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Verena Pausder : Die Antreiberin

Früher sei sie oft gefragt worden, warum sie sich für das Thema Bildung verkämpfe – bis Corona kam, sagt Unternehmerin Verena Pausder. Bild: Andreas Pein

Verena Pausder kämpft für digitale Bildung. In der Start-up-Szene ist sie schon lange bekannt. Jetzt denkt sie über den Einstieg in die Politik nach.

          7 Min.

          Verena Pausder fackelt nicht lange. Das hat sie in diesem Jahr schon mehrfach unter Beweis gestellt. Ein Beispiel? Als im März die Schulen in Deutschland von einem Tag auf den anderen dichtmachten, setzte sie sich an ihren Rechner, schrieb alle Online-Lernportale, Bildungs-Apps und andere Ideen für „Homeschooling in Zeiten von Corona“ auf, die ihr auf die Schnelle einfielen, und veröffentlichte die Liste auf ihren Social-Media-Kanälen und in ihrem Blog. Die Resonanz war überwältigend, Eltern waren hilflos und dankbar für jede noch so kleine Anregung. Also bastelte sie eine eigene Website als Sammelbecken für ihre Tipps. Kurz darauf ging die Plattform an den Start.

          Maja Brankovic

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Ein weiteres Beispiel: Kurz bevor im März die Schulen schlossen, machte die Meldung die Runde, dass Delia Lachance, Vorzeige-Gründerin und Vorständin des Möbel-Start-ups Westwing, ihren Posten niederlegen musste. Sie wollte nach der Geburt ihrer Tochter eine sechsmonatige Babypause einlegen. Das deutsche Gesetz sieht es aber nicht vor, dass Frauen (oder Männer) sich in dieser Position eine Auszeit genehmigen. Pausder war fassungslos: „Wie soll man mehr Frauen in die Chefetagen bekommen, wenn dort oben bestimmte Lebensmodelle noch immer nicht angekommen sind?“, fragte sie sich. Also stellte sie die Initiative „Stayonboard“ auf die Beine, die eine Veränderung des geltenden Rechts noch in dieser Legislaturperiode erreichen will. Mehrere Bundestagsfraktionen haben die Idee inzwischen aufgenommen. Das Bundesjustizministerium prüft, „ob Handlungsbedarf besteht“.

          Man kann Verena Pausder nicht vorwerfen, sie würde zu kleine Brötchen backen. Dass sie Probleme, die sie sieht, auch anpackt, klingt abgedroschen. In ihrem Fall ist es mehr als eine Floskel. Es gilt für die Schule in Zeiten der Pandemie genauso wie für 50 Jahre altes Aktien- und Gesellschaftsrecht.

          Digitale Bildung ist Verena Pausders Herzensthema. Seit gut einem Jahrzehnt ist die 41-Jährige auf diesem Feld unterwegs. In einem Interview erzählte sie mal, wie sie dazu kam. Als sie selbst Mutter wurde, habe sie nach brauchbaren digitalen Anwendungen für ihre Kinder gesucht, aber nichts gefunden, das ihren Vorstellungen entsprach. Also gründete sie Fox & Sheep und entwickelte fortan einfach selbst Apps für Kinder, die sie für wertvoll befand. Viele Eltern teilten ihre Auffassung offenbar, die Idee wurde zum Erfolg: Wenige Jahre später verkauften sie und ihr Geschäftspartner Moritz Hohl das Start-up an den Spielehersteller Haba für einen zweistelligen Millionenbetrag. Hohl stieg aus, Pausder blieb Geschäftsführerin und gründete die Haba Digitalwerkstatt, in der Kinder Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien lernen.

          Heute ist Pausder eine gefragte Frau, die an vielen Orten dabei ist. Sie ist Unternehmerin, Investorin, Aktivistin und Aufsichtsrätin bei der Comdirect-Bank, dazu Mutter dreier Kinder. Zudem hat sie ein Buch geschrieben, das in wenigen Tagen erscheint und vorher vermarktet werden will. Trotzdem wirkt sie nicht gehetzt, an diesem Dienstagmorgen in ihrem Wohnzimmer in Berlin-Mitte. Sie komme gerade von einem Treffen in der Schule ihres Sohnes, die Schule wolle sich digital besser aufstellen und habe um Rat gefragt, erzählt sie, während sie hinter der Zeile ihrer offenen Küche steht und erst einmal Kaffee kocht. Schon ist sie mittendrin: „Eigentlich konnte man mit dem Thema Bildung in Deutschland keinen Blumentopf gewinnen, geschweige denn mit digitaler Bildung.“ Früher sei sie oft gefragt worden, warum sie sich dafür verkämpft. Das sei doch „verlorene Liebesmüh“. Doch sie sei sich sicher gewesen, ein wichtiges Thema zu beackern. Als dann über Nacht die Schule für Millionen von Kindern nach Hause verlagert wurde, stand ihr Thema plötzlich ganz oben auf der Agenda. Und Verena Pausder tauchte als Expertin im Abendprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender auf.

