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Versandhandelsapotheke : Celesio stellt Doc Morris zum Verkauf

Günstige Arzneimittel, kostspielige Strategie: Die Übernahme von Doc Morris hat Celesio zum Wettbewerber seiner wichtigsten Kunden gemacht. Bild: dpa

Dass der Arzneimittelgroßhändler Celesio die Versandapotheke Doc Morris übernahm, sahen die normalen Apotheken nicht gern. Jetzt will sich Celesio wieder von Doc Morris trennen. Die Deutsche Bank sucht Investoren.

          3 Min.

          Die Versandhandelsapotheke Doc Morris soll verkauft werden. Der Stuttgarter Pharmagroßhändler Celesio, zu dem Doc Morris gehört, hat die Deutsche Bank mit der Suche nach Investoren beauftragt. Das Unternehmen habe den Verkaufsprozess für den Online-Versandhandel eingeleitet, sagte Konzernchef Markus Pinger am Dienstag bei seiner ersten Bilanz-Pressekonferenz als Celesio-Chef. Außerdem hat Celesio die Töchter Movianto und Pharmexx zum Verkauf
          gestellt.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Das Verhältnis zu den Apotheken ist offenbar ausschlaggebend für die Entscheidung, Doc Morris zu verkaufen. Denn den deutschen Apotheken ist die Versandapotheke immer noch ein Dorn im Auge. Anbieter wie der europäische Marktführer Doc Morris nutzen die unterschiedlichen Gesetzeslagen in verschiedenen europäischen Ländern aus. Vor allem Kunden, die regelmäßig mehrere verschreibungspflichtige Medikamente brauchen, nutzen beispielsweise gern niederländische Versandapotheken, von denen sie üblicherweise einen „Rezeptbonus“ bekommen, der dann für den Kauf rezeptfreier Mittel eingesetzt werden kann. Doc Morris mit Sitz im niederländischen Heerlen etwa wirbt mit einem Bonus von bis zu 15 Euro je Rezept. Dem haben deutsche Apotheken wenig entgegenzusetzen. Sie dürfen laut Rechtsprechung ihre Kunden allenfalls mit kleinen Geschenken im Wert von höchstens einem Euro für einen Einkauf belohnen.

          Noch herrscht Eiszeit zwischen Celesio und den Apotheker-Verbänden

          Argwöhnisch wurde in der Branche deshalb beäugt, ob Markus Pinger, der im vergangenen Sommer die Nachfolge des langjährigen Celesio-Chefs Fritz Oesterle angetreten hat, den Apotheken-Wettbewerber Doc Morris im Konzern behalten will. In einem vertraulichen Spitzengespräch mit Vertretern der Apotheker-Verbände Abda und DAV hat der Celesio-Chef nun offenbar die Friedensflagge gehisst. Das Gespräch war das erste seiner Art seit fünf Jahren. Denn seit der Übernahme von Doc Morris im Frühjahr 2007 hatte zwischen dem Arzneimittelgroßhändler und den Apothekerverbänden demonstrativ Eiszeit geherrscht. Der damalige Celesio-Chef Oesterle hatte mit dem Kauf signalisiert, dass das Stuttgarter Unternehmen in der zu erwartenden Liberalisierung der europäischen Apothekenmärkte ganz vorne mitspielen wollte. Aus Verärgerung darüber, dass ausgerechnet der eigene Großhändler zum Konkurrenten wurde, indem er die Patienten mit Doc Morris köderte, haben damals viele Apotheker ihre Einkäufe bei der deutschen Celesio-Gesellschaft Gehe aufgegeben oder zumindest vorübergehend demonstrativ eingestellt. Umsatz und Marktanteil des Unternehmens, das zu den drei wichtigsten Anbietern der Branche in Deutschland zählt, sackten deutlich ab. Den Effekt auf das operative Ergebnis bezifferte Celesio auf 30 Millionen Euro. Den „Kanalkonflikt“ hatte Pinger nach seiner Berufung auf den Chefsessel vom Start an als eines der Probleme von Celesio bezeichnet. Bis zum Ende dieses Jahres werde er eine Lösung präsentieren, hatte er in Aussicht gestellt.

          Der Verkauf, der möglichst noch in diesem Jahr über die Bühne gehen soll, dürfte Celesio einen dreistelligen Millionenbetrag bringen. Doc Morris erzielt im Versandhandel einen Umsatz von gut 300 Millionen Euro und gilt als durchaus rentabel. 2007 hatte Celesio knapp 200 Millionen Euro für Doc Morris bezahlt. Grundsätzlich könnte Doc Morris für Finanzinvestoren wie auch für strategische Investoren interessant sein. So hat der amerikanische Versandhändler Medco vor vier Jahren die Nummer zwei hinter Doc Morris, die ebenfalls in den Niederlanden ansässige Europa Apotheek, gekauft. Medco könnte auch an Doc Morris interessiert sein, allerdings dürfte es kartellrechtliche Einwände gegen eine Übernahme geben.

          Unklar ist nach Informationen der F.A.Z. noch, ob lediglich das Geschäft der Versandapotheke abgegeben wird oder auch die Marke Doc Morris. Weil der Name einen sehr hohen Bekanntheitsgrad hat, wurde er von Celesio in Deutschland auch für sogenannte „Markenpartnerschaften“ eingesetzt: Selbständige Apotheker arbeiten mit dem Namen, ohne dass daraus aber eine Filialkette geworden wäre. Das Konzept war allerdings nur mäßig erfolgreich, weshalb Celesio schon einmal 71 Millionen Euro abgeschrieben hat. Im vorigen Frühjahr allerdings folgte der Beschluss, die Apotheken-Ketten im Ausland nach und nach auf den Namen Doc Morris umzurüsten: „Unser langfristiges Ziel ist, Doc Morris zur führenden Apothekenmarke Europas zu machen“, sagte Fritz Oesterle vor einem Jahr. Insgesamt besitzt Celesio 2300 eigene Apotheken in Europa und beliefert als Großhändler 65000 Apotheken. 

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