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F.A.Z. exklusiv : Versicherer wollen Urlauberschutz nachbessern

Frustrierte Urlauber auf dem Flughafen Palma de Mallorca Bild: dpa

Kunden des insolventen Thomas-Cook-Konzerns werden trotz gesetzlicher Absicherung ihre Zahlungen nicht komplett zurückbekommen. Die Versicherungswirtschaft macht jetzt Reformvorschläge.

          3 Min.

          Nach dem Aus des Reiseveranstalters Thomas Cook ist die Diskussion über die Zukunft der deutschen Variante der EU-weit vorgeschriebenen Insolvenzabsicherung für Urlaubskunden entbrannt. Denn eine sechsstellige Zahl an Pauschalreisekunden wird das für ausgefallene Urlaube gezahlte Geld nicht komplett zurückbekommen, obwohl sie zur Buchung einen Sicherungsschein erhalten hatten. Die deutsche Versicherungswirtschaft wagt nun einen Vorstoß mit Reformvorschlägen, der in der Reisebranche nicht nur auf Gegenliebe stoßen dürfte.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So fordert die Versicherungswirtschaft nach F.A.Z.-Informationen, dass die gesetzliche Begrenzung der Haftung auf 110 Millionen Euro je Versicherer und Jahr fällt. Dieser Deckel ist der Hauptgrund, warum es Zweifel gibt, ob das deutsche Sicherungssystem den EU-Vorgaben genügt. „Damit Reisende in der Zukunft nach einer Insolvenz den vollen Reisepreis erstattet bekommen, braucht es eine geänderte Regelung“, heißt es vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Die Bundesregierung hat Gespräche mit der Tourismusindustrie und der Versicherungswirtschaft begonnen. „Wir als Versicherer bringen uns konstruktiv in diese Diskussion ein.“

          Versicherer wollen Verantwortung loswerden

          Nach dem Aus des zweitgrößten Reiseanbieters sind nach Brancheninformationen schon Kundenforderungen von mehr als 250 Millionen Euro aufgelaufen. Zudem dürfte die Rückholung der Urlauber, die zum Insolvenzzeitpunkt auf Reisen waren, einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag gekostet haben. Die Verantwortung für die arbeitsreiche Organisation von Ersatzunterbringungen und Heimflügen wollen die Versicherer nun auch loswerden – und an die Urlaubsbranche und die Reiseveranstalter übertragen.

          „Damit alle Veranstalter einen für sie passenden Insolvenzschutz erhalten könnten, könnte etwa statt des bisherigen Deckels in Höhe von 110 Millionen Euro ein mehrstufiges System geschaffen werden“, schlägt der GDV vor. Damit würde das bisherige deutsche System im Kern erhalten, dass den Schutz der Kundenzahlungen über private Versicherer gewährleisten soll. Das wäre eine Absage an das britische Modell, in dem Reiseveranstalter je Kunde einen Pauschalbetrag in einen staatlichen Fonds einzahlen.

          Sorge vor höheren Prämien

          „Die Reiseveranstalter könnten dann je nach Umsatzhöhe ausreichenden Versicherungsschutz einkaufen“, schlägt der GDV als deutsche Reform vor. Damit wäre wohl sichergestellt, dass kein Kunde auf Kosten für einen insolvenzbedingt ausgefallenen Urlaub sitzen bleibt. Allerdings würde für große Reiseanbieter der Schutz teuer, sie müssten höhere Prämien an Versicherer zahlen. Dagegen ist Widerstand zu erwarten. Denn die steigenden Kosten müssten auf Kunden umgelegt werden und würden die Margen der Anbieter schmälern.

          Urlauber zahlen Pauschalreisen im Voraus. Üblich ist, dass nach der Buchung 20 Prozent des Reisepreises, der für eine Familie mehrere tausend Euro betragen kann, als Anzahlung fällig werden. Der Rest ist dann spätestens 28 Tage vor Anreise zu zahlen.

          Dafür erhalten Urlauber mit der Buchung einen Sicherungsschein als Beleg, dass ihr Reiseveranstalter über eine Kautionsversicherung verfügt. Thomas Cook hatte einen Vertrag mit dem Versicherer Zurich. „Dieses System hat lange Jahre gut funktioniert – bis die Insolvenz von Thomas Cook gezeigt hat, dass die bisherige Regelung nicht in jedem Fall ausreicht“, urteilt der GDV.

          110 Millionen Euro reichen nicht

          „Nicht in jedem Fall“ – damit ist umschrieben, dass die Deckelung auf 110 Millionen Euro nicht nur im Fall von Thomas Cook zu knapp war, sie wäre es auch bei einer ganzen Reihe weiterer Reiseanbieter. Aktuell ist keiner von diesen vor einer Insolvenz bedroht, mehrere Unternehmen haben vorsorglich schon auf ihre Liquidität und Bonität hingewiesen. Doch auch in der Reisebranche heißt es, dass bei TUI, DER Touristik, FTI, Alltours, Aida und Schauinsland-Reisen die möglichen Kundenforderungen aufgrund der Größe der Unternehmen 110 Millionen Euro übersteigen würden.

          Damit sind die großen Sechs der Branche, die zusammen für mehr als 50 Prozent des Geschäfts stehen, genannt. Dazu kommt, dass die bisherige Deckelung nicht je Insolvenzfall, sondern je Versicherer gilt. Würden mehrere Kleinanbieter, die alle denselben Versicherer haben, ausscheiden, wären die Folgen für Kunden ähnlich.

          Klage gegen Deutschland

          Mindestens eine Klage gegen den deutschen Staat wegen einer möglichen fehlerhaften Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie ist schon eingereicht. Sie kann dazu führen, dass der Staat und somit der Steuerzahler für die Folgen der Thomas-Cook-Insolvenz zahlen muss.

          Den Versicherern geht es in ihren Vorschlägen nicht nur um Kosten, sondern auch um Mühen, die die Folgen einer Insolvenz verursachen. „Zwar wurden auch im Fall von Thomas Cook dank eines logistischen Kraftakts des betroffenen Versicherers alle Reisenden nach Hause geholt“, betont der GDV. Doch Versicherer sollten nicht mehr „gezwungen sein, im Schadenfall selbst zum ‚Ersatz-Reiseveranstalter‘ zu werden.“ Schließlich sei es deren Aufgabe und Kerngeschäft, für finanzielle Schäden aufzukommen.

          Stattdessen sollen nach dem Willen der Versicherungswirtschaft Reiseunternehmen in die Pflicht genommen werden. „Unterkünfte, Flüge und Transfers zu organisieren, ist das Kerngeschäft der Tourismusbranche. Sie kann und sollte Reisenden nach der Insolvenz eines Veranstalters schnell helfen und dafür einen entsprechenden Notfall-Mechanismus schaffen“, heißt es vom GDV. Der Versicherer würde die Kosten dafür tragen – auf die Reisebranche kämen zusätzliche Aufgaben zu. Zuletzt hatten schon Reisebüros unter der Fülle der Fragen betroffener Thomas-Cook-Urlauber und weiterer verunsicherter Kunden geächzt.

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