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Allianz 4.0 : Der digitale Sturm als Chance

Die App "BonusDrive" der Allianz Autoversicherung zeigt dem Nutzer seine Fahrweise an. Bild: dpa

Um die Allianz habe sich der „perfekte Sturm“ zusammengebraut, sagte ihr Chef kürzlich. Seine Zustandsbeschreibung ist richtig. Aber findet er auch die richtigen Lösungen?

          Das Wort „Digitalisierung“ treibt vielen Managern Sorgenfalten auf die Stirn. Gebannt blicken sie auf die vielen kleinen Start-up-Unternehmen, die nicht weniger als eine Revolution in den jeweiligen Branchen anzetteln wollen. Ob Autohersteller oder Großbank, das Beschwören des „Unternehmergeistes“ gehört mittlerweile zum Managervokabular. Selbst der Vorstandsvorsitzende der Allianz gibt unumwunden zu, von den jungen Technologiefirmen, den „Insurtechs“, lernen zu wollen. Dabei ist Oliver Bäte seit eineinhalb Jahren der Chef von Europas größtem Versicherer, einem Konzern mit 85 Millionen Kunden, der fast 150.000 Menschen in 70 Ländern beschäftigt, und der für Versicherte und Investoren 1,5 Billionen Euro verwaltet und damit das Vierfache des deutschen Staatshaushaltes. Und so jemand muss sich mit Garagenunternehmen vergleichen?

          Tatsächlich ist die Revolution in der Assekuranz in vollem Gang. Seit Jahren kaufen immer mehr Menschen Versicherungen im Internet, der Online-Absatz hat sich in Deutschland in zehn Jahren vervierfacht. Junge Kunden suchen nicht mehr den Versicherungsmakler auf, ihre Loyalität ist ungewiss. Bäte weiß, dass er die Geschäftsmodelle des Versicherers neu erfinden, dass er nicht mehr nur Prozesse automatisieren, sondern sie von den Kunden her denken muss. Genau das machen die jungen, unbedarften Insurtechs. Sie heißen Clark, Getsafe oder Knip, und sie versprechen maßgeschneiderte Lösungen. Sie bieten dem Verbraucher in digitalen Versicherungsordnern einen Überblick über all seine Verträge. Sie vermitteln Policen über eine App auf dem Smartphone. Das ist einfach und bequem für den Kunden – und hochgefährlich für den Versicherer, denn er verliert den Kontakt zum Kunden. Wer bei Knip oder Getsafe versichert ist, weiß oftmals gar nicht, welcher Versicherer hinter der jeweiligen Police steht. Die stolzen Versicherungskonzerne werden zu anonymen Dienstleistern. Neben den digitalen Versicherungsmaklern schwingen sich Unternehmen wie Friendsurance, Jointly oder Gather zu genossenschaftlich organisierten Online-Gemeinschaften auf, die sich gegenseitig vertraglich zum Deckungsschutz verpflichten. Sie machen die traditionellen Versicherer überflüssig.

          Digitale Pilotprojekte für Schadensabwicklung

          Es ist nicht so, als sei die Allianz von dieser Entwicklung überrascht worden. Vorstandschef Bäte hat seine Mitarbeiter früh auf die neue Konkurrenz eingeschworen. An den unterschiedlichsten Plätzen im Allianz-Reich lässt er nach digitalen Ideen suchen, lässt von jungen Mitarbeitern neue Versicherungsprodukte entwickeln – abseits der starren Konzernhierarchien. Vor kurzem wurde die „Allianz X“ ins Leben gerufen. Das ist eine kleine Spezialeinheit mit großem Freiraum, die den Aufbau von Unternehmen unterstützt, die – so die unbescheidene Zielrichtung – „das Leben von Kunden erleichtern und verbessern und von globaler Bedeutung sein können“. Die Allianz imitiert damit die Arbeitsweise von Start-up-Unternehmen.

          Manches klingt vielversprechend: Weniger Papier, mehr digitale Dienstleistungen. Der Allianz-Krankenversicherte kann heute seine Arztrechnungen per App an das Unternehmen weiterleiten. Junge Autofahrer können ihren Fahrstil von einer App überwachen lassen und erhalten, wenn sie denn umsichtig und unfallfrei unterwegs sind, am Jahresende bis zu 40 Prozent ihres Versicherungsbeitrags zurück. Die Allianz hat auch Apps im Piloteinsatz, mit deren Hilfe die Schadensfälle bearbeitet werden: Da fotografiert der Autofahrer die Delle an seinem Fahrzeug, schickt die Bilder an die Allianz, die wiederum aus der Verknüpfung mit ihrer riesigen Datenbank in Sekundenschnelle den Schaden beziffert und das Geld überweist.

          Eine 126 Jahre alter Konzern im Start-Up-Modus

          Die vielen Sachbearbeiter in der Allianz sind dadurch überflüssig. Der 126 Jahre alte Versicherungskonzern ist eben kein Start-up. Er besitzt eine Organisationsform aus der analogen Welt, die nicht geschaffen wurde, um schnelle Entscheidungen zu treffen, wie sie in der digitalen Welt erforderlich sind. Die Allianz verfügt über ein dichtes Außendienst-Netz. Aber das ist kein Wettbewerbsvorteil mehr, wenn die Menschen ihr Leben über das Smartphone organisieren. Schon heute ist die Nervosität unter den 8.300 Allianz-Vertretern allein in Deutschland spürbar. Kleineren Agenturen, die nicht über Spezialwissen verfügen, droht das Aus.

          Allianz-Chef Bäte weiß, dass die Digitalisierung nicht das einzige Problem ist. Die Nullzinsen der Europäischen Zentralbank bedrohen das Geschäftsmodell der Lebensversicherung, das hektische Auf und Ab an den Börsen macht es der Vermögensverwaltung schwer, und über allem schweben politische Unsicherheiten und strengere Regulierungsvorschriften. Um die Allianz habe sich der „perfekte Sturm“ zusammengebraut, sagte Bäte kürzlich. Seine Zustandsbeschreibung ist richtig. Aber findet er auch die richtigen Lösungen? Viel Zeit hat er nicht. Fünf Jahre, manche sagen sogar nur drei, bleiben den Konzernen, um in der digitalen Welt anzukommen. Ansonsten werden sie zu Direktversicherern degradiert. Selbst einer Allianz droht dieses Schreckenszenario.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

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