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Verbraucherzentrale : Unmündige Verbraucher als neues Leitbild

  • -Aktualisiert am

Verbraucher schützen und informieren: So der Auftrag der Verbraucherzentralen. Doch jetzt wollen sie den Aktionsradius ausweiten. Bild: dpa

Was traut man den Menschen an Eigenverantwortung zu? Oder gehört der mündige Bürger der Vergangenheit an? Beim Verbraucherschutz ist einiges in Schieflage geraten. Ein Gastbeitrag.

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          Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) meldete sich im vergangenen Bundestagswahlkampf mit vielen Forderungen zu Wort. Dazu gehörten die Abschaffung des Kooperationsverbots im deutschen Bildungsföderalismus und staatliche definierte Standards für eine „sozial und ökologisch verantwortungsvolle Produktion“. Diese Themen würde man eher bei Gewerkschaften und Umweltverbänden verorten. Mit dem Verbraucherschutz dagegen scheinen sie zunächst wenig zu tun zu haben.

          Lange definierte man die Domäne des Verbraucherschutzes tatsächlich in einem engeren Sinne als Schutz der Verbraucher, etwa vor missbräuchlichen Praktiken unseriöser Anbieter. Hinzu kam das Angebot von Information durch Verbraucherschützer. Auch dies ist gut begründbar, beispielsweise wenn das selbständige Einarbeiten in rechtliche Regelungen für den einzelnen Verbraucher mit prohibitiv hohen Kosten verbunden wäre. Die von Verbraucherschützern ehrgeizig betriebene Ausdehnung ihres Aktionsradius bedürfte einer überzeugenden Begründung. Es geht um ein neues Verbraucherleitbild.

          Verbraucherleitbild auch für den Gesetzgeber wichtig

          Ein Verbraucherleitbild ist zunächst einmal ein Werkzeug für Politik, Verwaltung und Rechtsprechung, das helfen soll einzuschätzen, welches Verhalten man üblicherweise von Verbrauchern erwarten kann. Es beruht auf einer Reihe von Vermutungen darüber, welchen Informationsstand und welche kognitiven Fähigkeiten man dem typischen Verbraucher zutraut. Diese Hypothesen über typisches Verbraucherverhalten sollten idealerweise empirisch solide abgestützt sein.

          Daneben hat das Verbraucherleitbild aber immer auch eine normative Komponente. Diese richtet sich an den Verbraucher selbst. Das Leitbild definiert immer auch, was man vernünftigerweise vom Verbraucher an eigenen Investitionen in für ihn selbst gute Konsumentscheidungen erwarten kann. Und damit ist es auch für den Gesetzgeber bedeutsam, denn es hilft, die Grenze zwischen sinnvoller Unterstützung und paternalistischer Bevormundung des Verbrauchers abzustecken.

          Haben alle Verbraucher Betreuungsbedarf?

          Verbraucherschützer arbeiten seit einiger Zeit an einer Revision des Leitbildes. Lange galt fast unangefochten der Standard des „mündigen“ Verbrauchers. „Das Leitbild ist Gott sei Dank überholt“, sagte VZBV-Chef Klaus Müller kürzlich. Es gebe einen neuen Konsens. Dabei wird bei Angriffen auf den mündigen Verbraucher oft mit einem Strohmann gearbeitet. Es wird behauptet, der mündige Verbraucher sei identisch mit einem recht eng definierten, vollständig rationalen und gut informierten „Homo oeconomicus“, dem es zuverlässig gelingt, in jeder Entscheidung seinen wie auch immer definierten Nutzen zu maximieren. Dies ist natürlich ein Anspruch, an dem empirisch beobachtbares Verhalten nur scheitern kann.

          Die Antwort der Verbraucherschützer hierauf besteht darin, neue Verbraucherleitbilder vorzuschlagen, die unter dem sogenannten differenzierten Verbraucherleitbild zusammengefasst werden. Danach agieren Verbraucher mal als „verletzliche“, mal als „vertrauende“ und mal als „verantwortungsvolle“ Verbraucher. Dem Interesse der auf die Ausweitung ihres Tätigkeitsgebiets bedachten Verbraucherschützer kommt entgegen, dass jeder dieser Verbrauchertypen – sogar der „verantwortungsvolle“ – einen gewissen paternalistischen Betreuungsbedarf hat.

          In den individuellen Konsum eingreifen

          Das ist besonders offensichtlich für Verbraucher, die in bestimmten Bereichen „verletzlich“ und aus verschiedenen denkbaren Gründen schlicht nicht in der Lage sind, gute Entscheidungen zu treffen, und zwar selbst dann nicht, wenn man sie mit der Bereitstellung von Information unterstützen würde. Solchen Verbrauchern sollte, so wird argumentiert, durch direkte Eingriffe in ihre individuellen Konsumentscheidungen geholfen werden, durch ein Beratungsangebot, das die gesamte Haushaltsführung umfasst, aber in manchen Bereichen auch durch staatliche Verbote oder staatlich verordneten Konsum. Die Sozialpolitik wird in die Domäne der Verbraucherpolitik integriert.

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