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Neue Tarifrunde : Lohn und Inflation

  • -Aktualisiert am

Wie schlimm wird die Teuerung noch? Bild: dpa

Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes sollten nicht den Lokführern folgen. Es braucht echte Verhandlungsbereitschaft – aus Rücksicht auf den Aufschwung.

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          Jahrelang mussten deutsche Gewerkschaften die Inflationsrate nicht sonderlich beachten. Die Preissteigerungen blieben im Schnitt moderat und boten eine verlässliche Kalkulationsgrundlage. Für die Entscheidung, mit welcher Lohnforderung man ins Rennen gehen sollte, waren andere Faktoren wichtiger: Konjunktur und Beschäftigung, die Produktivität.

          Das hat sich geändert, seit die Inflationsrate unlängst einen Sprung auf fast 4 Prozent machte, womöglich im Herbst gar die 5 erreicht. Ist das wirklich nur ein vorübergehendes, Sondereffekten geschuldetes Phänomen, wie die Mehrheit der Ökonomen meint? Entscheider in den Unternehmen sind skeptisch.

          Die kampflustigen Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes sind die ersten, die größere Inflationsrisiken zum Start einer wichtigen Tarifrunde in Betracht ziehen müssen. Mit der Forderung nach 5 Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 150 Euro mehr im Monat für die Beschäftigten der Länder für zwölf Monate, haben sie einen für ihre Verhältnisse vorsichtigen Ansatz gewählt. Er deutet darauf, dass Verdi und der Beamtenbund eher der Einschätzung zuneigen, die Inflationsrate werde sich bald beruhigen – und sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, eine Lohn-Preisspirale in Schwung bringen zu wollen.

          Aber natürlich sind die geforderten 5 Prozent vor dem Hintergrund der in tiefroten Zahlen steckenden Haushalte viel zu viel. In die letzte Länder-Tarifrunde vor der Pandemie war man 2019 bei guter Konjunktur mit dem Ruf nach 6 Prozent gestartet. Jetzt sind die Kassen leer. Der Aufschwung, der sie füllen soll, hat erst begonnen.

          Darauf sollten die gut gesicherten öffentlich Beschäftigten Rücksicht nehmen. Ihre Lohn- und Pensionszuschläge müssen private Unternehmen am Markt erwirtschaften. Zieht der Tarifabschluss höhere Steuern und Abgaben nach sich, wird das schwieriger. Auch Streiks schaden.

          Verdi und DBB sollten nicht den Lokführern folgen, sondern schnell echte Verhandlungs- und Verzichtsbereitschaft zeigen. Ein Element, das der Unsicherheit Rechnung trüge, wären neben kurzer Laufzeit Einmalzahlungen in Abhängigkeit von der Konjunkturentwicklung.

          Heike Göbel
          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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