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Verein für Socialpolitik : Ökonomen streiten über Geldschöpfung und Kryptowährung

„Sehr komplexe Operation“ mit Übergangsproblemen

Die meisten Mainstream-Ökonomen finden diese Ideen mehr als heikel. Die Bundesbank hat im Frühjahr die radikale Reformidee in ihrem Monatsbericht analysiert – und klar verworfen. Die 100-Prozent-Reserve mache das Bankensystem nicht stabiler, denn es könnte zu Ausweichreaktionen in den Schattenbankensektor kommen. Außerdem verlören Banken ihre volkswirtschaftlich wichtige Funktion etwa in der Fristentransformation, wenn sie keine Liquidität mehr schaffen könnten, weil die Geldschöpfung nur noch durch den Staat geschehe. Angesichts dieser Kritik ist es bemerkenswert, dass Kumhof den ersten Hauptvortrag auf dem Wiener Ökonomenkongress hält. Diesmal kann keiner klagen, der Ökonomenverein wage keine „plurale“ Debatte.

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Neben dem Chicago-Plan wird er dort auch über digitale staatliche Parallelwährungen sprechen. „Eine öffentliche Bitcoin hätte viele Vorteile, man könnte öffentliches Geld in vollkommen inflationsfreier Weise herausgeben“, meint Kumhof. Es sei sogar denkbar, dass dieses Parallel-Bargeld Zinsen erhalte. Gleichzeitig stellt er klar: „Die Bank of England hat dazu lediglich Forschung gemacht, sie hat keine Absicht, das in der Realität umzusetzen.“ In verschiedenen Entwicklungsländern, etwa in Ecuador, werde darüber aber konkret nachgedacht. In Schweden gebe es Bemühungen, Bargeld komplett abzuschaffen und durch Digitalgeld zu ersetzen. Kumhof gibt aber auch zu, dass eine Umstellung des Banken- und Geldsystems eine „sehr komplexe Operation“ mit Übergangsproblemen sein würde.

400 Kurzreferate aus 800 Einsendungen

Nach dem Londoner Forscher wird der renommierte Bonner Ökonom Martin Hellwig einen Vortrag über „Geldtheorie, Bargeld und Giralgeld“ halten. Der israelische Informatiker und Kryptologieexperte Adi Shamir, der am Weizmann-Institut in Rechovot lehrt, wird in Wien über die „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Bitcoins“ sprechen. Shamir, Träger des Turing Award (eine Art Nobelpreis für IT-Wissenschaftler), gilt als herausragender Informatiker. Bitcoin ist eine private, dezentral erstellte digitale Kryptowährung. In den vergangenen zwölf Monaten ist der Bitcoin-Kurs um 650 Prozent gestiegen, es gab aber auch schon Abstürze. Die Bundesbank hält Bitcoin daher nicht für ein richtiges Parallelgeld, sondern eher für ein Spekulationsobjekt. Andere sehen darin den ersten Ansatz für ein entstaatlichtes Geld.

Als letzter Hauptredner wird der in London lehrende Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl über geschichtliche Erfahrungen mit alternativen Währungen sprechen. Frühe nichtstaatliche alternative Wertzeichen waren die Wechselbriefe des Mittelalters. Während der deutschen Hyperinflation in den Jahren 1922 und 1923 gab es in zahlreichen Orten von Kreditvereinen herausgegebenes Notgeld. „Das ist aber sehr schnell wieder zusammengebrochen“, erinnert Ritschl. Entscheidend sei stets die Glaubwürdigkeit und Bonität des Emittenten, der für den Wert garantierte. Andere private Wertzeichen seien mit Warenwerten unterlegt gewesen, meist mit Edelmetall wie Gold oder Silber. Nur dann habe das Geld sich gehalten. Für die Zukunft kann sich Ritschl höchst unterschiedliche Innovationen vorstellen, auch eine neue „Kryptomark“ als Alternative zum Euro.

Neben den großen Vorträgen gibt es 400 Kurzreferate, die aus 800 Einsendungen ausgewählt wurden. Rund 100 Gutachter waren dafür im Einsatz. „Ziel war es, aus allen Feldern der Ökonomie gute Beiträge zu finden“, sagt Christine Zulehner von der Frankfurter Goethe-Universität, die die offene Tagung organisiert hat. Zusätzlich zu den wissenschaftlichen Sitzungen wird es in Wien erstmals einen Schülertag geben – dort soll die Jugend mit der „Faszination Wirtschaftswissenschaft“ in Kontakt kommen, so der Vortragstitel von Ernst Fehr, einem bekannten Verhaltensökonomen von der Universität Zürich.

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