanischen oder taiwanesischen Nähmaschinen, eine Klimaanlage pumpt frische Luft in den Saal. Sie tragen eine Art Schwesternhäubchen auf dem Kopf, dessen Farbe ihrem Produktionsbereich entspricht: Weiß für die Näherin, Gelb für die Schichtführerin, Burgund für Auszubildende, Pink für die Qualitätskontrolleure.

          Nähen für den Weltmarkt: Diese Kambodschanerinnen stellen Textilien für deutsche Warenhäuser her
          Nähen für den Weltmarkt: Diese Kambodschanerinnen stellen Textilien für deutsche Warenhäuser her : Bild: dpa

          Ein Chip, den jede Arbeiterin hat, verkündet am Ende der achtstündigen Schicht, wie viel sie verdient hat. Zum Grundgehalt von fast 100 Dollar im Monat kommen Mengenzuschläge, Mietzuschuss und Anwesenheitsprämien. „Wir müssen uns auf den einzigen Wert konzentrieren, den wir haben: unsere Arbeit und unsere Arbeitskräfte“, sagt Le Hong Phoa, der Generaldirektor von Protrade. „China verfügt über die gesamte Wertschöpfungskette, angefangen von der Baumwolle. Wir hier in Vietnam können nur dank unserer Qualitätsarbeit mithalten.“

          Textilien für den Weltmarkt

          Le Hong Phoa ist 37 Jahre alt, hat in Vietnam studiert und macht seinen Job hier seit zehn Jahren. „Als ich anfing, habe ich gleichzeitig gelacht und geweint. Es ging nur darum, irgendwelche Löcher zu stopfen. Wir hatten die richtigen Maschinen, aber uns fehlte die richtige Mentalität“, erzählt er.

          Längst ist die Mentalität da. Aus dem staatlichen Konglomerat, das nun an die Börse in Vietnam strebt, ist ein aufstrebender Textilbetrieb geworden. Die Mädchen an den Nähmaschinen arbeiten für internationale Marken wie Tchibo, Dockers, Jack Wolfskin, Abercrombie & Fitch, Marks & Spencer und den deutschen Hemdenhersteller Olymp.

          Alternative zu China und Indonesien

          600.000 Kleidungsstücke werden Monat für Monat hergestellt. Vietnams Textilindustrie profitiert enorm davon, dass ihre Auftraggeber im Westen einen Ausgleich zur Produktion in China suchen. „Wir dürfen nicht alle Eier in einen Korb legen. Unsere Produktionsländer China und Indonesien haben die Obergrenze erreicht“, sagt Olymp-Gründer Eberhard Bezner. „Aus Sicherheitsgründen werden wir unser Produktionswachstum nun in Vietnam verwirklichen.“ Eine Million Hemden bezieht Olymp schon aus Vietnam, in etwa so viele wie aus China.

          Eine Dekade geht es mit Protrade nun aufwärts, inzwischen arbeiten hier 2300 Näherinnen. Nun werde es Zeit, über den Horizont zu blicken, hat Hong Phoa entschieden. Also macht Protrade in Vietnam dasselbe, was seine Auftraggeber im Westen schon längst gemacht haben: Die Vietnamesen beginnen, ihre Fertigung an billigere Standorte zu verlagern: „Als erste vietnamesische Textilfabrik bauen wir gerade eine Dependance in Kambodscha auf“, sagt der Protrade-Chef. „Wir gehen direkt hinter die Grenze. Das hat zwei Vorteile“, erklärt er. „Zum einen können wir von hier aus alles, was wir brauchen, direkt herüberbringen und die fertige Ware dann über unseren Hafen in Saigon verschiffen. Das geht schneller als über Kambodscha.“

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