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Verwendung der Öleinnahmen : Die norwegische Spardose

Das Geld kommt aus der Tiefe: Norwegen hat seinen Reichtum insbesondere großen Ölvorkommen in der Nordsee zu verdanken Bild: AFP

Das sprichwörtliche Freibier für alle könnte sich Norwegen lange leisten: Das Königreich hat rund 80.000 Euro je Einwohner auf der hohen Kante. Die Politiker dort halten trotzdem Maß - obwohl sie niemand dazu zwingt.

          3 Min.

          Die Unfähigkeit zu sparen scheint zu den Gewissheiten der Politik zu gehören. Wohin der einst in Maastricht vereinbarte Versuch geführt hat, die Budgets der europäischen Staaten im Zaum zu halten, lässt sich derzeit an der Krise ihrer gemeinsamen Währung beobachten. In Deutschland haben Bund und Länder zwar eine Schuldenbremse beschlossen, wollen sich aber erst ab 2020 daran halten. Aus Bayern stammt der Merksatz, er wird Edmund Stoibers politischem Ziehvater und CSU-Parteifreund Franz Josef Strauß zugeschrieben: Eher legt sich ein Hund einen Wurstvorrat an, als dass ein Politiker spart. Nur in Norwegen gilt diese Regel offenbar nicht. Dort sitzt der Hund aus dem Gleichnis seit Jahren vor einer prall gefüllten Fleischtheke und begnügt sich mit Magerkost.

          80.000 Euro je Einwohner auf der hohen Kante

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rund 80.000 Euro je Einwohner hat das Königreich auf der hohen Kante - und kein Politiker rührt sie an. Der Reichtum kam nach Norwegen wie ein Weihnachtsgeschenk. Am 23. Dezember 1969 gelang der amerikanischen Erdölfördergesellschaft Phillips Petroleum die erste erfolgreiche Erkundungsbohrung im norwegischen Sektor der Nordsee. Das „Ekofisk“ getaufte Feld ist mit einem Volumen von knapp 4 Milliarden Barrel noch heute eines der größten der Nordsee, vor elf Jahren hat der norwegische Staat die dort installierten Förderanlagen zum nationalen Kulturdenkmal erklärt.

          Die größten Staatsfonds der Welt

          Etwa gleichzeitig beschloss das Parlament in Oslo, wie künftig mit den öffentlichen Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung zu verfahren sei. Keine Verfassungsänderung war dazu nötig, nicht einmal ein Gesetz. Nur eine „Richtschnur“ stellte die damalige sozialdemokratische Regierung vor: Jahr für Jahr sollte fortan nicht mehr als der langfristig zu erwartende Anlagegewinn von 4 Prozent aus dem schon 1990 eingerichteten Ölfonds entnommen werden, um das Haushaltsdefizit auszugleichen.

          „Ihren Lackmustest hat die Politik bestanden“

          Diese im Finanzministerium ersonnene Regel hat bisher alle Regierungskoalitionen überstanden. Sogar im Krisenjahr 2009 flossen nur 4,4 Prozent des damaligen Marktwerts aus dem Fonds in den Staatshaushalt - Abweichungen in dieser Größenordnung sind den Leitlinien zufolge ausdrücklich erlaubt, um konjunkturelle Schwankungen auszugleichen. „Ihren Lackmustest hat die Politik in den Jahren mit kräftigem Wirtschaftswachstum bestanden“, kommentiert Øystein Thøgersen, Professor an der Norwegischen Handelshochschule, den Umgang mit dem Fonds. 2007 etwa entsprach die Überweisung nur 2,7 Prozent des Marktwerts, für 2011 werden 3,5 Prozent erwartet.

          Da gleichzeitig die Staatseinkünfte aus der Ölförderung - der staatliche Anteil an den Lagerstätten, Steuern der Privatunternehmen der Branche und die Dividende des mehrheitlich staatlichen Ölkonzerns Statoil - munter weiterfließen, wird das Sparschwein der Nation zusehends fetter. Auf gut 3 Billionen Kronen oder fast 400 Milliarden Euro - gut 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - wurde der Marktwert des Fonds zuletzt beziffert, der im Original „Statens pensjonsfond - utland“ heißt, weil sein Inhalt ausschließlich im Ausland investiert wird, um eine Überhitzung der norwegischen Wirtschaft zu vermeiden.

          Breite Risikostreuung

          Die Abteilung der norwegischen Zentralbank, die für das Management des Fonds zuständig ist, liegt mit ihrer Anlagestrategie bislang im Großen und Ganzen richtig, auch wenn für das dritte Quartal 2011 ein Minus von 8,8 Prozent verbucht wurde: Mit einer annualisierten Rendite von 4,2 Prozent hat sie ihr langfristiges Ziel bislang sogar leicht übertroffen. 55 Prozent des Volumens stecken breit gestreut in festverzinslichen Papieren, der größte Einzelposten in diesem Segment sind zurzeit amerikanische Staatsanleihen; knapp 45 Prozent sind in Aktien von fast 8500 verschiedenen Unternehmen investiert, am meisten wert sind mit jeweils 21 Milliarden Kronen die Anteile am britischen Ölkonzern Royal Dutch Shell und an dem Nahrungsmittelkonzern Nestlé aus der Schweiz. Seit dem vergangenen Jahr kauft der Fonds außerdem auch Immobilien, bisher wurden Objekte in Paris und London erworben.

          Zwei Erfahrungen hätten die norwegischen Politiker vorsichtig im Umgang mit den Milliarden gemacht, versucht Øystein Thøgersen zu erklären, warum das Geld nicht mit vollen Händen ausgegeben wird. Da ist zum einen die als „holländische Krankheit“ in die Lehrbücher eingegangene Wirtschaftskrise in den Niederlanden. Das Land erlebte nach dem Fund von Erdgas in den siebziger Jahren zuerst einen Boom und dann eine Rezession. Und auch die vom Ölpreis getriebene Kredit- und Immobilienblase Anfang der achtziger Jahre in Norwegen spielt eine Rolle. Das Platzen dieser Blase brachte die norwegische Finanzbranche ins Schlingern.

          Der Sinn des Maßhaltens

          Nicht einmal die rechtsliberale Fortschrittspartei, die im Wahlkampf gerne mehr Geld für den Straßenbau, höhere Renten und niedrigere Benzinpreise fordert, würde nach Thøgersens Einschätzung gegen die 4-Prozent-Regel verstoßen, wenn sie an die Macht käme. „Die politischen Kosten dafür wären zu hoch“, sagt er. Neben den großen Parteien seien inzwischen auch alle maßgeblichen Medien vom Sinn des Maßhaltens überzeugt. Derzeit dürfte die Regel im Kabinett aber ohnehin gänzlich unumstritten sein: Jens Stoltenberg, der sie 2001 vorgeschlagen hat, ist wieder Ministerpräsident; sein Finanzminister war schon damals einer ihrer wichtigsten Fürsprecher - und gilt heute als einer der populärsten Politiker des Landes.

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