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Vereinigte Staaten : Seniorenwohnheim im Laura-Ashley-Look

„Bloß keine Neonbeleuchtung” Bild: F.A.Z.-Rainer Wohlfahrt

Das Unternehmen Sunrise betreibt über 400 Seniorenwohnheime in den Vereinigten Staaten. Vor zwei Jahren wagten die Amerikaner den Sprung nach Deutschland. Jetzt planen sie hierzulande weitere Standorte.

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          Wenn man Paul Klaassen zuhört, könnte man auf die Idee kommen, er leite eine große Restaurant- oder Hotelkette. „Wir machen im Moment alle 11 Tage ein neues Haus auf, also mehr als 30 im Jahr. Aber wir wollen das Tempo erhöhen, auf 40 bis 50 neue Standorte. Ich denke, in zwei Jahren sollten wir so weit sein“, sagt er im Gepräch mit der F.A.Z.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Klaassen ist weder Gastronom noch Hotelier, sondern betreibt Seniorenwohnheime. Die von ihm gegründete und als Vorstandschef geführte Kette Sunrise Senior Living gehört zu den größten in Amerika. Das Unternehmen hat insgesamt 440 Standorte mit einer Kapazität für 52.000 Senioren. Sunrise ist auch an der Börse vertreten und hat dort eine Marktkapitalisierung von rund 2 Milliarden Dollar.

          „Bloß keine Neonbeleuchtung“

          Vor zwei Jahren wagte das Unternehmen den Sprung nach Deutschland – und eröffnet hier zügig immer neue Häuser. Doch im Gegensatz zu Amerika, wo die Sunrise-Domizile fast voll besetzt sind, tun sich die deutschen Heime bisher noch schwer, Bewohner zu finden.

          Kein Hotel, sondern Altersheim

          Auch wenn Sunrise längst eine große Kette geworden ist: Das Konzept ist es, gerade keinen Kettencharakter zu haben. Sunrise positioniert sich als Luxusanbieter und Gegenentwurf zu gewöhnlichen Pflegeheimen, die nach Meinung von Klaassen ungemütliche Massenbetriebe mit steriler Krankenhausatmosphäre sind. Das heißt für Sunrise zum einen eine aufwendige und freundliche Optik: Foyers wie in einem Hotel, Parkettböden, breite Treppen, große Zimmer und Kronleuchter – „bloß keine Neonbeleuchtung“, wie Klaassen sagt.

          Zum anderen wolle sich Sunrise mehr an den Wünschen und Bedürfnissen jedes einzelnen Heimbewohners ausrichten. Wenn also ein Bewohner zum Beispiel baden möchte und dazu einen Pfleger braucht, dann könne er das tun, wann immer er wolle. In vielen Pflegeheimen gebe es dagegen vorgegebene Badezeiten. Die Kundenorientierung und das Edel-Ambiente sind freilich nicht billig: Der durchschnittliche Tagessatz liegt bei rund 148 Dollar, das macht mehr als 4400 Dollar im Monat. In Deutschland kostet ein Platz mindestens 3000 Euro im Monat.

          Durchschnittliche Verweildauer liegt zwischen zwei und vier Jahren

          Wer kann sich das leisten? Wenn man Klaassen glaubt, ist ein Platz in seinen Heimen nicht nur etwas für Superreiche. „Wir sind für die oberen 60 Prozent der Senioren – gemessen am Vermögen – erschwinglich“, sagt er. Allerdings gibt er zu, dass die meisten Bewohner die Kosten nicht aus laufenden Einkünften decken können, sondern an ihr Erspartes oder an ihre Vermögenswerte heranmüssen. Die durchschnittliche Verweildauer in den Einrichtungen liege aber nur zwischen zwei und vier Jahren, „in der Regel die letzten zwei bis vier Jahre im Leben“. Die Senioren kommen meist in sehr hohem Alter in die Heime von Sunrise, das durchschnittliche Alter liegt in Amerika wie auch in Deutschland bei 80 Jahren.

          Der Sunrise-Chef weist außerdem darauf hin, dass viele der sonst notwendigen Lebenshaltungskosten von Essen bis zur Instandhaltung der Wohnung im Heim entfallen. Wenn man kontinuierlich Betreuung brauche, sei es in vielen Fällen für Senioren die teurere Alternative, in der eigenen Wohnung zu bleiben und ambulante Pflegedienste in Anspruch zu nehmen. Aber auch sehr vermögende Menschen entscheiden sich nach den Worten von Klaassen oft für einen Heimplatz, weil es ihnen zu Hause zu einsam wird und sie mehr Kontakt zu anderen Menschen haben wollen.

