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Vier Jahre nach Kaupthing-Pleite : Makrelen und Touristen lassen Island hoffen

Bild: F.A.Z.

Vor vier Jahren stand die Insel am Rand des Bankrotts. Nun gibt es Grund zur Zuversicht. Noch aber sind längst nicht alle Probleme gelöst.

          Die Natur meint es gut mit Island. Der Nordatlantik ist wärmer geworden, weshalb nun aus dem Süden große Makrelenschwärme in isländische Gewässer ziehen. Die Fangflotte der Republik hat im vergangenen Jahr 160.000 Tonnen Makrelen gefangen, 50.000 mehr als vor drei Jahren. „Für uns ist das wie ein Lottogewinn“, sagt Kristján Loftsson, einer der Großaktionäre des in der Hauptstadt Reykjavík beheimateten Fischereikonzerns HB Grandi.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das börsennotierte Unternehmen steht für mehr als ein Zehntel der gesamten Fischereiwirtschaft, die wiederum ein Viertel des isländischen Exports trägt. Die wichtigsten Märkte sind Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Deshalb kommt es der Wettbewerbsfähigkeit der Branche zugute, dass die isländische Krone im Vergleich zum Euro nur noch halb so viel wert ist wie vor vier Jahren. Auch der Tourismus profitiert vom gesunkenen Wechselkurs: Die Zahl der ausländischen Gäste liegt nach Angaben des isländischen Fremdenverkehrsverbands um gut 16 Prozent über dem Vorjahreswert. „Die Saison war großartig“, bilanziert der Verbandsmanager Gunnar Valur Sveinsson. Eine neue Marketingkampagne zahle sich nun genauso aus wie die positive Resonanz auf den Auftritt Islands als Gastland der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr sowie die Aufmerksamkeit, die der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull im Jahr davor auf die Insel gelenkt habe. Den nächsten isländischen Zungenbrecher für die Kataloge der Anbieter hat Sveinsson auch schon identifiziert: Thrihnukagigur heißt eine spektakuläre Höhle am Stadtrand von Reykjavik, deren Zugang vor kurzem entdeckt und in diesem Frühjahr erstmals für Touristen geöffnet wurde, die sich dort einen Vulkan von innen ansehen können.

          Vier Jahre ist es her, dass Island wirtschaftlich am Abgrund und politisch am Rand einer Revolution stand. Am 6. Oktober 2008 teilte der damalige Ministerpräsident Geir Haarde den 320.000 Einwohnern mit, dass die drei zuvor rasant gewachsenen Banken Kaupthing, Glitnir und Landsbanki ihre Verbindlichkeiten nicht mehr begleichen konnten. Die Fernsehansprache endete mit dem Stoßseufzer „Gott segne Island“, noch heute erinnert sich fast jeder Isländer an diesen Abend. Danach begannen auf der Insel turbulente Monate. Ein Staatsbankrott schien kaum vermeidbar, die Regierung trat nach beharrlichen Protesten gegen ihre Verstrickung in die Finanzwelt zurück, die Wirtschaftsdaten waren atemberaubend schlecht: Die Aktienkurse sanken im Durchschnitt um 90 Prozent, die Inflation stieg auf 18 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt ging kräftig zurück, der Verfall der Krone stürzte viele in Fremdwährungen verschuldete Privathaushalte in eine scheinbar ausweglose Situation.

          Den Hilfskredit hat Island vorzeitig zurückgezahlt

          Das neue Konzerthaus von Reykjavík, ein Prestigeobjekt der damaligen Regierung, wurde zum Symbol der Krise: Halbfertig stand es als schwarzer Klotz am Hafen der Stadt, eine teure Bauruine. Doch wider alle Erwartungen hielt die neue Mitte-links-Regierung an dem Bau fest. Nun glitzert die Fassade wie ein dunkler Kristall, im November kommen die Berliner Philharmoniker zu Besuch. Spätestens als der Internationale Währungsfonds (IWF), der dem Land in größter Not einen Hilfskredit über 2,1 Milliarden Euro gewährte, darin ein hochkarätig besetztes Symposion mit dem Titel „Lehren aus Island“ abhielt, wurde das Haus erstmals als Symbol der Krisenbewältigung interpretiert.

          Inzwischen fertiggebaut: die Konzerthalle in Reykjavík

          Den Hilfskredit hat Island vorzeitig zurückgezahlt, viele Kennzahlen haben sich deutlich verbessert: Das Budget soll im nächsten Jahr fast ausgeglichen sein, die Wirtschaft um knapp 3 Prozent wachsen, die Arbeitslosenquote auf 5,3 Prozent sinken. Ein Schuldenschnitt hat den am meisten bedrängten Privathaushalten geholfen. Die drei Großbanken wurden aufgespalten: Das internationale Geschäft wird abgewickelt, während die Aktivitäten im Inland unter neuen Namen und mit staatlichem Kapital fortgesetzt werden.

          Isländer ärgern sich über die hohen Gehälter in den Abwicklungsorganisationen der alten Banken

          Als strahlende Erfolgsgeschichte will Svana Helen Björnsdóttir all das jedoch nicht gelten lassen. „Die Regierung träumt von besseren Zeiten“, sagt die Präsidentin des isländischen Unternehmerverbands. „Aber man muss der Wahrheit in die Augen sehen.“ Island halte für die Zeit nach 2008 den Europarekord in Steuererhöhungen, kritisiert sie, vor allem die Privatunternehmen seien davon betroffen. Der chronische Mangel an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern schwäche die Innovationskraft, die Staatshilfe für überschuldete Unternehmen verzerre den Wettbewerb. Das größte Problem aber seien die bis heute nicht aufgehobenen Kapitalkontrollen. Sie machten die Geschäfte mit ausländischen Partnern zu einer bürokratischen Tortur, klagt Björnsdóttir, weil alle Einnahmen zunächst in Kronen um- und für Investitionen wieder in Devisen zurück getauscht werden müssten. „Davon profitieren nur die Banken, die zweimal Wechselgebühren nehmen.“

          In die Kritik an der Regierung stimmen zurzeit viele Isländer ein. In den Umfragen liegt sie, ein halbes Jahr vor den nächsten Parlamentswahlen, abgeschlagen hinter der Opposition. Die hohen Gehälter, die in den Abwicklungsorganisationen der alten Banken gezahlt werden, sind genauso zum öffentlichen Ärgernis geworden wie die nur schleppend in Gang gekommene juristische Aufarbeitung des Bankencrashs. Die Frage, ob die Insel der EU und der Währungsunion beitreten soll, spaltet schließlich die einzelnen Parteien und die Bevölkerung insgesamt. Makrelen und Touristen allein genügen offenbar nicht, um vom Krisenfall zum Sanierungsvorbild zu werden.

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