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Arbeitszeiten : Für die Karriere reichen auch vier Tage

Entspannen in der Hängematte. Bild: Julia Zimmermann

Teilzeit arbeiten, das wollten lange Zeit nur junge Mütter. Doch jetzt kommen auch die beruflich Erfolgreichen der älteren Generation auf den Geschmack. Über eine neue Freizeitbewegung - und warum weniger manchmal mehr ist.

          6 Min.

          Die Sonntagabende hat Wolf Heumann schon gehasst, als er noch zur Schule ging. Immer war da diese unbändige Lust, noch etwas Schönes zu unternehmen, auszugehen, lange aufzubleiben jedenfalls. Und fast immer siegte die Vernunft oder der Elternwille: Geh früh ins Bett, wird eine anstrengende Woche, du musst fit sein. Später, im Beruf, wurde die Sache nicht besser. Heumann lebt in Berlin, aber er arbeitet in Hamburg, bei der Werbeagentur Scholz&Friends. Sonntagabends saß er entweder im Zug, oder er war am Packen. Schön geht anders.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Schön geht so: Seit November vergangenen Jahres fährt Heumann erst montagmittags in die Hansestadt. Er hat seine Arbeitszeit reduziert, 80 Prozent, vier statt fünf Tage in der Woche. Der Montag ist für ihn noch Wochenende. Wenn er eine junge Mutter wäre, die zwischen Beruf und Kita hin und her hetzt oder sich um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmert, dann wäre so eine Teilzeitstelle nicht weiter bemerkenswert, eher sogar ziemlich normal. Doch hier liegen die Dinge anders. Heumann, 49 Jahre alt, arbeitet nicht Teilzeit, weil er mehr Zeit für andere haben will, sondern mehr Zeit für sich selbst. Dafür war er sogar bereit, auf seinen Vorstandsposten in der Agentur zu verzichten, zurück in die zweite Reihe zu treten.

          Der Trend geht zu mehr Freizeit

          Ist Heumann verrückt? Oder macht er nur das, wovon viele andere insgeheim träumen? Fakt ist: Zwanzig Jahre nachdem die IG Metall für ihre Klientel die 35-Stunden-Woche durchgesetzt hat, gibt es einen neuen Abwärtstrend. Weniger Arbeit, mehr Freizeit. Weniger Hamsterrad, mehr Freiheit. Zuerst waren es nur die Jungen, die vielzitierten Vertreter der Generation Y, die das Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben neu tarierten. Doch inzwischen kennt der Wunsch nach mehr Freizeit keine Alters- und Hierarchiegrenzen mehr. Als die Personalberatung Odgers Berndtson kürzlich mehr als 2000 Manager fragte, wie viel Zeit sie in einer typischen Siebentagewoche mit dem Beruf, der Familie, Freunden und Hobbys verbringen, nahm die Arbeit 63 Prozent ein. Die Manager wünschten sich aber, dass es nur 54 Prozent wären. Die Bereitschaft steigt, Rückschritte auf der Karriereleiter und Gehaltseinbußen hinzunehmen, wenn es denn dem persönlichen Wohlbefinden dient. „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die etablierten Manager-Generationen ihre Wertvorstellungen und Karriereziele hinterfragen“, sagt Studienautorin Veronika Ulbort.

          Bei Wolf Heumann war es der in diesem Jahr anstehende 50. Geburtstag, der ihn ins Grübeln brachte. In jungen Jahren hatte Heumann in einer Band gespielt. Die Leidenschaft für die Musik war immer noch da, was fehlte, war die Zeit. Dem Werber erging es wie so vielen anderen, die der Beruf mit all seinen Überstunden, Abendterminen und Geschäftsreisen so sehr in Beschlag nimmt, dass sie es kaum mal mehr ins Kino schaffen. „Ich mag meinen Beruf“, sagt Heumann, „ich mag ihn sogar sehr. Aber ich will nicht von ihm aufgefressen werden.“

          Umdenken mit knapp 50

          Auch Eva-Maria Weidner erging es so. Seit 14 Jahren arbeitet die 49-Jährige beim Industriekonzern Bosch, sie ist Teamleiterin in der Personalabteilung. „Ich hab mein Leben voll auf die Arbeit konzentriert“, sagt Weidner, „meine Selbstbestätigung daraus gezogen.“ Zwar sind die Arbeitszeiten bei Bosch anders als in der Werbebranche einigermaßen geregelt, Überstunden werden mit Freizeit ausgeglichen. Und doch hatte Weidner das Gefühl, dass sich unter der Woche alles um die Arbeit drehte und es auch an den Wochenenden kaum eine ruhige Minute gab: Kühlschrank füllen, Wäsche machen, Post erledigen, Freunde treffen – und schon begann wieder eine neue Arbeitswoche.