          Müsste sie dem deutschen Bildungssystem ein Zeugnis ausstellen, die Versetzung wäre mehr als nur gefährdet. Das Problem fange beim Föderalismus an, sagt Pausder. Er führe dazu, dass jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht. Die Kultusministerkonferenz sei eine Blackbox, intransparent, bürokratisch und träge. Und das Bundesministerium bewirke eigentlich nichts. Von den fünf Milliarden Euro, die der Bund im Rahmen des Digitalpakts Schule bereitgestellt hat, seien etwa gerade mal 15 Millionen Euro abgeflossen. Pausder findet das bezeichnend. Was sie antreibt, die Dinge auf ihre Weise anzugehen, ist das Gefühl, dass Deutschland gerade seine Zukunft verpennt. Zugegeben: Das ist keine sonderlich originelle Diagnose. Aber das macht sie nicht weniger bedeutend. Verena Pausder jedenfalls wird sich mit diesem Gefühl nicht in die Hängematte legen.

          Spross einer Unternehmerfamilie

          Man könnte meinen, das Unternehmerische liege ihr in den Genen. Sie entstammt der Bielefelder Textil-Dynastie Delius, ihr Vater Rudolf leitete das 300 Jahre alte Familienunternehmen in neunter Generation, ihre Mutter war selbständige Inneneinrichterin und arbeitete von zu Hause aus. Mittags kam Vater Delius zum gemeinsamen Essen vorbei. Verena und ihre jüngere Schwester Viktoria mussten schweigen, wenn um 13 Uhr die Börsennachrichten liefen. Eine Anekdote, die Verena Pausder und ihre Familie oft erzählen.

          Als Erklärung für ihren Ehrgeiz greift der Verweis auf ihre Herkunft indes zu kurz. Für ihren Ansporn, immer noch eine Schippe draufzulegen, braucht sie keinen Übervater. Den Druck macht sie sich schon allein. Noch eine Anekdote aus ihrer Kindheit: Mit fünf Jahren, berichtet Pausder, habe sie bei einem Leichtathletik-Wettlauf mitgemacht und sei während des ganzen Rennens auf der Außenbahn gelaufen, weil sie die Anweisungen nicht vollständig mitbekommen habe. Für sie sei die Wegstrecke dadurch deutlich länger gewesen als für alle anderen, die nach der ersten Kurve in die Innenbahn zogen. Aber Pausder, die vorneweg lief und das Geschehen hinter ihr nicht mitbekam, rannte sich die Seele aus dem Leib – und kam als Erste ins Ziel.

          Ganz frei von Erwartungen war Pausders Leben nicht. Als ältestes Kind – und ältestes Enkelkind – der Familie Delius lag es nahe, den vorgegebenen Weg im Familienunternehmern einzuschlagen. Sie wollte nicht. Aus Prinzip? Vielleicht. Mit dem Abitur in der Tasche schlug sie zunächst einen klassischen Weg ein, studierte Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen. Das Traineeprogramm bei der Münchener Rück brach sie dann aber ab. Sie wollte lieber gründen. Positiv gewendet, war das der Beginn einer Emanzipation, die nun mal einige Jahre dauert. Negativ gesagt: Sie wusste nicht, was sie wollte. Pausder blickt heute auf die Zeit nach dem Studium mit einem Schmunzeln zurück: „Man könnte sagen, in dieser Zeit bin ich ganz schön geschlingert.“

          Beruflich begann diese Phase mit einem Start-up für eine Salatbar-Kette, wie es sie in Metropolen wie New York schon gab. Es war kein schlechter Ansatz. Erfolgreiche Ideen aus dem Ausland zu kopieren und nach Deutschland zu bringen, hat so manchen Gründern viel Ruhm und Geld eingebracht. Doch das Konzept scheiterte, ihre Geschäftspartnerin und sie konnten keine geeigneten Ladenflächen finden. Danach wurde es bunter: Erst gründete Pausder eine Firma mit dem selbstbewussten Namen Delius Capital, wo sie geschlossene Fonds konzipierte, und gelang dann über Umwege zu Goodbeans, einem Entwickler für Online-Kinderspiele, wo sie bis zur Gründung von Fox & Sheep Geschäftsführerin war. Hinzu kam, dass kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes ihre Ehe in die Brüche ging. Es waren die Worte ihres Großvaters, die sie vor der Krise bewahrten, sagt sie. Er habe nach der Trennung gemahnt: „Lass dir von niemandem sagen, dass deine Stärke eine Schwäche ist. Denn wenn du deine Stärken schwächer machst, bist du nur noch ein Abklatsch von dir.“ Pausder blieb ihrem Weg treu, pendelte auch als Alleinerziehende weiter für ihren Vollzeitjob von ihrem damaligen Wohnort Hamburg nach Berlin.

