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Verdacht auf illegale Arzneimitteltests : Nigeria verklagt Pfizer auf Schadenersatz

  • -Aktualisiert am

Nigerianerinnen vertrauen nach dem Skandal ihre Kinder lieber dem Medizinmann an Bild: AP

Der Pharmakonzern soll Kinder in Nigeria als Testpersonen für ein Antibiotikum missbraucht haben. Mindestens elf Kinder sollen daran gestorben sein. Die nigerianische Regierung hat den Konzern nun auf Schadenersatz in Milliardenhöhe verklagt.

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          Die nigerianische Regierung hat den amerikanischen Pharmakonzern Pfizer vor dem Obersten Gericht des Landes auf rund 7 Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt. Nigeria wirft dem Unternehmen illegale Tests an Kindern mit einem Antibiotikum zur Behandlung von Hirnhautentzündung (Meningitis) im Jahr 1996 vor, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht von den Gesundheitsbehörden zugelassen war.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Pfizer wird beschuldigt, nigerianische Kinder gewissermaßen als Versuchskaninchen für Experimente mit seinem Mittel eingespannt zu haben. Der Pharmakonzern hatte während einer schweren Meningitis-Epidemie im Bundesstaat Kano im Norden Nigerias 1996 im Rahmen einer als humanitäre Hilfe bezeichneten Aktion Kindern das Präparat Trovan gegeben. Die Epidemie forderte fast 15.000 Todesopfer.

          Mindestens elf Kinder starben an den Folgen

          Die Regierung des Bundesstaates Kano hat bereits vor zwei Jahren Anklage gegen Pfizer erhoben und fordert darin 2 Milliarden Dollar Schadenersatz. Zudem sind etliche private Klagen gegen den Pharma-Multi aus New York anhängig. Dabei geht es um die Frage, ob Pfizer die Eltern der Kinder darüber informiert hatte, dass die Verabreichung von Trovan ein Experiment war, das die Eltern ablehnen konnten. Nach Angaben der Kläger sei dem nicht so gewesen. Zudem habe sie niemand darüber informiert, dass sie ihre Kinder statt mit Trovan mit einem herkömmlichen Medikament gegen Meningitis hätten schützen können.

          Im Rahmen des Pfizer-Tests bekam den Vorwürfen zufolge die Hälfte der Kinder das Mittel Trovan, und die andere Hälfte als Kontrollgruppe ein konkurrierendes Antibiotikum, allerdings in einer niedriger als ärztlich empfohlenen Dosis. Nach nigerianischen Angaben starben mindestens elf Kinder an den Folgen des Tests, mehr als 200 andere erlitten zum Teil irreparable Gesundheitsschäden wie partielle Lähmungen, Blindheit, Taubheit sowie Gehirnschäden.

          Für Kinder war Trovan nie zugelassen

          Trovan ist 1997 und damit ein Jahr nach den Tests in Nigeria von der amerikanischen Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration zwar als Breitbandantibiotikum für die Vermarktung freigegeben worden, allerdings nur für Erwachsene. Für Kinder war Trovan nie zugelassen. Im Jahr 1999 ist die Anwendung von Trovan stark eingeschränkt worden, nachdem bei etlichen Patienten Leberversagen aufgetreten war.

          Pfizer bestreitet die Vorwürfe vehement. „Diese Anschuldigungen sind aufrührerisch und basieren nicht auf allen Fakten“, ließ sich ein Sprecher in einer Reaktion auf die neue Klage zitieren. „Wir halten in stärkster Form an unserer Position fest, dass die nigerianische Regierung vorher in vollem Umfang über den klinischen Test informiert war; dass der Test auf angemessene und ethische Art und Weise durchgeführt worden ist und das beste Interesse der Patienten zum Ziel hatte; und das hat Leben gerettet.“

          Tiefes Misstrauen gegenüber westlicher Medizin

          Die Erfahrungen mit Pfizer haben in Nigeria zu einem tiefen Misstrauen gegenüber westlicher Medizin geführt. Als die Weltgesundheitsbehörde (WHO) 2003 ein groß angelegtes Impfprogramm gegen Polio startete, verweigerten drei muslimische Bundesstaaten im Norden Nigerias, darunter auch Kano, ihre Zustimmung.

          Islamische Würdenträger bezeichneten die Impfkampagne als Versuch des Westens, die Kinder unfruchtbar zu machen und somit die Muslime in Nigeria zu dezimieren. Seither ist die bis dahin stark eingedämmte Polio in Nordnigeria und den Anrainerstaaten wieder auf dem Vormarsch.

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