          Ein Jahr lang dachte sie darüber nach, ob sie so bis zur Rente weitermachen wollte, dann gab sie sich einen Ruck und ging zum Chef: Teilzeit. Einen Tag weniger in der Woche. „Er ist mir natürlich nicht vor Freude um den Hals gefallen“, sagt Weidner. Aber sie hatte sich vorbereitet, sich schon überlegt, wie sich ihre Arbeit anders organisieren ließe. Sie drängelte nicht, aber sie ließ auch nicht locker. Fünf Jahre ist das jetzt her, seitdem gehört der Montag ihr. „Wir wollen mehr Vielfalt im Unternehmen“, sagt Weidner. „Das heißt aber auch: mehr Vielfalt in der Lebensgestaltung.“

          Statistik hinkt hinter Realität hinterher

          In den Statistiken spiegelt sich diese Vielfalt noch nicht wieder. Fast jeder zweite Beschäftigte in Deutschland arbeitet 40 Stunden in der Woche oder mehr, zeigt eine Analyse der OECD. Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren nicht gesunken, sondern sogar noch gestiegen: Im Jahr 2003 lag er noch bei 37 Prozent. Trotzdem stellt Werner Eichhorst, Forscher am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), einen Sinneswandel fest: „Etwas verkürzte Vollzeit ist sehr populär“, sagt er, und das auch nicht nur bei jungen Müttern. Von einer Teilzeitkultur wie in den Niederlanden seien wir aber noch weit entfernt: Dort arbeitet mehr als die Hälfte der Beschäftigten weniger als 35 Stunden.

          Eine Viertagewoche muss man nicht nur wollen, man muss sie sich auch leisten können. Sie ist ein Privileg der Besserverdiener. In Deutschland erhält ein Facharbeiter im Schnitt mehr als 51000 Euro, eine Führungskraft im mittleren Management mehr als 98000 Euro. Auch mit einer 80-Prozent-Stelle bleibt da noch genug übrig, um die laufenden Kosten zu bestreiten und sich gelegentlich einen Urlaub zu gönnen. „Das ein oder andere Mal weniger essen gehen“ – so fasst Bosch-Frau Weidner die Einschränkungen aus ihrer 80-Prozent-Stelle zusammen.

          Teilzeitkräfte oft effizienter

          Die Hürde ist selten das Geld, aber fast immer die Unterstützung im Unternehmen. „Wenn jemand nicht mindestens 40 Stunden in der Woche arbeitet, unterstellt der Arbeitgeber, dass der- oder diejenige nicht voll bei der Sache ist“, sagt Eichhorst. Doch das stimme nicht, oft seien die Teilzeitarbeiter produktiver als die Vollzeitkräfte, weil sie sich besser organisierten. Eine Viertagewoche führe häufig schlicht zu einer Verdichtung der Arbeit, beobachtet der Forscher. „Für den Arbeitgeber ist das eigentlich komfortabel: Er muss weniger zahlen, aber bekommt trotzdem vollen Einsatz.“

          Wolf Heumann ist dafür ein gutes Beispiel. Er ist bei Scholz & Friends für den Autohersteller Opel zuständig, einen der größten und wichtigsten Kunden der Agentur. Und natürlich hat Heumann montags sein Handy nicht aus, sondern geht ran, wenn es klingelt, beantwortet dringende Mails. In einer Werbeagentur zu arbeiten heißt, Dienstleister zu sein. Die Auftraggeber erwarten nicht weniger, sondern mehr als 100 Prozent Einsatz. Deshalb wollte Heumann zunächst auch nicht über seine Teilzeitstelle sprechen. Nichts wäre schlimmer als der Eindruck, dass da einer nur noch mit halber Kraft bei der Sache sein könnte. Dabei arbeitet Heumann auch jetzt noch mehr als viele andere mit einer Vollzeitstelle. Stört es ihn nicht, dass er dafür nur noch 80 Prozent seines Gehalts bekommt? Nein, sagt Heumann, für ihn sei das Selbstschutz. „Ich erkaufe mir Freiheit.“