          Heute ist Pausder eine Frau, die im Reinen mit sich und ihrem Leben zu sein scheint. Als sie lernte, ihren Tatendrang zu kanalisieren und nur noch Ideen zu verfolgen, die sie wirklich überzeugten, kam der Erfolg. Damit der Familienalltag mit drei Kindern und zwei viel beschäftigten Eltern – ihr zweiter Ehemann Philipp Pausder ist ebenfalls Start-up-Unternehmer – funktioniert, führen die Pausders ein durchgetaktetes Leben. Entscheidende Ingredienzen sind eine verlässliche Nanny und eiserne Disziplin. Dieses Lebensmodell trägt sie offensiv nach außen. Das bringt ihr auch Kritik. Für Verena Pausder sei eine Nanny vielleicht eine Option, aber die könne man sich mit einem normalen Job nicht leisten, sagen die einen. Kinder brauchten ihre Mutter, und wer nur seine Karriere im Sinn habe, solle lieber auf eine Familie verzichten, finden die anderen. Pausder sieht das pragmatisch. „Es ist doch so, dass es heute keine Norm mehr für Frauen gibt.“ Früher sei man als Frau „ganz oben in der Nahrungskette“ gewesen, wenn der Haushalt glänzte, man das perfekte Essen servierte, Mann und Kinder glücklich waren und man selbst dabei noch blendend aussah. „Aber heute heißt es bei solchen Lebensentwürfen gleich: Hat sie nicht eigentlich Physik studiert? Und jetzt gibt sie sich auf?“ Auch Mütter, die in Teilzeit arbeiten, machten es doch nicht richtig, weil sie weder die familiären noch beruflichen Aufgaben pflichtgemäß erfüllten. „Jetzt ist doch eigentlich der Maßstab, dass es keinen Maßstab mehr gibt“, sagt sie. Statt dieses Dilemma zu problematisieren, erkennt Pausder darin aber eine Chance: Alles ist möglich, wenn es zum Familienmodell passt.

          Bewerbungsrede für die Politik?

          Was als nächstes von Verena Pausder zu erwarten ist, sagt sie derzeit nicht. Zum Jahreswechsel hat sie ihre Anteile an Fox & Sheep sowie an der Haba Digitalwerkstatt verkauft und ist auch als Geschäftsführerin zurückgetreten. Um sich erst einmal ihrem Buchprojekt zu widmen, kündigte sie damals an. Entstanden ist „Das neue Land: Wie es jetzt weitergeht!“ in Form einer flammenden und zudem sehr persönlichen Rede. Eine Bewerbung für die Politik?

          Das ist die einzige Frage, auf die Pausder an diesem Morgen in Berlin keine klare Antwort gibt. Dabei hat sie offenkundig nur darauf gewartet. Sie lächelt, zögert und sagt dann: „Ich weiß es nicht.“ Früher habe sie gedacht, die Politik sei nichts für sie: Hochdienen in starren Strukturen, in Sitzungen hocken, politisch denken und agieren, am Ende doch nichts bewegen, das ist was für Berufspolitiker – während sie, die Vorzeigefrau der deutschen Start-up-Szene, lieber Posts bei Linkedin absetzt, wenn sie etwas zu sagen hat und dann ihre eigenes Netzwerk in Bewegung setzt. Pausder hat immer wieder gezeigt, dass man auch so etwas bewirken kann. Nur merkt sie, dass sie mittlerweile nicht mehr nur an der Seitenlinie stehen will.

          Aber welche Partei? Nahe läge die FDP. Da hat sie viele Freunde, ist gut vernetzt. 2017 spendete sie einen fünfstelligen Betrag an die Partei. Doch sie verneint sofort. „Ist gerade keine Option.“ Pausder tut sich schwer mit dem Denken in politischen Farben, sagt, ihre Anliegen seien parteiübergreifend. Vielleicht macht sie es auch einfach wie Gustav Heinemann, den sie in ihrem Buch zitiert. Man müsse nicht „als Siebzig- oder Achtzigjähriger mit derselben Parteifahne beerdigt werden“, der man als junger Mensch zuerst gefolgt sei, hat der dritte Präsident der Bundesrepublik einmal gesagt. Er selbst war im Laufe seines Lebens Mitglied in fünf Parteien. Ein Vorbild für Verena Pausder? Verwunderlich wäre es nicht. Gustav Heinemann war ihr Urgroßvater.

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