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Verbrechen : Fußball im Visier von Kriminellen

  • -Aktualisiert am

Die Ungewissheit ist jetzt beendet: Das Foto zeigt die Dortmunder Profis wenige Minuten nach der Explosion. Bild: AP

Eine Aktienspekulation soll das Tatmotiv für den Bombenanschlag auf Borussia Dortmund sein. Doch längst nehmen Banden den Fußball in die Mangel. Die Margen sind zum Teil höher als im Rauschgifthandel.

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          Nachdem die Ermittler eine Zeitlang wohl auch die Wettmafia als Tätergruppe für den Bombenanschlag auf die Fußballmannschaft des Bundesligaklubs Borussia Dortmund in Betracht gezogen hatten, gehen die Sicherheitsbehörden inzwischen von einem anderen Hintergrund aus. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach von einem „besonders widerwärtigen Tatmotiv“, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. Der am Freitag Festgenommene aus Freudenstadt in Baden-Württemberg soll sich Verkaufsoptionen in Bezug auf die BVB-Aktie gesichert und mit dem Anschlag auf einen Kursverfall der Aktie gesetzt haben. Die Rede ist von 15.000 Put-Optionscheinen. „Nach meinem jetzigen Kenntnisstand für 79.000 Euro“, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD).

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Zahlen passen nicht zusammen. Der teuerste Put-Optionsschein auf eine fallende BVB-Aktie kostet rund 20 Cent. Entweder muss der Täter mehr als 15.000 Optionsscheine gekauft haben oder die Summe ist zu hoch gegriffen. Für die Spekulation hatte der Täter am 3. April einen Konsumentenkredit über mehrere Zehntausend Euro aufgenommen. Die Comdirect, über die der mutmaßliche Täter gehandelt hat, macht keine Angaben zu den konkreten Transaktionen. Getätigt wurden sie aber im Mannschaftshotel des BVB. Fachleute sprechen von einem recht dilettantischen Vorgehen.

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          Nur ein heftiger Kurssturz hätte nennenswerte Gewinne gebracht

          Die Comdirect hat offenbar Auffälligkeiten festgestellt und weitergeleitet. Bei Verdacht auf Geldwäsche oder Terrorfinanzierung sind Banken dazu verpflichtet, entsprechende Vorgänge den Kriminalämtern zu übermitteln. Handelt es sich um einen Verdacht auf Marktmanipulation oder Insiderhandel, wird der Finanzaufsicht Bafin Meldung erstattet. Diese war in die Ermittlungen involviert.

          Mutmaßlich hat der Täter Optionsscheine der DZ Bank gehandelt. Sie ist die einzige Bank, die klassische Put-Optionsscheine auf die BVB-Aktie anbietet. In fünf Papieren wurden am Tag der Tat Umsätze von mehr als 15.000 Stück verzeichnet. Der Gegenwert entspricht wenigen Tausend Euro. Der mutmaßliche Täter hat sich hochspekulative Papiere herausgesucht. Nur ein sehr deutliches Abrutschen des BVB-Aktienkurses hätte nennenswerte Gewinne erbracht.

          3800 Prozent Rendite

          Eines der Wertpapiere, das er mutmaßlich gehandelt hat, mit der Kennnummer DGM51Y wird aktuell zu 10 Cent gehandelt. Der Anleger erwirbt damit das Recht, die BVB-Aktie Mitte Juni zu einem Kurs von 4,80 Euro zu verkaufen. Aktuell kostet die Aktie 5,60 Euro. Deswegen ist der Put fast nichts wert. Käme es allerdings wie vom mutmaßlichen Täter erhofft zu einem Kurssturz der Aktie, gewänne der Put-Optionsschein schlagartig an Wert. Bei einem Aktienkurs von zum Beispiel 1 Euro, wäre das Recht, zu 4,80 Euro zu verkaufen, dann 3,80 Euro wert. Der Preis des Optionsscheins würde sich also von 10 Cent auf 3,80 vervielfachen, in diesem Fall um den Faktor 38.

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          Die anderen Put-Optionen arbeiten mit ähnlichen Hebeln. Wenn der Täter zum Beispiel 8000 Euro eingesetzt haben sollte, wäre damit in diesem Szenario ein Gewinn von mehr als 300.000 Euro möglich gewesen. Sollte er mehr Geld eingesetzt haben oder auch in anderen Papieren spekuliert haben oder wäre der Aktienkurs sogar auf nahe Null gefallen, erhöhte sich der mögliche Gewinn entsprechend. Solche Put-Optionsscheine werden nur zum Teil zu spekulativen Zwecken verwendet. Der Großteil dient der Absicherung. Versicherungen sind einer der größten Abnehmer, aber auch Fondsgesellschaften, die Zusagen an Anleger ohne die Absicherung über Optionen gar nicht machen könnten. Auch Landwirte sichern sich darüber ab.

          Der Aktienkurs der BVB-Aktie war am Tag nach dem Anschlag kurzzeitig um 2 Prozent gefallen, hatte dann jedoch im Plus geschlossen. Die Niederlagen gegen Monaco hatten jeweils für Kursverluste von 3 Prozent gesorgt. Die Nachricht von der Festnahme hat den Kurs am Freitag um bis zu 5 Prozent steigen lassen. Ob und wann der Täter seine Optionsscheine wieder verkauft hat und ob dies mit Gewinn passierte, ist noch unklar.

          Zum Teil höhere Margen als im Rauschgifthandel

          Seit der Fußball global eine solche wirtschaftliche Bedeutung erlangt hat, Millionen und Milliarden oft wenig kontrolliert durch ihn geschleust werden, ist der Sport auch ins Visier der organisierten Kriminalität geraten. Über Spielmanipulationen und betrügerische Sportwetten lassen sich zum Teil höhere Margen erwirtschaften als im Rauschgifthandel, sagen Ermittler. Und die Täter gehen ein weniger hohes Risiko ein, entdeckt zu werden. Schiebereien spielen sich meist unterhalb der Premiumklasse in den zweiten, dritten oder vierten Ligen ab. Dort verdienen die Spieler weniger und sind damit leichter von den Kriminellen zu verführen, zugleich ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht so groß ist.

          Fachleute gehen hier je manipuliertem Spiel von Gewinnen der Wettmafia im sechs- oder siebenstelligen Bereich aus. „Wie im vergangenen Jahr sehen wir auch jetzt zum Saisonende eine starke Zunahme manipulierter Spiele“, sagt Andreas Krannich, Direktor bei der Sportradar AG. Das Unternehmen ist weltweiter Marktführer in der Detektion von Spielmanipulationen und Dienstleister für Sportverbände.

          Die Banden sind vor allem in Asien, Afrika, Europa und Südamerika aktiv. Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre werden bestochen, aber auch erpresst und von den Handlangern der Wettpaten drangsaliert. Ganze Klubs werden von der Wettmafia gekapert. Es kam schon zu Mordfällen. Auch Deutschland hatte mit dem von Kriminellen bestochenen Fußballschiedsrichter Robert Hoyzer schon einen großen Wettskandal. In diesem Zuge kamen über die vergangenen Jahre weitere Verstrickungen mit der Wettmafia ans Tageslicht. Verband, Liga und Vereine reagierten mit Aufklärungsarbeit und Präventionsmaßnahmen. Auch der Gesetzgeber wurde aktiv: Seit Mittwoch sind im Strafgesetzbuch neue Paragraphen zur Manipulation im Sport gültig. Wettbetrug wird nun mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet.

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