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Verena Pausder : Die Antreiberin

Früher sei sie oft gefragt worden, warum sie sich für das Thema Bildung verkämpfe – bis Corona kam, sagt Unternehmerin Verena Pausder. Bild: Andreas Pein

Verena Pausder kämpft für digitale Bildung. In der Start-up-Szene ist sie schon lange bekannt. Jetzt denkt sie über den Einstieg in die Politik nach.

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          Verena Pausder fackelt nicht lange. Das hat sie in diesem Jahr schon mehrfach unter Beweis gestellt. Ein Beispiel? Als im März die Schulen in Deutschland von einem Tag auf den anderen dichtmachten, setzte sie sich an ihren Rechner, schrieb alle Online-Lernportale, Bildungs-Apps und andere Ideen für „Homeschooling in Zeiten von Corona“ auf, die ihr auf die Schnelle einfielen, und veröffentlichte die Liste auf ihren Social-Media-Kanälen und in ihrem Blog. Die Resonanz war überwältigend, Eltern waren hilflos und dankbar für jede noch so kleine Anregung. Also bastelte sie eine eigene Website als Sammelbecken für ihre Tipps. Kurz darauf ging die Plattform an den Start.

          Maja Brankovic

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Ein weiteres Beispiel: Kurz bevor im März die Schulen schlossen, machte die Meldung die Runde, dass Delia Lachance, Vorzeige-Gründerin und Vorständin des Möbel-Start-ups Westwing, ihren Posten niederlegen musste. Sie wollte nach der Geburt ihrer Tochter eine sechsmonatige Babypause einlegen. Das deutsche Gesetz sieht es aber nicht vor, dass Frauen (oder Männer) sich in dieser Position eine Auszeit genehmigen. Pausder war fassungslos: „Wie soll man mehr Frauen in die Chefetagen bekommen, wenn dort oben bestimmte Lebensmodelle noch immer nicht angekommen sind?“, fragte sie sich. Also stellte sie die Initiative „Stayonboard“ auf die Beine, die eine Veränderung des geltenden Rechts noch in dieser Legislaturperiode erreichen will. Mehrere Bundestagsfraktionen haben die Idee inzwischen aufgenommen. Das Bundesjustizministerium prüft, „ob Handlungsbedarf besteht“.

          Man kann Verena Pausder nicht vorwerfen, sie würde zu kleine Brötchen backen. Dass sie Probleme, die sie sieht, auch anpackt, klingt abgedroschen. In ihrem Fall ist es mehr als eine Floskel. Es gilt für die Schule in Zeiten der Pandemie genauso wie für 50 Jahre altes Aktien- und Gesellschaftsrecht.

          Digitale Bildung ist Verena Pausders Herzensthema. Seit gut einem Jahrzehnt ist die 41-Jährige auf diesem Feld unterwegs. In einem Interview erzählte sie mal, wie sie dazu kam. Als sie selbst Mutter wurde, habe sie nach brauchbaren digitalen Anwendungen für ihre Kinder gesucht, aber nichts gefunden, das ihren Vorstellungen entsprach. Also gründete sie Fox & Sheep und entwickelte fortan einfach selbst Apps für Kinder, die sie für wertvoll befand. Viele Eltern teilten ihre Auffassung offenbar, die Idee wurde zum Erfolg: Wenige Jahre später verkauften sie und ihr Geschäftspartner Moritz Hohl das Start-up an den Spielehersteller Haba für einen zweistelligen Millionenbetrag. Hohl stieg aus, Pausder blieb Geschäftsführerin und gründete die Haba Digitalwerkstatt, in der Kinder Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien lernen.

          Heute ist Pausder eine gefragte Frau, die an vielen Orten dabei ist. Sie ist Unternehmerin, Investorin, Aktivistin und Aufsichtsrätin bei der Comdirect-Bank, dazu Mutter dreier Kinder. Zudem hat sie ein Buch geschrieben, das in wenigen Tagen erscheint und vorher vermarktet werden will. Trotzdem wirkt sie nicht gehetzt, an diesem Dienstagmorgen in ihrem Wohnzimmer in Berlin-Mitte. Sie komme gerade von einem Treffen in der Schule ihres Sohnes, die Schule wolle sich digital besser aufstellen und habe um Rat gefragt, erzählt sie, während sie hinter der Zeile ihrer offenen Küche steht und erst einmal Kaffee kocht. Schon ist sie mittendrin: „Eigentlich konnte man mit dem Thema Bildung in Deutschland keinen Blumentopf gewinnen, geschweige denn mit digitaler Bildung.“ Früher sei sie oft gefragt worden, warum sie sich dafür verkämpft. Das sei doch „verlorene Liebesmüh“. Doch sie sei sich sicher gewesen, ein wichtiges Thema zu beackern. Als dann über Nacht die Schule für Millionen von Kindern nach Hause verlagert wurde, stand ihr Thema plötzlich ganz oben auf der Agenda. Und Verena Pausder tauchte als Expertin im Abendprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender auf.

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