          Das persönliche Arbeitswohlfühlmodell

          Die 27 Jahre alte Amelie Keller hat gar nicht erst mit dem Vollzeitarbeiten angefangen. Das hat viel damit zu tun, dass sie gegen Ende ihres Medizinstudiums zwei Monate auf der Krebsstation eines Hamburger Krankenhauses arbeitete. „Ich habe dort acht Menschen sterben sehen“, erzählt die junge Ärztin. Deren Erzählungen von unerfüllten Wünschen, von ungelebten Träumen stimmten sie nachdenklich. „Man weiß ja nicht, was so passiert.“ Schon während des Studiums hatte der Arztberuf für sie an Reiz verloren. Die starren Hierarchien im Krankenhaus, die Aussicht auf eine sechsjährige Weiterbildung, „das wollte ich nicht“, sagt Keller. Was sie wollte, schon seit längerer Zeit, war ein eigenes Café. Einen Tag nach dem mündlichen Examen zog sie los und schaute sich nach geeigneten Räumen um. Einige Wochen später eröffnete sie in einer alten Metzgerei das „Fräulein K“.

          Dass Keller heute doch wieder als Ärztin arbeitet, wenn auch nur mit einer Viertagewoche, hat mit ihrem Sicherheitsbedürfnis zu tun: „Ich konnte erstaunlich schlecht mit dem Gedanken umgehen, Schulden zu haben“, erzählt sie. Der Kredit, den sie für die Renovierung und Einrichtung des Cafés aufgenommen hatte, war zwar nicht groß, trotzdem fühlte sich Keller damit unwohl. Eine Stelle mit geregeltem Einkommen musste her. Aber eben keine der üblichen mit Nacht-, Wochenend- und Bereitschaftsdiensten, denn dann hätte sie das Café wieder aufgeben müssen. Stattdessen arbeitet Keller jetzt in einer Reha-Klinik ohne Notfälle und andere Unwägbarkeiten. 85 Prozent, 34 Stunden.

          Von Montag bis Donnerstag ist sie tagsüber in der Klinik und schaut abends oft noch im Café nach dem Rechten, am Wochenende ist sie komplett dort. Doch sie empfindet diese Tage nicht als Arbeit, sondern als willkommenen Ausgleich zum Klinikalltag. Den Arbeitgeber von der Teilzeitstelle zu überzeugen sei nicht schwer gewesen, berichtet Keller. Gute Ärzte sind begehrt, und die Kliniken sind wegen des hohen Frauenanteils an Teilzeitmodelle auch schon gewöhnt. Mehr Überzeugungsarbeit musste sie bei ihren Eltern leisten. Dabei sagt auch Keller, dass sie Karriere machen will, nur eben keine klassische Arztkarriere.

          Freizeit als freie Zeit genießen

          Bosch-Teamleiterin Weidner kennt das Gefühl, dass sich das Mehr an Freizeit gar nicht so sehr nach mehr Freizeit anfühlt. Anfangs belegte sie an ihrem freien Tag einen Englischkurs – bloß etwas Sinnvolles tun, nicht nur Kaffee trinken mit Freundinnen. Derzeit werkelt sie in dem Haus, das ihr Mann und sie sich vor kurzem gekauft haben, bürstet alte Holzbalken, karrt Schutt weg. „Man neigt dazu, sich die freien Tage zu sehr zu verplanen“, sagt Weidner und rät Nachahmern – im Kollegenkreis gibt es bereits einige –, es langsam angehen zu lassen.

          Wolf Heumann hat es immer noch nicht in sein Tonstudio geschafft. „Der Tag geht immer so schnell vorbei“, sagt er. Glücklich ist er dennoch: „Seit der Schulzeit ist der Montag der Spielverderber unter den Tagen – und plötzlich wird er zur wundersamen Chance, all das Sinnvolle und auch Unsinnige zu tun, was man sonst verschiebt.“

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