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Regierungskrise : Venezuelas Wirtschaft droht der Kollaps

  • -Aktualisiert am

Blick auf das Ölfeld in Morichal im Orinoco-Gürtel, Venezuela Bild: dpa

Amerikas neue Sanktionen treffen das südamerikanische Land ins Mark. Sie gefährden die für die Bevölkerung lebenswichtigen Warenimporte. Nur ein Regimewechsel könnte die Lage entschärfen.

          „Der Wolf ist da.“ Mit diesem Ausspruch kommentierten führende venezolanische Wirtschafts- und Politikanalysten die neuen am Montag verhängten Sanktionen Amerikas gegen den staatlichen venezolanischen Ölkonzern PDVSA. Mit den drastischen Sanktionen, die Finanzminister Steven Mnuchin und Sicherheitsberater John Bolton am Montag in Washington verkündeten, drücken sie das Regime von Staatschef Nicolás Maduro wirtschaftlich gegen die Wand. Venezolanisches Staatsvermögen im Wert von 7 Milliarden Dollar wird eingefroren. Öllieferungen aus Venezuela dürfen nach Amerika nur noch importiert werden, wenn die Zahlung nicht mehr an den Staatskonzern PDVSA, sondern auf Sperrkonten zugunsten der Regierung des vergangene Woche selbsternannten und von Amerika sogleich anerkannten Interimspräsidenten Juan Guaidó gehen.

          Rund 11 Milliarden Dollar würden Venezuela aufs Jahr gerechnet an Einnahmen verlorengehen, kalkuliert Amerikas Finanzminister Steve Mnuchin. Das dürfte fast dem gesamten Wert der jährlichen Warenimporte entsprechen, auf die Venezuela zur Versorgung seiner Bevölkerung angewiesen ist. Denn außer Öl wird in Venezuela kaum noch etwas hergestellt.

          Und auch die Ölförderung, die mehr als 90 Prozent aller Exporteinnahmen einbringt, ist auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten gefallen und nur noch halb so hoch wie vor drei Jahren. Mit rund 500.000 Fass am Tag exportiert Venezuela mehr als ein Drittel seiner verbliebenen Ölförderung von geschätzten 1,2 Millionen Fass je Tag in die Vereinigten Staaten. Vor allem waren die Amerikaner praktisch die Einzigen, die das Öl bisher noch bar bezahlten, während Lieferungen nach China und Russland vornehmlich der Abzahlung von Krediten dienen.

          Kaum noch Dollarangebot

          Der venezolanische Analyst Luis Vicente León hält die Strategie der Vereinigten Staaten für riskant. Sie setzten alles darauf, einen völligen Kollaps der venezolanischen Wirtschaft herbeizuführen. Das könnte das Militär, dessen Führung bisher hinter Maduro steht, zu einem Seitenwechsel bewegen, so die Hoffnung. Aber „das ist eine binäre Strategie“, sagt León. Ja, die Sanktionen könnten zu einer Implosion des Maduro-Regimes führen. „Aber wenn es schiefgeht wie in Kuba, Syrien oder Iran, wird am meisten die Bevölkerung leiden“, warnt León. Wenn die Bevölkerung von der aus der Opposition entstehenden Interimsregierung und deren ausländischen Unterstützern nicht spürbar profitiere, könne der Rückhalt für die Opposition bald wieder verlorengehen.

          Auch Amerikas Verbraucher werden bluten, wenn das Embargo längere Zeit bestehen bleiben sollte. Denn die Raffinerien an der amerikanischen Golfküste sind auf die Verarbeitung des besonders schweren Öls aus Venezuela eingestellt. Diesen Rohstoff aus anderen Quellen zu beziehen ist logistisch aufwendiger und teurer.

          Womöglich als Reaktion auf das Ölembargo Amerikas verfügten Regierung und Zentralbank Venezuelas am Montag beinahe unbemerkt eine weitere Liberalisierung des Devisenmarkts und eine abermalige Abwertung der Landeswährung um mehr als ein Drittel. Seit Montag ist in Caracas eine neue Internetplattform für den Devisenhandel unter Privaten offiziell zugelassen. Auf der Plattform Interbanex war die erste Kursnotierung am Montag mit 3200 Bolívar je Dollar sogar höher als bisher auf dem Schwarzmarkt. Auch die offizielle Tauschrate Dicom wurde von der Zentralbank entsprechend angepasst.

          Noch vor Wochen hatte Maduro den Schwarzmarktkurs als „kriminell“ bezeichnet. Die Abwertung und die Hyperinflation von 1,7 Millionen Prozent liefern sich einen Wettlauf. Als die neue Währung im August eingeführt wurde, gab es einen Dollar noch für 60 Bolívar. Die Zentralbank stellt sich mit der Maxi-Abwertung auf eine zusätzliche Knappheit an Devisen aufgrund der amerikanischen Sanktionen ein.

          Doch die jetzige Liberalisierung „kommt zu spät“, meint der venezolanische Spitzenökonom Asdrúbal Oliveros, der über Twitter täglich fast 200.000 Venezolaner mit Analysen und Ratschlägen versorgt. Das hätte die Regierung mit den Liberalisierungsmaßnahmen im August einführen sollen, so Oliveros, als Maduro an der Währung fünf Nullen gestrichen und den Bolívar um 96 Prozent abgewertet hatte. Andere Analysten stimmen zu. Das Problem sei, dass es jetzt kaum noch ein Dollarangebot gebe.

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