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Arbeitszeiten : Für die Karriere reichen auch vier Tage

Ein Jahr lang dachte sie darüber nach, ob sie so bis zur Rente weitermachen wollte, dann gab sie sich einen Ruck und ging zum Chef: Teilzeit. Einen Tag weniger in der Woche. „Er ist mir natürlich nicht vor Freude um den Hals gefallen“, sagt Weidner. Aber sie hatte sich vorbereitet, sich schon überlegt, wie sich ihre Arbeit anders organisieren ließe. Sie drängelte nicht, aber sie ließ auch nicht locker. Fünf Jahre ist das jetzt her, seitdem gehört der Montag ihr. „Wir wollen mehr Vielfalt im Unternehmen“, sagt Weidner. „Das heißt aber auch: mehr Vielfalt in der Lebensgestaltung.“

Statistik hinkt hinter Realität hinterher

In den Statistiken spiegelt sich diese Vielfalt noch nicht wieder. Fast jeder zweite Beschäftigte in Deutschland arbeitet 40 Stunden in der Woche oder mehr, zeigt eine Analyse der OECD. Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren nicht gesunken, sondern sogar noch gestiegen: Im Jahr 2003 lag er noch bei 37 Prozent. Trotzdem stellt Werner Eichhorst, Forscher am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), einen Sinneswandel fest: „Etwas verkürzte Vollzeit ist sehr populär“, sagt er, und das auch nicht nur bei jungen Müttern. Von einer Teilzeitkultur wie in den Niederlanden seien wir aber noch weit entfernt: Dort arbeitet mehr als die Hälfte der Beschäftigten weniger als 35 Stunden.

Eine Viertagewoche muss man nicht nur wollen, man muss sie sich auch leisten können. Sie ist ein Privileg der Besserverdiener. In Deutschland erhält ein Facharbeiter im Schnitt mehr als 51000 Euro, eine Führungskraft im mittleren Management mehr als 98000 Euro. Auch mit einer 80-Prozent-Stelle bleibt da noch genug übrig, um die laufenden Kosten zu bestreiten und sich gelegentlich einen Urlaub zu gönnen. „Das ein oder andere Mal weniger essen gehen“ – so fasst Bosch-Frau Weidner die Einschränkungen aus ihrer 80-Prozent-Stelle zusammen.

Teilzeitkräfte oft effizienter

Die Hürde ist selten das Geld, aber fast immer die Unterstützung im Unternehmen. „Wenn jemand nicht mindestens 40 Stunden in der Woche arbeitet, unterstellt der Arbeitgeber, dass der- oder diejenige nicht voll bei der Sache ist“, sagt Eichhorst. Doch das stimme nicht, oft seien die Teilzeitarbeiter produktiver als die Vollzeitkräfte, weil sie sich besser organisierten. Eine Viertagewoche führe häufig schlicht zu einer Verdichtung der Arbeit, beobachtet der Forscher. „Für den Arbeitgeber ist das eigentlich komfortabel: Er muss weniger zahlen, aber bekommt trotzdem vollen Einsatz.“

Wolf Heumann ist dafür ein gutes Beispiel. Er ist bei Scholz & Friends für den Autohersteller Opel zuständig, einen der größten und wichtigsten Kunden der Agentur. Und natürlich hat Heumann montags sein Handy nicht aus, sondern geht ran, wenn es klingelt, beantwortet dringende Mails. In einer Werbeagentur zu arbeiten heißt, Dienstleister zu sein. Die Auftraggeber erwarten nicht weniger, sondern mehr als 100 Prozent Einsatz. Deshalb wollte Heumann zunächst auch nicht über seine Teilzeitstelle sprechen. Nichts wäre schlimmer als der Eindruck, dass da einer nur noch mit halber Kraft bei der Sache sein könnte. Dabei arbeitet Heumann auch jetzt noch mehr als viele andere mit einer Vollzeitstelle. Stört es ihn nicht, dass er dafür nur noch 80 Prozent seines Gehalts bekommt? Nein, sagt Heumann, für ihn sei das Selbstschutz. „Ich erkaufe mir Freiheit.“

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