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Verseuchte Nahrungsmittel : Wenn das Essen gefährlich wird

53 Menschen starben im Zuge der Ehec-Epidemie vor drei Jahren an verseuchten Biosprossen. Was haben wir daraus gelernt?

          Vor drei Jahren brach die Ehec-Epidemie aus. 53 Menschen ließen ihr Leben, 3843 Menschen erkrankten zum Teil schwer, unter anderem an Nierenversagen. Dutzende sind zu Dialyse-Patienten geworden, warten auf eine Spenderniere.

          In der Rückschau haben die mit der Eindämmung der Krankheit betrauten Behörden gut gearbeitet, wenn man die dem föderalen System geschuldeten Zeitverluste tolerieren will. Es gelang ihnen etwas, was selten bei der Analyse von solchen Epidemien gelingt. Sie konnten Indizien finden, die eine klare Aussage zulassen: Krankheitserreger auf Biosprossen aus Ägypten, die auf einem Ökobauernhof aus dem niedersächsischen Bienenbüttel ausgekeimt und verkauft wurden, haben die tödliche Krankheit ausgelöst.

          Den Ökolandbau darf keine Schuld treffen

          Die Beamten trauten sich, die Quelle wegen erdrückender Beweise zu benennen: In einer Gruppe, die gemeinsam ein Restaurant besucht hatte, waren viele erkrankt, die auch Biosprossen gegessen hatten. Und: Von allen befragten Erkrankten gaben viele an, Sprossen konsumiert zu haben. Schließlich konnten bei französischen Ehec-Patienten nachgewiesen werden, dass sie Biosprossen vom selben ägyptischen Erzeuger zu sich genommen hatten, der auch den Ökohof in Bienenbüttel beliefert hatte. Das war der Durchbruch in den Ermittlungen.

          Dann geschah etwas Überraschendes: Es traten die „Essensretter“ auf. So bezeichnen sich die Mitarbeiter der gemeinnützigen Organisation Foodwatch. Diese hat die uneingeschränkt lobenswerte Ambition, „verbraucherfeindliche Praktiken der Lebensmittelindustrie“ aufzudecken. Sie ist nicht unbedingt zimperlich mit ihren Methoden: Versteckt die Firma Nestlé nach Ansicht von Foodwatch zu viel Zucker in den Frühstücksflocken für Kinder, wird sie angeprangert. McDonald’s, Lidl oder Red Bull – alle kriegen von der Organisation eins auf die Mütze. Die Kampagnen sind oft nachvollziehbar, man wertschätzt bereitwillig die Respektlosigkeit gegenüber der Politik und den Unternehmen. Einmal jedoch hat Foodwatch doch Partei zugunsten der Wirtschaft ergriffen.

          Die Organisation hat alles getan, um den Ökobauernhof Bienenbüttel zu entlasten von jeglicher Schuld an der Ehec-Tragödie. Sie warf den öffentlichen Einrichtungen, deren gemeinsame Task Force die Biosprossen ermittelt hatten, Geschichtsklitterung vor und dass die Mitwirkung des Biohofs, in dem die Sprossen auskeimten, nicht erwiesen sei. Das Ziel dieser Kampagne war offensichtlich: Die Bewahrung einer bestimmten landwirtschaftlichen Produktionsweise, die von Foodwatch präferiert wird, vor öffentlicher Kritik. Der Ökolandbau darf nicht schuld gewesen sein.

          Der nächste Ausbruch kommt bestimmt

          Denn hinter Ehec verbergen sich ein paar unbequeme Wahrheiten, an deren Verbreitung Foodwatch offenbar nicht gelegen ist. Die erste lautet: Rohkost ist womöglich gesundheitsgefährdender als die so angeprangerte prozessierte Nahrung der Lebensmittelindustrie: Ketchup kann unbedenklicher als Tomaten sein. Das liegt unter anderem an der sogenannten organischen Düngung, dem Mist. Er bringt die Krankheitserreger zum Salat und der ganzen anderen Rohkost. Die Ökolandwirtschaft präferiert aus nachvollziehbaren Gründen organischen Dünger, während konventionelle Landwirte Kunstdünger streuen, der in dieser Hinsicht unbedenklich ist. Auch Biogasanlagen, die im Dienst der grünen Energiewende organisches Material zu Energie machen, verdienen als potentielle Nistplätze für Erreger aller Art eine genauere Observation.

          Die nächste Erkenntnis: Früher starben die Leute an Fleischvergiftungen. Systematische Fleischbeschau minderte das Risiko erheblich. Heute kommen die Krankheiten eher über Pflanzen. Und schließlich müssen die Freunde der Naturkost zur Kenntnis nehmen, dass eine Bestrahlung der Lebensmittel, wie von vielen anderen Ländern praktiziert, Leben gerettet hätte. Radioaktivität hätte die Erreger gekillt. Die Bestrahlung ist aber hier bis auf Ausnahmen verboten.

          Drei Jahren nach dem Unglück weiß man eines ziemlich sicher: Der nächste Ehec-Ausbruch kommt bestimmt. Ehec kann überall auftreten. Es verbietet sich, Gefahrenquellen aus ideologischen Gründen freizusprechen. Es geht um Menschenleben.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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