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Arbeitszeiten : Für die Karriere reichen auch vier Tage

Das persönliche Arbeitswohlfühlmodell

Die 27 Jahre alte Amelie Keller hat gar nicht erst mit dem Vollzeitarbeiten angefangen. Das hat viel damit zu tun, dass sie gegen Ende ihres Medizinstudiums zwei Monate auf der Krebsstation eines Hamburger Krankenhauses arbeitete. „Ich habe dort acht Menschen sterben sehen“, erzählt die junge Ärztin. Deren Erzählungen von unerfüllten Wünschen, von ungelebten Träumen stimmten sie nachdenklich. „Man weiß ja nicht, was so passiert.“ Schon während des Studiums hatte der Arztberuf für sie an Reiz verloren. Die starren Hierarchien im Krankenhaus, die Aussicht auf eine sechsjährige Weiterbildung, „das wollte ich nicht“, sagt Keller. Was sie wollte, schon seit längerer Zeit, war ein eigenes Café. Einen Tag nach dem mündlichen Examen zog sie los und schaute sich nach geeigneten Räumen um. Einige Wochen später eröffnete sie in einer alten Metzgerei das „Fräulein K“.

Dass Keller heute doch wieder als Ärztin arbeitet, wenn auch nur mit einer Viertagewoche, hat mit ihrem Sicherheitsbedürfnis zu tun: „Ich konnte erstaunlich schlecht mit dem Gedanken umgehen, Schulden zu haben“, erzählt sie. Der Kredit, den sie für die Renovierung und Einrichtung des Cafés aufgenommen hatte, war zwar nicht groß, trotzdem fühlte sich Keller damit unwohl. Eine Stelle mit geregeltem Einkommen musste her. Aber eben keine der üblichen mit Nacht-, Wochenend- und Bereitschaftsdiensten, denn dann hätte sie das Café wieder aufgeben müssen. Stattdessen arbeitet Keller jetzt in einer Reha-Klinik ohne Notfälle und andere Unwägbarkeiten. 85 Prozent, 34 Stunden.

Von Montag bis Donnerstag ist sie tagsüber in der Klinik und schaut abends oft noch im Café nach dem Rechten, am Wochenende ist sie komplett dort. Doch sie empfindet diese Tage nicht als Arbeit, sondern als willkommenen Ausgleich zum Klinikalltag. Den Arbeitgeber von der Teilzeitstelle zu überzeugen sei nicht schwer gewesen, berichtet Keller. Gute Ärzte sind begehrt, und die Kliniken sind wegen des hohen Frauenanteils an Teilzeitmodelle auch schon gewöhnt. Mehr Überzeugungsarbeit musste sie bei ihren Eltern leisten. Dabei sagt auch Keller, dass sie Karriere machen will, nur eben keine klassische Arztkarriere.

Freizeit als freie Zeit genießen

Bosch-Teamleiterin Weidner kennt das Gefühl, dass sich das Mehr an Freizeit gar nicht so sehr nach mehr Freizeit anfühlt. Anfangs belegte sie an ihrem freien Tag einen Englischkurs – bloß etwas Sinnvolles tun, nicht nur Kaffee trinken mit Freundinnen. Derzeit werkelt sie in dem Haus, das ihr Mann und sie sich vor kurzem gekauft haben, bürstet alte Holzbalken, karrt Schutt weg. „Man neigt dazu, sich die freien Tage zu sehr zu verplanen“, sagt Weidner und rät Nachahmern – im Kollegenkreis gibt es bereits einige –, es langsam angehen zu lassen.

Wolf Heumann hat es immer noch nicht in sein Tonstudio geschafft. „Der Tag geht immer so schnell vorbei“, sagt er. Glücklich ist er dennoch: „Seit der Schulzeit ist der Montag der Spielverderber unter den Tagen – und plötzlich wird er zur wundersamen Chance, all das Sinnvolle und auch Unsinnige zu tun, was man sonst verschiebt.“

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