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Vernetzung : Der Kampf um die Industrie von morgen

Aktuell, aber weit weg: Fernüberwachung von Anlagen bei ABB Bild: Fotodesign

Die Vernetzung von Maschinen und Fabriken eröffnet eine Fülle von Geschäftschancen. Auch Amerika strebt die Führungsrolle an – und will die Software dominieren.

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          Von den Visionen der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“ ist die Industrie gar nicht mehr so weit entfernt. Zum Greifen nah erscheint eine Ölbohrplattform auf einem großen Monitor im Forschungszentrum des Elektrokonzerns ABB im badischen Ladenburg. Die tägliche Produktionsmenge der Plattform wird ebenso in Echtzeit angezeigt, wie die Wellenhöhe auf See, der aktuelle Ölpreis oder die Wetteraussichten – und alle Daten lassen sich miteinander kombinieren.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Doch der eigentliche Clou dieses Steuerungssystems offenbart sich erst, wenn einzelne Elemente der Plattform auf dem Monitor angetippt werden. Dann öffnen sich Schaltpläne und Zustandsprotokolle etwa einer großen Trafostation. Erst damit wird die komplette Fernüberwachung und Steuerung der gewaltigen Öl-Anlage von Land aus so richtig ermöglicht. „Aus Kundensicht ist das am Ende entscheidend“, sagt Christoph Winterhalter, der langjährige Leiter des ABB-Forschungszentrums und heutige Produktgruppenleiter Automation: „Wie gut lassen sich Anlagen auch aus der Ferne steuern und warten?“

          Bis ins kleinste Detail der Maschinen

          Damit solche Fernleitsysteme bis ins kleinste Detail der Maschinen funktionieren, müssen die Geräte nicht nur mit der Leitzentrale vernetzt sein, sondern auch untereinander kommunizieren. Solche Systeme sind eine Ausprägung jenes bahnbrechenden Wandels, der unter dem Motto Industrie 4.0 derzeit in vielen Unternehmen vorangetrieben wird – aber längst nicht die einzige, wie Winterhalter betont. „Manche Fachleute sagen, Industrie 4.0 bedeute, dass am Ende das Werkstück die Maschine und die Produktion steuert. Das kann so sein, muss es aber nicht“, sagt er. „Noch ist völlig offen, wie die Industrie 4.0 in die Fabriken einzieht.“

          Einig ist sich die Fachwelt allerdings, dass die Grundsteine für Industrie 4.0 gelegt sind. Es gibt die Sensoren, die für die Vernetzung der Maschinen unabdingbar sind, es gibt Breitbandkabel und Wlan-Verbindungen, und es gibt die großen ausgelagerten Rechenzentren („Cloud“), in denen die Flut an Daten gespeichert, ausgewertet und für neue Geschäftsmodelle herangezogen werden kann. Denn darin liegt nach Ansicht von Winterhalter die eigentliche Chance von Industrie 4.0: Nicht nur kann die Produktion zunehmend automatisiert und auf individuelle Kundenwünsche zugeschnitten werden, es entstehen auf Basis der gesammelten Daten auch ganz neue Geschäftsideen.

          So soll zum Beispiel auch ein kleines Softwarehaus für einen großen Konzern die Daten aller in den Fabriken arbeitenden Roboter auswerten und ihren Einsatz optimieren können. Dass die Roboterhersteller wie ABB, Kuka oder Fanuc solche Daten nicht unbedingt freudestrahlend herausgeben werden, räumt Winterhalter ein. „Aber in der Industrie 4.0 zählt der Kundenwunsch“, sagt er. Und die gesammelten Daten werden viele neue Kundenwünsche wecken.

          Globaler Standard gesucht

          Die vernetzte Industrie soll auch kein rein deutsches Modell sein, sind sich alle einig. Vielmehr soll sie zu einem globalen Standard werden, sagt Rainer Kallenbach, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Bosch Software Innovations. Denn die Unternehmen wollen ihre Fabriken und die ihrer Kunden und Zulieferer rund um den Globus miteinander verbinden können. Entscheidend dafür wird sein, welche Softwarearchitektur sich am Markt durchsetzt.

          Doch hier gibt es hinter den Kulissen schon einen harten Wettbewerb zwischen der deutschen Industrie und den Amerikanern, sagen Fachleute. Vorangetrieben wurde das Thema insbesondere von der deutschen Plattform 4.0, in der sich die drei großen Verbände VDMA (Maschinenbau), ZVEI (Elektrotechnik) und Bitkom (IT) zusammengefunden haben. Ihr Ziel ist nicht nur, den Weg in die Industrie 4.0 aufzuzeigen, sondern auch technische und Software-Standards dafür zu setzen. Aber seit dem Frühjahr dieses Jahres halten die Amerikaner mit ihrem eigenen Industrial Internet Consortium (IIC) dagegen, das von Konzernen wie General Electric oder IBM gegründet wurde.

          „Das IIC hat einen größeren Fokus als die deutsche Plattform, dort geht es nicht nur um Produktion, sondern auch um Themen wie Gesundheitswesen, Energie oder den öffentlichen Sektor“, sagt Kallenbach, dessen Arbeitgeber Bosch als einziges deutsches Unternehmen in beiden Organisationen mitarbeitet. Auch die Amerikaner können die Standards nicht einfach setzen, betont er, „alles muss sich am Markt durchsetzen“.

          Aber unter den deutschen Teilnehmern wächst dennoch die Sorge, dass Amerika in dieser Frage am Ende doch wieder einmal das Maß der Dinge wird. „Wir haben die stärksten Sensorenhersteller der Welt und das ist extrem wichtig“, sagt Eberhard Veit, Geschäftsführer des schwäbischen Zulieferkonzerns Festo, der zu den Industrie 4.0-Pionieren zählt. „Aber die Amerikaner treiben ihre Entwicklungen nun mit aller Macht voran und sie forcieren das insbesondere über die Software.“

          Ärger über Bundesregierung

          Umso mehr ärgert man sich hierzulande darüber, dass die deutsche Regierung ihren Ankündigungen, Industrie 4.0 den Weg zu ebnen, zu wenige Taten folgen lässt. So sollte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eigentlich schon längst eine Ausschreibung gemacht haben, mit der Standards für Datenübertragungen in der Industrie festgelegt werden. „Aber das wurde immer wieder verschoben, weil das BSI kein Geld dafür hat“, sagt Steffen Zimmermann, der im VDMA für das Thema Produktschutz zuständig ist. „Es besteht die große Gefahr“, resümiert er, „dass wir bei Industrie 4.0 am Ende nicht die Kraft auf die Straße bringen, die wir gerne hätten.“

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