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„Verschlossene Auster“ : Bankenverband trägt Spott mit Fassung

Ein Preis den niemand haben will: die „verschlossene Auster” Bild: dpa

Investigativ arbeitende Journalisten haben die Privatbanken mit einem eher peinlichen Preis geehrt: Die „verschlossene Auster“ gibt es für die schlechteste Medienarbeit. Nur selten kommen die Preisträger zur „Verleihung“ und lassen die „Laudatio“ über sich ergehen. Doch diesmal kam es anders.

          Die „verschlossene Auster“ ist ein höchst ehrenrühriger Preis. Denn damit wird die schlechteste Medienarbeit des Jahres prämiert. Das „Netzwerk Recherche“, ein freiwilliger Zusammenschluss investigativ arbeitender Journalisten, vergibt ihn einmal im Jahr auf seiner Jahrestagung. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin hat ihn schon erhalten, der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehdorn ebenfalls. Im vergangenen Jahr wurde das Internationale Olympische Komitee ausgezeichnet.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Erst einmal in der Geschichte der Auszeichnung nahm ein Preisträger die „Trophäe“ persönlich entgegen. 2002 verband der damalige Bundesinnenminister Otto Schily die Vergabe mit einer wüsten Beschimpfung von Journalisten. So war der Auftritt von Manfred Weber, dem Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Banken an diesem Samstag in Hamburg gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. In Seelenruhe ließ er die „Laudatio“ des linken Bremer Ökonomen Rudolf Hickel über sich ergehen und konterte danach zwar leicht zerknirscht, aber sachlich die Vorwürfe.

          „Hier steht ein Lobbyist vor ihnen“

          Hickel machte eine falsche Einstellung zu Regulierungsfragen und den Verkauf zu komplexer Finanzprodukte als Hauptprobleme aus. Er forderte von den deutschen Banken, Fehler einzugestehen und sich bei falsch beratenen Kunden zu entschuldigen. In seiner spöttischen Rede warf Hickel dem Preisträger aber auch bewusste Desinformation vor. „Sie können die verschlossene Auster nächstes Jahr wieder zurückgeben, wenn Sie die Fehler beheben“, stellte er Weber in Aussicht.

          Manfred Weber

          Der wiederum bedankte sich zunächst höflich und gab zu, dass Banken zum Teil unglücklich oder gar nicht kommuniziert hätten. „Eines aber weise ich zurück: Die Presse behindert oder gar fehlgeleitet zu haben“, betonte Weber. Auch Anlageberater, die risikobewussten Kunden vor dem 15. September 2008 Zertifikate von Lehman Brothers vermittelt hätten, hätten nichts falsch gemacht. Erst mit der Entscheidung der amerikanischen Regierung, die Investmentbank in die Insolvenz gehen zu lassen, sei die Finanzkrise in ihre zweite Phase getreten. „Hier steht ein Lobbyist vor ihnen“, rief er den Journalisten entgegen, „Aber ist das schlimm?“

          Die Verbandsarbeit sei transparent. Programmpapiere und Leitlinien würden auf der Homepage veröffentlicht. Dass aber nicht jede Information direkt an die Presse weiter gereicht werde, erklärte Weber mit Vertraulichkeit. Anders als es von Mitgliedern des Bundeskabinetts üblich sei, wolle er nicht Abstimmungstendenzen aus vertraulichen Sitzungen schon vorab per SMS an Berichterstatter weiterreichen. Den Vorwurf, lange dem „Turbokapitalismus“ das Wort geredet zu haben, wies er zurück. Schon seit Jahren verlange er eine europäische Finanzaufsicht. „Diese Forderung habe ich 2000 erhoben. Unterstützung in Berlin: Null. Unterstützung in Brüssel: Null.“ Auch sein Vorschlag, Bankenaufseher marktgerecht zu entlohnen, sei stets mit dem Hinweis abgewehrt worden, die Veränderung des Dienstrechts sei zu kompliziert.

          Weber: Nicht nach Sündenböcken suchen

          Die Banken hätten sehr wohl Fehler gemacht. Aber damit stünden sie nicht allein. Der Wunsch des früheren amerikanischen Präsidenten George Bush, eine Gesellschaft von Eigentümern zu schaffen, die lose Geldpolitik, eine zersplitterte Aufsicht und blindes Vertrauen in Rating-Agenturen seien ebenfalls an vorderster Stelle zu nennen. Er bat die Medienvertreter, nicht nach Sündenböcken zu suchen und forderte, den Vorwurf der Gier zu überprüfen. Wenn ein Renditeziel von 25 Prozent ausgegeben würde, sollten sie unterscheiden, ob es vor oder nach Steuern erzielt werde. Zudem dürfe die Eigenkapital- nicht mit der Umsatzrendite verwechselt werden. „Die Eigenkapitalrendite des verarbeitenden Gewerbes lag lange bei 32 Prozent. Viele Unternehmen haben zum Glück 40 Prozent und mehr“, sagte Weber.

          Dass er die Auszeichnung persönlich entgegengenommen habe, erklärte der Verbandschef damit, dass eine Auster vergleichsweise leicht zu ertragen sei, wenn man sonst als Gangster oder Heuschrecke bezeichnet werde. „Prüfen Sie uns, wir haben unseren Sitz in Berlin“, rief er den Netzwerk-Mitgliedern zum Abschluss zu. Auch für die Veranstalter war diese Art von Auftritt ein Novum. Durch den unerwartet langen Schlagabtausch verzögerten sich die anschließenden Podiumsdiskussionen erheblich. Aber das verziehen die Teilnehmer gern, denn schließlich durften sie einem ziemlich außergewöhnlichen Programmpunkt beiwohnen.

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