          Fünf Häuser in Deutschland

          Paul Klaassen, ein gebürtiger Holländer, hat Sunrise vor 25 Jahren zusammen mit seiner Frau Terry gegründet. Sein Vorbild war das Seniorenwohnheim, in dem seine Mutter in Holland gelebt hat – ebenfalls ein eher gehobenes Haus mit dem Anspruch, sich von der Atmosphäre eines Krankenhauses abzugrenzen. Sunrise ist in erste Linie auf sogenanntes betreutes Wohnen spezialisiert, zielt also auf Senioren ab, die nicht mehr alleine leben können oder wollen, aber auch nicht kontinuierlich medizinische Betreuung benötigen. Diese Häuser haben meistens auch Abteilungen für Demenzkranke. Daneben hat Sunrise in jüngster Zeit sein Angebot für Sterbebetreuung ausgebaut, im vergangenen Jahr kaufte das Unternehmen einen größeren amerikanischen Hospizdienstleister.

          Fast 80 Millionen Dollar Gewinn

          Sunrise hat im Jahr 2005 bei einem Umsatz von 1,8 Milliarden Dollar einen Nettogewinn von 79 Millionen Dollar ausgewiesen. Für 2006 hat das Unternehmen wegen einer noch nicht ausgestandenen Affäre um Unregelmäßigkeiten in der Bilanzierung bisher keine Geschäftsberichte vorgelegt. Analysten meinen, das eigentliche Geschäft von Sunrise sei davon unberührt, und auch die Aktie hat sich nach einem anfänglichen Kursrutsch wieder erholt. Nach vorläufigen Zahlen sind die Umsätze in den Heimen von Sunrise 2006 zudem deutlich gestiegen.

          In Deutschland hat Sunrise im Moment fünf Häuser, im laufenden Jahr ist die Eröffnung von vier weiteren Standorten geplant. Grundsätzlich wählt das Unternehmen nur zentrale Lagen für seine Immobilien. Klaassen gibt zu, dass die Auslastung in den deutschen Häusern im Moment erst bei durchschnittlich 30 bis 35 Prozent liegt, während es in Amerika mehr als 90 Prozent sind. Er stellt dies aber als normale Anlaufschwierigkeiten dar: „Wir brauchen in jedem Land erst einmal zwei bis drei Jahre, um uns zu etablieren.“

          50 Standorte in Deutschland

          Das sei auch in den anderen Auslandsmärkten Kanada und Großbritannien so gewesen. Gerüchte, wonach Sunrise hierzulande Zahlungsschwierigkeiten hat, weist Klaassen zurück. Vielmehr wolle das Unternehmen weiter expandieren und jedes Jahr vier bis fünf neue Heime eröffnen. Sein längerfristiges Ziel ist es, 40 bis 50 Standorte in Deutschland zu haben. Daneben denkt Sunrise auch an den Markteintritt in anderen Ländern wie Spanien oder Japan.

          Auch auf dem Heimatmarkt sieht Klaassen noch große Expansionschancen: „Ich kann mir leicht vorstellen, 1000 Standorte zu haben“. Expandieren will er vor allem mit eigenen neuen Häusern und weniger mit Akquisitionen. „Dazu gibt es nicht genug gute Wohnheimbetreiber, die unseren Vorstellungen entsprechen.“

          In Deutschland wird das Angebot der amerikanischen Kette Sunrise noch skeptisch beäugt. „Die noblen Häuser, im Laura-Ashley-Stil ausgestattet, wirken eben sehr angelsächsisch“, sagt Carsten Brinkmann, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Terranus, Köln. Auch das hohe Tempo, mit dem Sunrise Haus um Haus eröffnet, sorgt in der Branche für Aufsehen, zumal an gehobenen Seniorenwohnheimen kein Mangel herrscht. Ein Pflegeheim im klassischen Sinn ist Sunrise nicht. Eher eine Residenz oder ein Stift wie Collegium Augustinum oder Rosenhof, allerdings mit anderer Ausrichtung. Doch unter dem Etikett „Pflege“ werden häufig die unterschiedlichsten Angebote zusammengefasst. „Der Markt ist schwer abzugrenzen“, räumt Christian Cohrs, Autor der jüngsten HVB Equity Research-Studie zum Thema Pflegemarkt, ein. Die Wohlfahrtsverbände dominieren den Markt. Doch deren Kassen sind leer, so dass private Anbieter zukünftig eine größere Rolle spielen werden. Cohrs rechnet mit einem Konzentrationsprozess, da die zehn größten Betreiber bisher nur 30 Prozent des privaten Markts beherrschen. Zu den führenden Anbietern zählen Pro Seniore, Kursana, Curanum und die Marseille-Kliniken. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gibt es derzeit 676 000 Pflegeplätze. Jährlich kommen 20 000 Betten hinzu, wie Brinkmann sagt. Zunehmend rücken die Seniorenimmobilien ins Blickfeld der Investoren. (bir.)

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