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Pfizer schluckt Allergan : Der größte Zusammenschluss der Pharmabranche

Bild: dpa

Der Arzneikonzern Pfizer will den Botox-Hersteller Allergan erwerben. Das Volumen der Transaktion liegt bei rund 160 Milliarden Dollar. Ein neuer Weltmarktführer entsteht - mit fraglichem Schicksal.

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          In der Pharmaindustrie soll ein neuer Weltmarktführer entstehen. Pfizer und Allergan haben die bislang größte Fusion der Branche verabredet, mit einem Volumen von etwa 160 Milliarden Dollar. Auf Basis der kombinierten Geschäfte ergibt sich ein Unternehmen mit 60 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Pfizer hat eine breite Palette von Medikamenten im Angebot: von rezeptfreien Produkten wie dem Sodbrennen-Mittel Nexium über Krebspräparate bis zu hin zu dem Erektionsmittel Viagra, jenem ersten Präparat dieser Art, mit dem Pfizer besondere Aufmerksamkeit erregte. Allergan ist in erster Linie für das Faltenmittel Botox bekannt, stellt aber ebenfalls klassische Medikamente her wie etwa das Alzheimer-Mittel Namenda.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Beide Unternehmen gaben am Montag bekannt, sie hätten den Plan festgezurrt, über den sie seit längerem verhandelt hatten. Es würde eine Transaktion der Superlative: Branchenübergreifend hat es dieses Jahr noch keine Übernahme dieser Größe gegeben, in der Pharmabranche noch nie. Pfizer bricht hier den eigenen Rekord, im Jahr 2000 übernahm der Konzern den ebenfalls amerikanischen Wettbewerber Warner-Lambert für 116 Milliarden Dollar. Wenn der neueste Plan aufgeht, wird es zudem die bisher größte „Tax Inversion“-Transaktion: Ein Unternehmen verlagert dabei im Zuge der Akquisition seinen Sitz formell in das Land des Fusionspartners, um Steuern zu sparen.

          In diesem Fall soll es so laufen: Pfizer und Allergan fusionieren unter dem Dach der in Irland ansässigen Allergan plc und nennen sich dann in Pfizer plc um. Die Aktie soll an der New Yorker Börse notiert sein, unter dem Kürzel PFE, die operative Zentrale in New York angesiedelt sein – formell aber in Dublin sitzen. In Irland sind die Unternehmensteuern deutlich niedriger als in den Vereinigten Staaten, wo der Satz 35 Prozent beträgt.

          Amerikas Finanzminister Finanzminister Jacob Lew

          Die Transaktion fällt mitten in eine Phase, in der die amerikanische Regierung solche steuerlich motivierten Transaktionen erschweren will. Finanzminister Jack Lew kündigte gerade neue Regeln an, die verhindern sollen, dass Unternehmen in Länder mit niedrigerer Steuerquote flüchten, ohne dabei auch ihre geschäftliche Aktivitäten zu verlagern. Das Prinzip der Tax Inversion hat zuletzt das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen befeuert – gerade auch im Pharma- und Medizinsektor. „Es ist unsere Pflicht, das Steueraufkommen zu schützen“, sagte Lew.

          Pfizer und Allergan versuchen allerdings offenkundig, die Fusion so zu strukturieren, dass sie Einschränkungen umgehen. Inwiefern die neuen Vorschriften den anstehenden Zusammenschluss beeinträchtigen, ist noch nicht abschließend zu bewerten. Analysten der Bank Citi prognostizieren, dass alles wie geplant laufen kann. „Politische Anti-Inversions-Rhetorik dürfte zwar anhalten, bis die Transaktion abgeschlossen ist“, urteilten die Fachleute. „Aber der einzige Weg, diese Transaktion zu verhindern, ist momentan, dass der Kongress die Steuergesetze ändert – und das ist im Vorlauf der Wahlen unwahrscheinlich, weil es keine parteiübergreifende Einigkeit bei diesem Thema gibt.“

          Lew hat angekündigt, dass den jetzt erlassenen Vorschriften weitere folgen werden. Das Finanzministerium legt Wert auf die Feststellung, dass die neuen Vorschriften nicht auf einen konkreten Fall zielten, also auch nicht den Fall Pfizer/Allergan. Ein Teil der schon verabschiedeten Regeln gilt rückwirkend von September 2014 an, so dass auch bereits abgeschlossene Übernahmen betroffen sind und möglicherweise neue auf anderer Beris kalkuliert werden müssen. Die Konzerne Mylan und Medtronic, die schon Übernahmen und Adressverlagerungen abgeschlossen haben, könnten deshalb steuerliche Probleme bekommen. Abbvie, eine Abspalung von Abbott, sagte eine geplante Großübernahme ab: die von Shire mit Sitz in Irland.

          Die aktuelle Rechtslage erlaubt Inversionen, wenn amerikanische Aktionäre weniger als 80 Prozent an der neuen Gesellschaft halten. Die neuen Vorschriften versuchen in diesem Zusammenhang eine Technik zu verhindern, die Stuffing oder Ausstopfen genannt wird. Dafür wird die ausländische Firma künstlich größer gemacht, damit die 80-Prozent-Regel greifen kann.

          Pfizer wird 11,3 eigene Aktien je Allergan-Anteil eintauschen, was das Allergan-Papier mit 363,63 Dollar bewertet, entsprechend einer Prämie von mehr als einem Viertel gegenüber dem Kurs von Ende Oktober, bevor die Pläne durchsickerten. Pfizers Vorstandsvorsitzender Ian Read soll das neue Unternehmen leiten, Allergan-Chef Brent Saunders als President und Chief Operating Officer fungieren mit Verantwortung für Verkauf, Produktion und Strategie. Die Transaktion soll in der zweiten Hälfte 2016 abgeschlossen werden und von 2018 an zum Gewinn beitragen. Die Pfizer-Aktie sank am Montag im frühen Handel im Wert um knapp 2 Prozent, der Allergan-Kurs gab ebenfalls 2 Prozent nach auf gut 306 Dollar, lag also deutlich unter dem Niveau der Offerte.

          Kommt der Deal zustande, könnte Pfizer das kombinierte Unternehmen in einem zweiten Schritt wieder spalten. Seit längerem wird angenommen, Read wolle das diversifizierte Pfizer-Modell aufgeben und statt dessen aufspalten in einen forschungsorientierten Konzern und einen Anbieter etablierter Medizin. Dem verlieh Pfizer am Montag neue Nahrung: „Als Folge der Kombination mit Allergan und der anschließenden Integration beider Unternehmen rechnet Pfizer nun damit, bis Ende 2018 über eine mögliche Trennung der innovativen und der etablierten Geschäfte zu entscheiden.“ Pfizer hat in er Vergangenheit viel und in großen Schritten zugekauft – zuletzt für 17 Milliarden Dollar Hospira, einen Hersteller von Nachahmermedikamenten, mit dem das Unternehmen das „etablierte“ Geschäft ausbaute.

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