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Vereinigte Staaten : Inflationssorgen trotz niedriger Teuerungsraten

An der Zapfsäule: Der Eindruck vom Benzinpreis prägt die Preiserwartungen der Bürger Bild: dapd

Eigentlich sind die Teuerungsraten niedrig, doch die Amerikaner schielen bei ihrer Inflationswahrnehmung auf den schwankenden Benzinpreis. Die Geldpolitik der Zentralbank ist unter Ökonomen umstritten und das Vertrauen der Bürger eher gering.

          Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve (Fed) sieht auf Jahre keine Inflationsgefahren am Horizont. Der gemeine Amerikaner ist sich da nicht sicher. Umfragen über Inflationssorgen der Bevölkerung machen in den Vereinigten Staaten zwar generell selten Schlagzeilen, der Fokus liegt eher auf der Arbeitslosigkeit. Zuletzt aber ließen einige Ergebnisse aufmerken.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          37 Prozent der Wähler sahen bei der Präsidentenwahl im November steigende Preise als das wichtigste wirtschaftliche Problem, wie eine Umfrage unter mehr als 25000 Wählern ergab. Die Inflationsängste lagen faktisch gleichauf mit der anderen großen wirtschaftlichen Sorge, der Arbeitslosigkeit. Diese nannten 38 Prozent der Wähler als wichtigstes Wirtschaftsproblem.

          Preise stiegen nur um 1,2 Prozent

          Wenig später erschreckte eine Umfrage der Meinungsforscher von Rasmussen Reports. 76 Prozent der Befragten waren danach über die Inflation besorgt, darunter 48 Prozent sogar sehr besorgt. Die Inflationsängste waren aber geringer als noch 2008 und 2009. Weniger dramatisch fiel zum Jahresbeginn eine Gallus-Umfrage aus. Danach erwarteten 57 Prozent der Befragten, dass die Preise in diesem Jahr „vertretbar“ steigen würden. 42 Prozent aber rechneten mit hohen Preissteigerungen.

          Die Inflationsängste stehen im Gegensatz dazu, dass das Preisniveau im vergangenen Jahr - gemessen am Verbraucherpreisindex - gerade mal um 2,1 Prozent stieg, langsamer als die 3,2 Prozent im Vorjahr, als Energie und Nahrungsmittel drastisch teurer wurden. Gemessen am Preisindex der persönlichen Konsumausgaben, der von der Fed als Inflationsmaß bevorzugt wird, stiegen die Preise 2013 nur um 1,7 Prozent.

          Die Mitglieder des Offenmarktausschusses der Fed erwarten nach den im Dezember veröffentlichten Prognosen, dass die Inflationsrate bis 2015 knapp unter 2 Prozent verharren wird, obwohl die Wirtschaft schon von 2014 an mit 3 Prozent und mehr wachsen soll. An diesem Dienstag und Mittwoch kommt der Offenmarktausschuss zum ersten Mal in diesem Jahr zusammen. Eine Änderung der lockeren Geldpolitik wird nicht erwartet.

          Für Volkswirte von Geschäftsbanken ist Inflationsdruck in Amerika auf Sicht von mindestens ein bis zwei Jahren kein Thema. Die Arbeitslosigkeit sei noch zu hoch und die Kapazitäten zu wenig ausgelastet, heißt es. Sie messen Verbraucherumfragen als Indikator künftiger Inflation ein geringes Gewicht zu. „Die Haushalte geben weniger ihre Preiserwartungen wider, sondern ihren Eindruck vom aktuellen Benzinpreis“, sagt Harm Bandholz, Amerika-Volkswirt von Unicredit.

          Geringere Preissorgen der Verbraucher

          Die Verbraucherumfragen der Universität Michigan und des Forschungsinstituts Conference Boards zeigten zuletzt in der Tendenz eher abnehmende Preissorgen der Verbraucher. Ein wichtiger Grund: Die Gallone Benzin (zu 3,8 Liter), die im Mai im landesweiten Durchschnitt fast 4 Dollar kostete, ist derzeit für etwa 3,2 Dollar zu haben. Benzin kostet je Liter also rund 85 Cent (umgerechnet 0,63 Eurocent).

          „Den durchschnittlichen Verbraucher interessiert nicht der Verbraucherpreisindex, sondern was es kostet, Essen auf den Tisch zu bringen, den Tank zu füllen und die Wohnung zu heizen oder zu kühlen“, sagt auch Kenneth Goldstein, ein Ökonom des Conference Board. Goldstein verweist aber darauf, dass die amerikanischen Verbraucher schon seit einigen Jahren systematisch eine höhere Inflationsrate erwarteten als die Federal Reserve. In der Umfrage des Conference Board sahen die Verbraucher in den vergangenen Monaten die Inflation auf Sicht von zwölf Monaten bei 5,5 bis 6 Prozent.

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