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Verlegerin im Zeugenstand : Friede Springer sorgt für Heiterkeit im Kirch-Prozess

  • Aktualisiert am

Friede Springer und ihr Anwalt Thomas Keul im Oberlandesgericht München Bild: dpa

Die Verlegerin Friede Springer hat als Zeugin im Kirch-Prozess für beste Unterhaltung gesorgt. In der Sache erfuhren die Juristen aber kaum Neues.

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          Prominente Zeugin im Kirch-Prozess: Die Verlegerin Friede Springer hat am Freitag vor dem Oberlandesgericht München berichtet, wie sie nach der Insolvenz der Kirch-Gruppe vor zehn Jahren die Mehrheit am Axel-Springer-Verlag erlangte. Mit Anekdoten über das Tauziehen um Deutschlands größten Zeitungsverlag brachte die 69-Jährige die Juristen und Zuschauer immer wieder zum Lachen. Inhaltlich jedoch gab es wenig Neues.

          Die Erben des verstorbenen Leo Kirch und Insolvenzverwalter ehemaliger Kirch-Firmen werfen der Deutschen Bank vor, den Münchner Film- und Fernsehkonzern vor zehn Jahren in die Pleite getrieben zu haben. Sie fordern Schadenersatz in Milliardenhöhe.

          „Herr Kirch wollte seine Anteile am liebsten an mich verkaufen“

          Sofern sie sich an den genauen Ablauf erinnern konnte, widersprach sie dem Vorwurf, dass es mit der Deutschen Bank frühzeitig Absprachen über einen Erwerb der Aktien gegeben habe. An dem 40-Prozent-Anteil am Springer-Verlag, den Kirch für einen Kredit bei der Bank hinterlegt hatte, habe sie Interesse gehabt und dies der Deutschen Bank mitgeteilt, aber nichts verhandelt oder abgesprochen, sagte die 69-Jährige am Freitag vor dem Oberlandesgericht München. Kläger-Anwalt Wolf-Rüdiger Bub sagte: „Frau Springer gehörte nicht zu den Konstrukteuren der Zerschlagungsstrategie. Sie hat allerdings davon profitiert.“

          Kirch hatte schon 1998 seine 40-Prozent-Beteiligung am Axel-Springer-Verlag für einen Kredit über 700 Millionen Euro bei der Deutschen Bank verpfändet. Friede Springer sagte, sie habe dem damaligen Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer ihr Interesse an einem Kauf bekundet, wenn Kirch in Not kommen sollte.

          Sie habe auch öfters mit Leo Kirch über den Erwerb der Aktien gesprochen, sagte Springer vor Gericht. „Ich hatte ein gutes, freundschaftliches Verhältnis mit Herrn Kirch. Mal wollte er von mir kaufen, mal ich von ihm.“

          Im Zuge der Insolvenz „wollte Herr Kirch seine Anteile am liebsten an mich verkaufen“, berichtete die Verlegerin. Sie habe diese jedoch nicht finanzieren können, sagte Springer. Im September 2001 habe der inzwischen verstorbene Medienmogul ihr das ganze Paket verkaufen wollen und für sie sogar einen Termin bei der Hypovereinsbank organisiert. „Ich wurde gefragt, was haben Sie an Vermögen? Aber ich hatte nicht so viele Sicherheiten, das konnte keine Bank finanzieren.“ Wir haben dann festgestellt, nein, das geht nicht“, sagte Springer. Aber „das war wirklich ein netter, schöner Tag“.

          „Welches Interview?“

          Drei Monate vor Kirchs Insolvenz im April 2002 habe WAZ-Verlagschef Erich Schumann ihr vorgeschlagen, das Aktienpaket gemeinsam zu übernehmen: „Er war irrsinnig freundlich.“ Aber ein Einstieg der WAZ bei Springer sei für sie undenkbar gewesen: „Ich habe ihm klargemacht, wir passen nicht zusammen.“ Auf die Frage des Richters, ob das Gespräch vor oder nach dem - im Prozess zentralen - Interview gewesen sei, entgegnete die Zeugin: „Welches Interview?“

          Im Herbst 2002, einige Monate nach der Kirch-Insolvenz, habe sie gehört, dass das Aktienpaket an einen Sohn des damaligen libyschen Machthabers Muammar Gaddafi verkauft werden solle. „Da bekam ich einen Schreck.“ Sie sei sofort zu Leo Kirch nach München geflogen, der ihr wieder gesagt habe: „Sie müssen die 40 Prozent kaufen.“

          Ein halbes Jahr nach Kirchs Insolvenz habe sie der Deutschen Bank 10 Prozent aus dem Paket abgekauft. Damit verfügte sie über eine Mehrheit von 55 Prozent und war fortan alleinige Chefin des Axel-Springer-Verlages. Ob es eine Absprache über den Versteigerungstermin oder über den Preis gegeben habe, wisse sie nicht, sagte die Verlegerin. Die Verhandlungen hätten Vertraute von ihr geführt. Sie wisse nicht einmal genau, ob sie die 10,4 Prozent ersteigert oder von der Bank gekauft habe. Breuer habe sie damals dank gemeinsamer Arbeit in einer Kulturstiftung oft getroffen, berichtete Springer weiter. Irgendwann habe sie ihm gesagt, dass sie Kirchs Springer-Aktienpaket kaufen wolle. „Das ist ja normal. Ich hänge am Verlag.“ Wann dieses Gespräch war, könne sie nicht mehr sagen: „Mit Daten habe ich es nicht so.“

          Deutsche-Bank-Anwalt: „Eine weitere These pulverisiert“

          Die Anwälte der Deutschen Bank werteten die Aussagen Springers als Beleg dafür, dass es keine Verschwörung des Kreditinstituts gegen Leo Kirch gegeben habe. „Eine weitere These pulverisiert“, sagte Deutsche-Bank-Anwalt Markus Maier.

          Kirch-Anwalt Peter Gauweiler sagte dagegen, die Bank habe Friede Springer die Verlagsanteile „für einen Appel und ein Ei“ überlassen. Die Hintergründe seien weiterhin unklar.

          Urteil soll im Oktober kommen

          Die Prozessfehde zieht sich seit zehn Jahren hin. Der inzwischen verstorbene Kirch wollte Schadenersatz in Milliardenhöhe von der Deutschen Bank, da er ein Interview des damaligen Bank-Chefs Breuer für die Pleite seines Medienimperiums verantwortlich machte. Das Unternehmen hatte rund 6,5 Milliarden Euro an Schulden angehäuft. Die Erben führen den Prozess inzwischen fort. Nach fast zehn Jahren Zwist hatten sich beide Seiten am Jahresanfang auf einen Vergleich von gut 800 Millionen Euro geeinigt. Die Deutsche Bank verwarf dies aber. Mitte April wurde nach einigen Monaten Pause das Tauziehen vor Gericht wieder aufgenommen. Nun nähert sich der Prozess offenbar seinem Ende. Noch drei Termine, dann soll im Oktober das Urteil kommen.


           

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