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Verkaufte Doktortitel : 100 Hochschullehrer unter Korruptionsverdacht

  • -Aktualisiert am

Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verkaufs von Doktortiteln Bild: dpa

Die Ermittlungen wegen des Handels mit Doktortiteln weiten sich aus. Rund 100 Professoren haben die Strafverfolger nun im Visier. Darunter sind auch Hochschullehrer vieler renommierter Universitäten.

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          „Jeder sechste Bundestagsabgeordnete trägt Doktortitel“, warb das „Institut für Wissenschaftsberatung“ aus Bergisch Gladbach einst für seine Dienste. Und wenn es eine Ehrendoktorwürde der Tongji-Universität in Schanghai sei wie bei Altkanzler Gerhard Schröder. Die Reklame für den „Dr. MdB“ mussten die Vermittler für akademische Ehren aber mittlerweile einstellen: Einer der beiden Geschäftsführer sitzt wegen schwunghaften Handels mit solchen Titeln im Gefängnis, der andere steht im Rentenalter. Nun hat die Staatsanwaltschaft die Akten ausgewertet, die sie im vergangenen Jahr bei der Durchsuchung dieser Titelschmiede in Nordrhein-Westfalen beschlagnahmt hat.

          Das Ergebnis: Rund 100 Professoren und andere Wissenschaftler mit Lehrbefugnis sind ihr ins Netz gegangen, die gegen Geld Kandidaten zu dem begehrten Namenszusatz verholfen haben sollen. Juristisch gilt das als Bestechung. Betroffen sind viele renommierte Universitäten bundesweit. Vor allem Fakultäten für Medizin, Jura, Betriebswirtschaft und Ingenieurwissenschaften, denn in diesen Branchen ist der Doktorhut nicht nur prestigeträchtig, sondern kann auch Honorar oder Gehalt deutlich steigern. Zwischen 4000 und 20.000 Euro sollen karrierebewusste Berufstätige dafür gezahlt haben, dass das Beratungsinstitut ihnen – trotz schwacher Zeugnisse – einen willfährigen Doktorvater besorgt hat. Denn das war die entscheidende Hürde. Der Eindruck, die Kunden des Instituts hätten gar keine Doktorarbeiten geschrieben, ist nach Angaben des Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld dagegen nicht richtig. „Es geht nur um die Frage, ob die Professoren bei der Auswahl ihrer Kandidaten bestochen wurden“, sagte Feld.

          Höhere Leistungszulage

          Darin sieht Manuel Theisen, Lehrstuhlinhaber an der Universität München, allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Hand habe es meistens einen „Full Service“ gegeben, der dann zusätzlich zu der Vermittlungsgebühr je Seite und Stunde bezahlt worden sei, sagte der Betriebswirt und Jurist der F.A.Z. Theisen kennt sich in diesem zwielichtigen Metier aus: Seit mehr als 20 Jahren schreibt er Artikel über den „gekauften Doktorhut“; dreimal haben ihn die Promotionsbetreuer aus Bergisch Gladbach deshalb verklagt. Unter falschem Namen hat sich Theisen dort sogar selbst in die Kundenkartei eintragen lassen. „So bekam ich immer die aktuellen Verträge und wurde mehrfach von der Kriminalpolizei als Zeuge befragt“, schildert er seine Recherchen.

          Bildungsministerin Schavan befürchtet, dass die Wissenschaft an Glaubwürdigkeit verliert

          Noch in einem weiteren Punkt vermutet Theisen eine „Entlastungslegende der Ordinarien“. Auch wenn jetzt viele Privatdozenten und Honorarprofessoren in Verdacht geraten sind – das Gros der Fälle betreffe in Wirklichkeit Hochschullehrer mit eigenem Lehrstuhl. Privatdozenten hätten sich zwar habilitiert, erhielten aber oft schon nach wenigen Jahren einen Ruf. Und Honorarprofessoren hätten – wenn überhaupt – keine alleinige Promotionsberechtigung. Seine Vermutung, warum auch etablierte Forscher sich bestechen lassen: „Unter Professoren gibt es genauso viele Scheidungsopfer, Spieler und Verschuldete wie in anderen Berufsgruppen.“ Dazu komme, dass manche Lehrstuhlinhaber Gutachten, für die sie bezahlt werden, von Doktoranden erledigen ließen. Seit der Reform der Professorenbesoldung führe zudem eine größere Zahl an betreuten Promotionen auch zu einer höheren Leistungszulage und begünstige die Einwerbung von Drittmitteln.

          „Titel wird aberkannt“

          Theisen schätzt, dass 3 Prozent der Doktortitel in Deutschland erschlichen sind. Noch unübersichtlicher ist die Lage bei akademischen Graden aus den 26 anderen EU-Ländern, denn diese werden von deutschen Behörden nicht geprüft und müssen auch nicht mit einem Landeszusatz geführt werden. Zusammen mit dem Geschäftsführer aus Bergisch Gladbach war übrigens ein Juraprofessor von der Universität Hannover verurteilt worden. Der hatte nicht nur von Doktoranden Geld, sondern überdies von einer Studentin körperliche Zuwendung verlangt.

          Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte am Wochenende, sollte der Verdacht der Ermittler sich bestätigen, entstände der Wissenschaft ein großer Schaden. „Solches Verhalten würde die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft zutiefst diskreditieren.“ Die Öffentlichkeit könne von den Hochschulen erwarten, dass sie bei Promotionsverfahren mit der größtmöglichen Sorgfalt vorgehen. Der Deutsche Hochschulverband forderte schärfere Regeln für Promotionen. Sinnvoll sei eine eidesstattliche Versicherung, dass die Dissertation ohne unerlaubte Hilfe entstanden sei, sagte Geschäftsführer Michael Hartmer: „Das hätte abschreckende Wirkung.“ Hartmer drohte denen, die sich gegen Entgelt haben promovieren lassen: „Wenn diese Menschen den Doktortitel bereits verliehen bekommen haben, dann wird der Titel aberkannt.“

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