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Verbraucherschutz : Schwefeldämpfe aus der Gipsplatte

Ursache und Folge: Aus Knauf-Gipsplatte strömen schwefelhaltige Gase aus Bild: Roland Lindner

Tausende amerikanische Hausbesitzer erleben einen Albtraum: Eingebaute Gipsplatten aus China setzen Schwefeldämpfe frei. Eigentümer klagen über Kopfschmerzen und andere Beschwerden. Einer der Hersteller kommt aus der deutschen Knauf-Gruppe. Es zeichnet sich ein gigantischer Produkthaftungsfall ab.

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          Erst glaubten Pat und Dave Stanley, dass ihr Haus verhext sein muss. Kaum war das Ehepaar in das neue Heim in Vero Beach an der Küste von Florida eingezogen, passierten mysteriöse Dinge. So fingen die Lampen an, verrückt zu spielen. Das Licht schwächte sich auf einmal ab, und ein paar Sekunden später wurde es wieder heller. Dave meinte zunächst, er hätte einen einzelnen defekten Dimmschalter installiert, aber nach und nach musste er acht Schalter auswechseln. Auch seine elektrische Eisenbahn wurde störrisch. Inmitten der Fahrt bremste sie ab und beschleunigte dann wieder von selbst. Nicht nur die kapriziöse Elektrik brachte das 58 und 62 Jahre alte Rentnerpaar ins Grübeln, ob mit dem Haus etwas nicht stimmen könnte. Sie registrierten einen üblen Geruch. Pat bekam häufig Kopfschmerzen, Dave spürte Reizungen in seinen Augen. Ihren asthmakranken zweijährigen Enkel lassen sie nicht mehr ins Haus. Denn der bekam bei seinen Besuchen schlimmere Atembeschwerden als sonst und hing ständig am Inhalator.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Stanleys sind kein Einzelfall: Tausende von amerikanischen Hausbesitzern erzählen ähnliche Geschichten: von Korrosion bei elektrischen Leitungen, von faulem Geruch und von gesundheitlichen Beschwerden. Allen Betroffenen ist eines gemeinsam: Sie haben in ihren Häusern Gipskartonplatten installiert, die aus China importiert worden sind. Die kuriosen Vorkommnisse werden mit Schwefelwasserstoffdämpfen in Verbindung gebracht, die aus den Platten entweichen. Es ist der jüngste in einer Serie von Fällen, in denen Produkte aus China ins Zwielicht geraten, nach Skandalen um verseuchtes Milchpulver oder Bleifarbe in Kinderspielzeug.

          Franken, China, Amerika - und zurück?

          Diesmal gibt es auch einen Bezug zu Deutschland: Denn einer der wichtigsten Hersteller der fraglichen Trockenbauplatten ist eine chinesische Gesellschaft aus der fränkischen Unternehmensgruppe Knauf, ein führender Baustoffhersteller mit einem Jahresumsatz von 5,6 Milliarden Euro. Knauf sieht sich nun in Amerika einer Klagewelle gegenüber, die sich zu einem gigantischen Produkthaftungsfall auswachsen könnte. Vor wenigen Tagen wurde eine Sammelklage gegen Knauf und andere Unternehmen eingereicht, der sich mehr als 2000 Hausbesitzer angeschlossen haben. Die Zahl der Betroffenen könnte aber noch viel höher sein. Die Unternehmensberatung Towers Perrin schätzt, dass die Reparatur von Häusern mit schadhaften Gipsplatten 8 Milliarden Dollar kosten wird. Die Verbraucherschutzbehörde CPSC ist derart alarmiert, dass sie für ihre Ermittlungen das höchste Budget seit ihrer Gründung bereitgestellt hat. Dabei ist bislang alles andere als eindeutig, welchen Schaden die Platten genau anrichten. Zwar ergab sich in Studien ein Zusammenhang mit der Korrosion, aber es konnte bislang nicht nachgewiesen werden, dass die Platten Krankmacher sind.

          Der Schein trügt: Die Bewohner dieses Hauses leiden

          Die meisten Häuser, in denen die Platten eingebaut wurden, sind erst 2006 und 2007 entstanden, der größte Teil in den südlichen Bundesstaaten Florida und Louisiana. Beide Regionen erlebten damals einen Bauboom als Folge von katastrophalen Wirbelstürmen, wie etwa dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005. Zudem war der amerikanische Häusermarkt damals noch im Aufschwung. Trockenbauplatten aus heimischer Produktion wurden knapp, Importware aus China wurde geholt. Rund 20 Prozent dieser Platten stammten von Knauf Plasterboard Tianjin, der chinesischen Gesellschaft aus der Knauf-Gruppe.

          Erste Beschwerden Ende 2008

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