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Unterhaltungsbranche : Musicals für Millionen

  • -Aktualisiert am

Neues Musical in Stuttgart: Mary Poppins schwebt jetzt auch im Schwabenland. Bild: dpa

Der Musical-Markt in Deutschland ist heiß umkämpft. Große Finanziers drängen in die Branche und wollen schnellen Umsatz sehen. Dabei setzen sie auf unterschiedliche Strategien.

          Erstmals seit fünf Jahren hat in Stuttgart wieder ein Musical Deutschland-Premiere gefeiert. Das Kindermädchen „Mary Poppins“ schwebt seit wenigen Tagen mit ihrem Schirm nun auch in Deutschland über die Theaterbühne. Auf die Bühne gebracht hat es die deutsche Tochter des niederländischen Musical-Produzenten und Theater-Betreibers Stage Entertainment. Das Unternehmen geht von einem weiterhin wachsenden Markt aus. Im vergangenen Geschäftsjahr 2015/2016 wurden in den deutschen Theatern von Stage insgesamt etwa 3,55 Millionen Besucher gezählt. Rund 100.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Für den Besucheranstieg sorgte sicherlich auch die 2014 in Hamburg eröffnete vierte Spielstätte.

          Jede Show werde so kalkuliert, dass sie innerhalb eines Jahres in der Gewinnzone sei. Der Konkurrenzkampf in der Branche ist groß, weil es mehrere Musicalanbieter in Deutschland gibt und auch kleine Stadttheater, die das Genre wiederentdeckt haben. Größere Umsatzsprünge könnten nur realisiert werden, wenn man massiv neue Sitzplätze schaffe, sagt der Unternehmenssprecher. Die etwa 1700 Mitarbeiter erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2015/16 nach vorläufigen Zahlen einen Erlös von 317 Millionen Euro nach 302 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Da sich das Geschäft weiterhin zu lohnen scheint, hatte im Sommer 2015 der europäische Finanzinvestor CVC Capital Partners 60 Prozent an dem niederländischen Mutterkonzern übernommen. Der bisherige Eigentümer Joop van den Ende hatte damals den Verkauf mit seinem Alter begründet. Er ist weiterhin mit 40 Prozent an dem Veranstalter von Musicals wie „Der König der Löwen“ beteiligt. Mit der Hilfe von CVC könne Stage die Zuschauerzahlen innerhalb von fünf Jahren auf 20 Millionen pro Jahr verdoppeln, hieß es bei dem Einstieg.

          Der niederländische Mutterkonzern mit weltweit 24 Theatern konnte 2015/16 rund 10 Millionen Besucher anlocken und erzielte mit etwa 3000 Mitarbeitern Erlöse von rund 600 Millionen Euro. Stage besitzt allein in Deutschland zwölf Theaterhäuser, unter anderem in Hamburg, Stuttgart und Oberhausen, und zeigt unter anderem Musical-Produktionen wie „Das Wunder von Bern“ über den deutschen Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Stage Entertainment gehörte ursprünglich zu Endemol, der von van den Ende und John de Mol gegründeten Produktionsfirma, die mit Fernsehformaten wie „Big Brother“ bekannt wurde. Als Endemol an die spanische Telefónica verkauft wurde, behielt van den Ende das Musical-Geschäft. Auch CVC hat Erfahrung in der Unterhaltungsbranche: Dem Investor gehören unter anderem der britische Freizeitpark-Betreiber Merlin („Legoland“, „Heide Park“, „Madame Tussauds“ und „Sea Life“).

          Finanzinvestoren wollen schnelle Rendite

          Die deutsche Tochtergesellschaft von Stage ist seit eineinhalb Jahren gleichfalls im Tourneemarkt aktiv, wie deren Sprecher weiter erläuterte. Ein Stück auf Tour sei gut für noch einmal 200.000 bis 300.000 Besucher, je nach Länge der jeweiligen Tour. Seit CVC bei Stage mit im Boot ist, gibt es straffe Renditeerwartungen. So wurde das Berliner Theater am Potsdamer Platz von Stage geschlossen. Und auch die Hamburger Akademie, die zur Nachwuchsausbildung diente. Dies sei Wunsch des neuen Eigners gewesen. Die Akademie schlug mit Kosten von rund 1 Million Euro pro Jahr zu Buche.

          Proben bei Deutschlands erfolgreichstem Musical „Starlight Express“ in Bochum

          In Deutschland gibt es in der Regel immer nur einen Investor, der eine neue Bühnenshow finanziert, wie Maik Klokow, geschäftsführender Gesellschafter der in Düsseldorf ansässigen Mehr Entertainment GmbH berichtete. Es gebe nicht die Tradition wie im angelsächsischen Raum, dass sich mehrere Finanziers zusammentun, um ein entsprechendes Stück zur Aufführung zu bringen. Der Stage-Verfolger ist mit seinen 400 Mitarbeitern deutlich kleiner. Er betreibt sechs eigene Theater. Eine aktuelle Umsatzzahl nannte Klokow nicht. Sein Unternehmen ist für „Starlight Express“, die erfolgreichste Musicalproduktion in Deutschland mit über 16 Millionen Besuchern in 28 Jahren verantwortlich.

          Das Stück sei über die Jahre hinweg immer wieder angepasst worden. „Früher gab es mehr Rock’n’Roll. Jetzt gibt es mehr Hip Hop.“ Zur Unternehmensgruppe von Klokow gehören unter anderem ein Ticketvermarkter und ein Konzertveranstalter. Die Entwicklung neuer Bühnenstoffe sei die größte Herausforderung, sagte der frühere Stage-Manager. Erfolgreich sei beispielsweise die Welturaufführung von Hape Kerkelings „Kein Pardon“ gewesen. Stage arbeitet nach eigenen Angaben gerade an vier Eigenentwicklungen.

          Ralf Kokemüller, Geschäftsführer von der in Mannheim ansässigen BB Promotion, mietet sich mit seinen Shows in anderen Häusern ein. Der Musicalanbieter mit 85 Mitarbeitern und rund 80 Millionen Euro Umsatz hat kein eigenes Theater. Das soll aber nicht für immer so bleiben. Mittelfristig sei in Köln ein eigenes Haus geplant. Dafür sollen rund 40 Millionen Euro investiert werden, wie Kokemüller erklärte. Der amerikanische Markt unterscheidet sich nach seinen Worten beispielsweise auch durch den unterschiedlichen Musikgeschmack. Heute könne man zum Teil Einfluss nehmen, wenn ein neues Stück auf den Markt kommt, damit es auch in Deutschland spielbar sei.

          Udo Jürgens’ „Ich war noch niemals in New York“ im Operettenhaus: Hamburg ist Deutschlands heimliche Musical-Hauptstadt.

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