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Vereinigte Staaten : Für Kinder der Amish ist Arbeit im Sägewerk nicht länger tabu

  • -Aktualisiert am

Amish-Land, Land der arbeitenden Kinder Bild: gms

Die Religionsgemeinschaft der Amish hat einen Erfolg errungen. Sie darf ihre Kinder schon im Alter von 14 Jahren zu Arbeiten in Sägewerken einsetzen. In Amerika ist Arbeit von Jugendlichen, häufig zu Hungerlöhnen, verbreitet.

          3 Min.

          Die Religionsgemeinschaft der Amish hat einen wichtigen Erfolg im Kongreß in Washington errungen. Ein kurzer Zusatz zum Bewilligungsgesetz für den amerikanischen Bundeshaushalt erlaubt es den Amish, die ein einfaches Leben ohne den Einsatz moderner Techniken führen, fortan ihre Kinder schon im Alter von 14 Jahren zu Arbeiten in den familieneigenen Sägewerken einzusetzen.

          Die amerikanischen Gesetze zur Regelung von Kinderarbeit stufen Sägewerke sonst als besonders gefährliche Arbeitsstätten ein und schreiben ein Mindestalter von 18 Jahren für die Beschäftigten vor. Das hatte zur Verhängung von Geldbußen an zahlreiche Amish und der Drohung durch die Behörden geführt, die Betriebe notfalls zu schließen.

          Die Amish - Schätzungen zufolge leben in den Vereinigten Staaten und Kanada rund 130.000 von ihnen - fühlten sich durch die Gesetze in ihrer Lebensweise behindert: Die Kinder der Amish besuchen acht Jahre lang gemeindeeigene Schulen und werden danach in den Betrieben der Familien oder von Gemeindemitgliedern, zumeist in der Landwirtschaft, aber eben auch in Handwerksbetrieben, für verschiedene Tätigkeiten eingesetzt.

          Gute Arbeitsmoral und Bescheidenheit

          Auf diese Weise sollen die Jugendlichen zu einer guten Arbeitsmoral und zur Bescheidenheit erzogen werden. Beides sind wichtige Tugenden der Amish, die zurückgezogen leben, den Kontakt mit anderen Menschen, so gut es geht, meiden und sich darum bemühen, alles zum Leben Notwendige selbst herzustellen. Die Mitarbeit in den Sägewerken, wo die Jugendlichen in einiger Entfernung von den Sägen Holz sortierten und stapelten, sei gemäß den Glaubensgrundsätzen der Amish notwendig, hatte deren Sprecher während einer Anhörung vor dem Kongreß dargelegt. Dem Einsatz von Senator Arlen Specter und Kongreßmitglied Joseph Pitts - beide stammen aus dem Bundesstaat Pennsylvania, in dessen Landkreis Lancaster rund 18.000 Amish leben - ist es zu verdanken, daß der Gesetzgeber in Washington dem Wunsch der Amish entsprochen hat.

          Nicht überall herrscht indes Freude über die Ausnahmeregelung. Die Verbraucherschützer der National Consumers League (NCL) beispielsweise wähnen darin den möglichen Auftakt zu einer  "gefährlichen Aushöhlung" der Gesetze gegen Kinderarbeit in den Vereinigten Staaten. Es sei zudem zweifelhaft, daß die in dem Gesetzeszusatz beschriebenen Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich Verletzungen der Jugendlichen verhinderten, heißt es in einem Schreiben der von der NCL betriebenen Child Labor Coalition an den Senat.

          Arbeit von Jugendlichen stark verbreitet

          Die Kinderschützer beklagen schon seit geraumer Zeit, daß eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen in Amerika regelmäßig arbeite. Einer Erhebung der Regierung von Ende der neunziger Jahre zufolge arbeitet immerhin die Hälfte aller Zwölfjährigen in irgendeiner Form, sei es als Babysitter oder als Gartenhilfe zum Rasenmähen. Unter den Vierzehnjährigen beträgt der Anteil schon zwei Drittel, und rund drei Viertel aller Fünfzehnjährigen in Amerika arbeiten sowohl während des Schuljahres nebenher als auch in den Schulferien. In diesem Alter bekommt das Arbeitsverhältnis auch schon formelleren Charakter; besonders beliebt und begehrt sind Tätigkeiten im Einzelhandel - an der Kasse oder als Verkäufer - sowie im Restaurantgewerbe als Bedienung.

          Im Gesetz ist das Mindestalter für eine solche Beschäftigung auf 14 Jahre festgesetzt. Jugendliche zwischen 14 und 15 Jahren dürfen neben der Schule drei Stunden täglich und 18 Stunden wöchentlich arbeiten. Während der schulfreien Zeit sind Acht-Stunden-Arbeitstage und eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden zulässig. Verboten ist eine Beschäftigung vor sieben Uhr morgens und nach sieben Uhr abends, mit Ausnahme der Sommermonate, in denen bis neun Uhr abends gearbeitet werden darf. Für Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren besteht keine Beschränkung in der Arbeitszeit, ebenso wie für die Jüngeren gibt es aber eine Reihe von als gefährlich eingestuften Tätigkeiten, die für eine Beschäftigung nicht in Frage kommen: Hierzu zählen neben der Arbeit mit Sägen auch Grubenarbeiten,  der Umgang mit radioaktiven Substanzen, Dachdeckerarbeiten und dergleichen mehr.

          Mindestlohn von 4,25 Dollar in der Stunde

          Allerdings beschäftigen nicht nur die Amish Jugendliche in der Landwirtschaft. Einer Untersuchung aus den neunziger Jahren zufolge sind rund sieben Prozent aller in der Landwirtschaft Beschäftigten in Amerika zwischen 14 und 17  Jahre alt. Das entsprach damals rund 130.000 Jugendlichen. Der Anteil der Kinder von Landwirten, die auf den Höfen eingesetzt sind, ist gleichwohl recht gering und beträgt nur rund sechs Prozent. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Jugendlichen in der Landwirtschaft leben gar nicht mit den Eltern zusammen. Dies mag mit dem Umstand zusammenhängen, daß viele dieser Jugendlichen nicht in Amerika geboren wurden, sondern recht kurz vor Aufnahme der Tätigkeit ins Land kamen - vor allem aus Lateinamerika.

          10.000 Dollar Jahreseinkommen für die ganze Familie

          Die Bezahlung ist spärlich: Rund ein Drittel der Jugendlichen erhält nur den Mindestlohn von 4,25 Dollar in der Stunde, der für Arbeitnehmer im Alter von weniger als 20 Jahren in der Landwirtschaft in den ersten 90 Tagen ihrer Beschäftigung zulässig ist. Es ist darum auch nicht erstaunlich, daß das Familieneinkommen, so es eine Familie gibt, bei jugendlichen Landarbeitern vielfach ebenfalls gering ist: Rund die Hälfte lebt in Armut mit Jahreseinkommen von 10.000 Dollar oder weniger.

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