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Verkehr der Zukunft : Die Stadt geht in die Luft

„Das fünfte Element“: Fliegende Autos gibt es bald nicht mehr nur im Science-Fiction-Film Bild: ddp images

An den Knotenpunkten des Autoverkehrs in Großstädten droht der Infarkt. Deshalb wird künftig eine zweite Etage eingezogen: Fliegende Autos, Brückenbusse, Seilbahnen und neuartige Züge auf Stelzen sollen die Straßen entlasten.

          Es klingt wie eine Idee aus einem Science-Fiction-Film - und tatsächlich könnte „Das fünfte Element“ mit Bruce Willis in der Hauptrolle das Vorbild gewesen sein: Das amerikanische Unternehmen Terrafugia will Autos zum Fliegen bringen. Schon im Jahr 2015 sollen die ersten Exemplare ausgeliefert werden. Das Modell „Transition“ gleicht dann noch eher einem fahrenden Flugzeug und kann nur von einem Flugplatz aus in die Luft gehen. Es kostet 280.000 Dollar.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Erst im Jahr 2021 soll eine fertig ausgereifte Version für eine halbe Million Dollar folgen, die auch senkrecht starten kann - ein Menschheitstraum würde wahr: einfach aus dem Stau fliehen, indem man davonfliegt. Im Firmennamen ist diese Idee schon angelegt, denn „terra“ steht im Lateinischen für Erde, das Verb „fugere“ für fliehen, die Flucht antreten. Terrafugia ist eine Ausgründung der amerikanischen Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology (MIT).

          Fliegende Konkurrenz aus Europa und Israel

          Gründer und Vorstandsvorsitzender des Unternehmens ist der promovierte deutschstämmige Aeronaut Carl Dietrich, ein Vollblutwissenschaftler, der seinen Traum verwirklicht. Als Finanziers treten jedoch durchaus an Rendite interessierte Wagniskapitalfonds auf, die bisher rund sechs Millionen Dollar in das Projekt gesteckt haben und möglichst bald eine Ausschüttung anstreben. „Das wird die Sache schnell voranbringen - anders als bei manchen staatlich finanzierten Projekten“, sagt Unternehmensberater Oleksii Korniichuk von Arthur D. Little.

          Tatsächlich funktioniert Terrafugia grundsätzlich schon. Seine Jungfernfahrt und seinen Jungfernflug absolvierte das kuriose weiße Gefährt aus Glas und Carbonfasern, das sowohl über Räder als auch über einklappbare Flügel verfügt, im Juli 2013. Schauplatz war die EAA Air Venture, eine siebentägige, jährlich am Wittman Regional Airport in Oshkosh (Wisconsin) veranstaltete Flugshow. Von zwei Konkurrenten, die ebenfalls fliegende Autos anstreben, muss das Experiment mit Respekt beobachtet worden sein. Der eine Rivale sitzt in Europa. Es handelt sich um das EU-Projekt „Mycopter“, das aus staatlichen Mitteln subventioniert wird und erst einmal eine Software entwickeln will.

          Der „Transition“ von Terrafugia: verfügt sowohl über Räder als auch über einklappbare Flügel

          Der andere Wettbewerber könnte fixer sein: Die „Airmule Urban Aeronautics“ sind ein Vorhaben des israelischen Militärs. So verrückt die Idee von fliegenden Autos auch klingen mag: Diese und ähnliche Vorhaben könnten in der nahen Zukunft immer mehr Bedeutung bekommen. Denn schon in einigen Jahren wird mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben. Schon heute droht an den Knotenpunkten des Autoverkehrs in Megametropolen wie Peking, Schanghai, London oder New York an manchen Tagen der Infarkt. Stadtplaner setzen deshalb verstärkt auf neue alternative Verkehrsmittel.

          Ein Großteil der Ideen läuft darauf hinaus, schlicht eine zweite Etage einzuziehen: Der Verkehr geht in die Luft. Nicht nur fliegende Autos, sondern auch Brückenbusse auf Stelzen sowie Seilbahnen und neuartige Züge, deren Prinzip an menschliche Rohrpost erinnert, sollen die Straßen am Boden entlasten. Für Aufregung sorgte gerade erst der Elektroauto-Unternehmer Elon Musk mit seinen Plänen für den Luftkissenzug „Hyperloop“, der eine Fahrt von Los Angeles nach San Francisco in einer halben Stunde möglich machen soll.

          Skizze der „Hyperloop“-Hochbahn

          Wesentlich weiter gediehen als das Wolkenkuckucksheim von Musk, das noch viele Jahre und Milliarden brauchen würde, sind die Vorhaben der ebenfalls aus Amerika stammenden urbanen Magnetschwebebahn „Skytran“. Deren erste Pilotstrecke wird schon nächstes Jahr in Tel Aviv in Betrieb genommen. Nicht alle Fachleute sind vom Nutzen solcher Projekte überzeugt. „Der Traum, durch aufwendige Neubauten die Verkehrsprobleme zu lösen, ist ausgeträumt“, sagt Andreas Knie, Professor am Berliner Verkehrsforschungsinstitut Innoz. Dafür fehle schlicht das Geld.

          Es gibt aber auch einfachere und billigere Lösungen. Längst marktreif sind Seilbahnen, die in Koblenz, London oder Singapur über Flüsse und ganze Stadtteile hinwegschweben. Nach ähnlichem Prinzip funktioniert auch die uralte Schwebebahn in Wuppertal, sie verlegen den Verkehr vom Erdgeschoss in das erste Stockwerk. „Diese Entwicklung beginnt gerade erst, das Potential von Seilbahnen in der Stadt ist immens“, ist Heiner Monheim, Professor für Raumentwicklung an der Universität Trier, überzeugt. Seit Jahrzehnten erforscht er städtische Verkehrsnetze - mehr und mehr sei das zu einer frustrierenden Beschäftigung geworden.

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