https://www.faz.net/-gqe-9apzv

Deutschland im Jahr 2030 : Eine Stadt ohne Stau – kann es das geben?

Stau wohin man blickt: Die Blechlawine rollt durch Düsseldorf. Bild: dpa

In deutschen Großstädten kommt zur Rush Hour der Verkehr schon jetzt fast zum Erliegen. Laut einer Studie könnte der öffentliche Nahverkehr dieses Problem lösen. Doch es droht eine große Gefahr.

          3 Min.

          Umkehr ist für Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer kein verlockender Gedanke. Aus seiner Abneigung gegen das Wort „Verkehrswende“ macht der CSU-Politiker keinen Hehl. Wenden müsse nur jemand, der vorher falsch gefahren sei, sagt er. Die Politik wolle nach vorn, wolle Mobilität weiterentwickeln. „Wir wollen eine moderne Mobilität, die die Bedürfnisse der Menschen kennt und die verschiedenen Verkehrsträger vernetzt.“ Dabei setzt die Politik in Zeiten, in denen die Luftreinhaltung in den Städten auf Druck der Gerichte und der EU-Kommission großgeschrieben wird, mehr denn je auf den Ausbau von Bussen und Bahnen.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die Unternehmen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) haben dagegen kein Problem mit dem Begriff „Verkehrswende“ – und sie halten ihre Chancen, als Gewinner daraus hervorzugehen, für groß. Bestätigung liefert ihnen die Studie „Deutschland mobil 2030“ der Beratungsunternehmen PWC und Intraplan im Auftrag des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).

          Danach könnte der Marktanteil der Busse und Bahnen am gesamten Personenverkehr, der momentan 13,3 Prozent beträgt, bis zum Jahr 2030 um fast ein Drittel wachsen. Für dieses „Szenario Verkehrswende“ sehen die Gutachter zwei Voraussetzungen: mehr unternehmerisches Engagement und passende politische Rahmenbedingungen. Ähnlich positiv ist die Erwartung für den Schienengüterverkehr: Nach dem Szenario „Konsequent Schiene“ könnte sein Marktanteil bis 2030 um fast ein Viertel steigen.

          Weniger Emissionen im Verkehr gefordert

          Zu den Kosten ihres „Szenarios Verkehrswende“ halten sich die Gutachter bedeckt. Der VDV meint, die Mischung aus unternehmerischen und politischen Aspekten sei zu komplex, um seriöse Schätzungen vorzunehmen. Man sehe aber die politische Bereitschaft für solche Investitionen, wie die Initiative „kostenloser ÖPNV“ gezeigt habe. Diese Idee würde die Steuerzahler mindestens zusätzlich zwölf Milliarden Euro im Jahr kosten. Mit diesem Betrag käme die Branche auch mit der Verkehrswende voran. Nach dem Koalitionsvertrag sollen zunächst die Bundesmittel für die kommunale Verkehrsinfrastruktur bis 2021 auf eine Milliarde Euro jährlich steigen. Doch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hat bis 2020 bisher nur 333 Millionen Euro vorgesehen, für 2021 und 2022 dann 670 Millionen Euro. Von einer Milliarde keine Spur.

          Ausgangspunkt der neuen Studie ist der Befund, dass der Verkehr weiter zunimmt, immer mehr Personen und Güter transportiert werden müssen. Die Digitalisierung und technologische Entwicklungen wie das automatisierte und autonome Fahren ermöglichen neue Geschäftsmodelle sowie den Aufbau von Mobilitätsplattformen. Branchenfremde Akteure aus der Digitalwirtschaft drängen auf den Markt, auch Autohersteller versuchen sich außerhalb ihrer angestammten Geschäftsfelder. Im Zuge dieser Entwicklung ändern Kunden ihre Erwartungen. So steigt der Wettbewerbsdruck auf ÖPNV-Unternehmen mit oft kommunalen Eignern, in denen der politische Einfluss traditionell hoch ist. Darüber hinaus verschärft die Politik ihre Anforderungen an die Branche, weil sie die Klimaschutzziele 2030 erreichen will. Dazu sind deutliche Emissionsminderungen im Verkehr nötig. Bislang liegen die Einsparziele in weiter Ferne.

