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Verkehr : Die Brummis kommen: Es wird eng auf der Landstraße

Auf der Flucht vor der Maut? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Maut funktioniert. Immer mehr Lastwagen weichen von den Autobahnen auf die Bundesstraßen aus. Wird dort bald kassiert?

          3 Min.

          Wer das Wort "Mautflucht" wohl erfunden hat? Wahrscheinlich waren es die Österreicher. Denn dort gibt es das Phänomen schon ein Jahr länger als in Deutschland.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seit dem 1. Januar 2004 müssen Lastwagenfahrer zahlen, wenn sie zwischen Bregenz und Wien Autobahnen und Schnellstraßen benutzen. Und seitdem überlegen sie sich, wie sich das Geld sparen läßt. Die einfachste Lösung: runter von der Autobahn und rauf auf die kostenlose Bundesstraße.

          Diese Methode hat bereits mehr als eine österreichische Bürgerinitiative auf den Plan gerufen. Die Anwohner an den kostenlosen Strecken klagen über unzumutbaren und nervenaufreibenden Lärm - am Tag und in der Nacht. Eine ähnliche Entwicklung deutet sich nun hierzulande an.

          Neue Lieblingsrouten geiziger Brummilenker

          Landauf, landab häufen sich Berichte über verärgerte Mautgegner. Die wohnen meist an den neuen Lieblingsrouten geiziger Brummilenker: an Bundesstraßen, die parallel zu Autobahnen verlaufen. Davon gibt es nicht wenige in Deutschland. Der Automobilclub ADAC veröffentlichte zum Start der Maut Anfang des Jahres eine Karte, die zeigt: Wer partout auf Autobahnen verzichten will, hat durchaus Alternativen in Deutschland.

          Quer durch Bayern verbindet etwa die B 13 München mit Würzburg. Im Vergleich zur Autobahn über Nürnberg ist diese Strecke sogar kürzer. Auf dem Weg von Hamburg nach Berlin können Trucker statt der A 24 die nahe B 5 nutzen. Und im Südwesten verläuft die B 3 zwischen Frankfurt und Basel auf weiten Strecken kaum fünf Kilometer von der A 5 entfernt. Die Einsparmöglichkeiten können sich sehen lassen: Für 200 Kilometer einfache Strecke immerhin um die 25 Euro.

          Eingeschränkte Erkenntnisse

          Ob Lastwagen tatsächlich in großem Umfang auf Bundesstraßen ausweichen, darüber gibt es zweieinhalb Monate nach dem Mautstart nur eingeschränkte Erkenntnisse. Ein Gutachten kurz nach dem Mautstart ging von einer Verlagerung zwischen zwei und vier Prozent aus. Die bis heute vorliegenden Zahlen lassen jedoch aufhorchen. Bayerns Innenminister Günther Beckstein konstatierte Anfang März generell "keine größere Mautflucht von Autobahnen auf Bundesstraßen". Doch einer Entwarnung kommt das keinesfalls gleich: "Auf einzelnen Bundesstraßen sind sehr wohl gravierende Steigerungen des Lkw-Verkehrs zu verzeichnen."

          Vom Ausweichverkehr im Freistaat sind nach ersten Erhebungen vor allem gut ausgebaute Bundesstraßen betroffen: Als Beispiel nennt Becksteins Ministerium die B 2 (Nürnberg-Augsburg) und die B 8 (Würzburg-Nürnberg-Regensburg-Passau).

          Der Landkreis Neustadt an der Aisch ließ an der Bundesstraße 8 schon einmal zählen und kam zu alarmierenden Ergebnissen. Im Bereich der Ortschaft Markt Bibart nahm demnach der Schwerlastverkehr um mehr als 56 Prozent zu, in der Region um Oberdachstetten um gut 32 Prozent. "Die Befürchtungen haben sich bestätigt", resümiert das Landratsamt.

          „Damit sich die Lkw-Ausweichverkehrsströme nicht verfestigen"

          Landrat Walter Schneider plädiert dafür, sofort zu reagieren. Im Interesse der Verkehrssicherheit sei es dringend erforderlich, die Bundesstraße mautpflichtig zu machen, fordert er. "Dies sollte auch deshalb umgehend erfolgen, damit sich die Lkw-Ausweichverkehrsströme nicht verfestigen."

          Freilich dürfte dies vorerst ein frommer Wunsch bleiben. Das Mautgesetz sieht zwar grundsätzlich die Möglichkeit vor, nach den Autobahnen auch Bundesstraßen kostenpflichtig zu machen. Das Mautsystem des Toll-Collect-Konsortiums ist ab 2006 dazu technisch in der Lage, wie Verkehrsstaatssekretärin Angelika Mertens betont.

          Allerdings will sich das Stolpe-Ministerium nicht auf Einzeldaten verlassen. Geplant ist der große Schlag, und dafür wird zur Zeit zwischen Flensburg und Füssen erst einmal eifrig gezählt. Die Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) in Bergisch Gladbach unterhält deutschlandweit 1170 dauerhaft eingerichtete, automatisierte Fahrzeug-Zählstellen. Sie finden sich unter anderem in den Schilderbrücken auf den Autobahnen.

          Deutlicher Lkw-Schwund

          Sollte sich auf den Autobahnen ein deutlicher Lkw-Schwund ergeben, kann das nur eines bedeuten: Mautflucht. In einigen Regionen, zum Beispiel im Badischen, wurde bereits ein geringeres Lastwagenaufkommen registriert. Bei der Autobahnpolizei Freiburg geht man subjektiv von zehn bis 15 Prozent weniger Brummis auf der A 5 aus. Hier weichen die Trucker sogar nach Frankreich aus: Die westlich des Rheins verlaufende A 35 ist kostenlos zu befahren.

          Aussagekräftige Ergebnisse für das gesamte Land erwarten Ministerium und Bast erst in der zweiten Jahreshälfte. Auf dieser Basis könnte es dann freilich relativ schnell zu einer Bundesstraßenmaut kommen, heißt es im Verkehrsressort. Allerdings nur in gut begründeten Einzelfällen, wie mangelhafter Verkehrssicherheit. Denn eine bundesweite Mautpflicht für Bundesstraßen wäre mit EU-Recht nicht zu vereinbaren.

          Noch manche schlaflose Nacht

          Bis dahin steht den Betroffenen noch manche schlaflose Nacht bevor. Gerade die Abend- und Nachtstunden gelten unter Truckern als attraktiv, um von der Autobahn abzufahren. Auf den Bundesstraßen herrscht dann wenig Verkehr, Ampeln sind ausgeschaltet, man kommt relativ schnell voran. Auch wenn Branchenverbände wie der BGL betonen, Bundesstraßen seien keine Alternative zu Autobahnen - zur richtigen Tageszeit sind sie es doch.

          In Österreich haben einige Bundesländer bereits reagiert, so zum Beispiel die Steiermark. Auf wichtigen Ausweichrouten wurden dort Fahrverbote für Schwerlaster erlassen. Nur der regionale Verkehr ist davon ausgenommen. Die offizielle Regierungsdevise bei den Nachbarn lautet: "Es muß gelingen, die Lkw wieder dorthin zu bekommen, wo sie hingehören - auf Autobahnen und Schnellstraßen."

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