          Die Gutachter lassen den politischen Rahmen nicht außer Acht, halten aber einen marktwirtschaftlichen Ansatz in den Unternehmen für unverzichtbar. „Die Verkehrsbranche ist angesichts der sich wandelnden Rahmenbedingungen, Kundenbedürfnisse und Anforderungen an Umwelt- und Klimaschutz aufgefordert, zügig Ideen zu entwickeln, wie Mobilität effizienter, attraktiver und ökologischer werden kann“, heißt es in der Studie. VDV-Präsident Jürgen Fenske, Chef der Kölner Verkehrsbetriebe KVB, sagt: „Wir als Verkehrsunternehmen sind gefordert, uns dem Transformationsprozess aktiv zu stellen. Das gelingt nur, wenn wir unsere Dienstleistungen konsequent an die Bedürfnisse unserer Kunden anpassen.“ Dazu müssten Kapazitäten ausgebaut werden, in Großstädten und Ballungsräumen die Takte verdichtet und zusätzliche Angebote geschaffen werden. Der Ticketvertrieb müsse zudem digitaler, einfacher und vernetzter werden. „In ländlichen Räumen müssen wir uns mit flexibleren Geschäftsmodellen beschäftigen“, sagt Fenske.

          Marktneulinge gefährden das Potential

          Der Erfolg des öffentlichen Verkehrs ist beileibe kein Selbstläufer: Im schlechtesten Szenario der Studie steigt der Marktanteil des ÖPNV nicht um 30 Prozent, sondern er sinkt bis 2030 um 15 Prozent. Im Schienengüterverkehr variiert der Marktanteil je nach Szenario vom Rückgang um 15 Prozent bis zu einem Plus um 22 Prozent. „Damit werden die Handlungsspielräume offen gelegt“, schreiben die Gutachter. Die Unternehmen müssten die Digitalisierung nutzen und neue Anbieter integrieren, um Nachfrageverluste zu vermeiden.

          Darüber hinaus könnten sie ihre Stärken in puncto Datenhoheit und Kundenzugang (für Bezahlmöglichkeiten oder Informationen) ausbauen. Im Negativ-Szenario verdrängen hingegen Marktneulinge – etwa Anbieter von Carsharing und On-Demand-Verkehrsleistungen (auf Abruf) – sowie die Ausbreitung von Modellen wie „Ridesharing“, also das Teilen einer Fahrt über Mitfahrzentralen, oder „Rideselling“ wie über den taxiähnlichen Anbieter Uber die traditionellen Verkehrsunternehmen mit ihren festen Fahrplänen und Fahrpreisen. In New York etwa, so berichten die Gutachter, seien die Marktanteile von Bus und U-Bahn dadurch zuletzt gesunken.

          Der ÖPNV hat ein großes Potential – doch er muss mit der Digitalisierung mithalten und den Fahrgästen smarte Angebote machen.

          Ohne finanzielle und regulierende Unterstützung der Politik wird es nach Ansicht der Gutachter nicht gehen. Hierzu zählen vor allem die Sanierung und der Ausbau der Infrastruktur, auskömmliche Finanzierungszusagen „sowie preis- und ordnungspolitische Maßnahmen zur Begrenzung des Pkw-Verkehrs“ – also zum Beispiel weniger Parkplätze und eine Pkw-Maut. VDV-Präsident Fenske sieht Bund und Länder am Zug: „Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung sind erste Schritte vorhanden, doch das wird nicht reichen. Auch die Länder müssen stärker ihrer Verantwortung nachkommen und Geld für den Ausbau und die Erneuerung der Tunnel, Haltestellen und Bahnhöfe zur Verfügung stellen.“

          Weitere Themen

          Trockenheit bedroht die Ernten Video-Seite öffnen

          Landwirtschaft in Belgien : Trockenheit bedroht die Ernten

          Die Trockenheit macht derzeit den Landwirten in Belgien zu schaffen. Noch nie in den letzten 120 Jahren hat es dort im Mai so wenig geregnet, wie in diesem Jahr. Viele Bauern fürchten um ihre Ernten, Joel van Coppenolle ist einer von ihnen.

          Topmeldungen

          Corona und Polizeigewalt : Die zwei Bedrohungen der Schwarzen

          Afroamerikaner sind in Amerika finanziell und gesundheitlich schlechter gestellt. Die Pandemie und die Polizei-Gewalt werfen ein Schlaglicht auf die oft prekäre Lage der Minderheit – die sich bald sogar noch mehr verschlechtern könnte.
          Das Iduna-Zentrum im Zentrum Göttingens

          Hotspots im Norden : „Ein katastrophales Verhalten“

          Die Göttinger Behörden bemühen sich um eine Eindämmung des Infektionsgeschehens und drohen mit „geschlossenen Einrichtungen“. Von den „Evangeliums-Christen“ in Bremerhaven scheinen Spuren derweil nach Frankfurt zu führen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.