https://www.faz.net/-gqe-9z1g8

Amerika in der Corona-Krise : So übel ist Trump nicht

Der amerikanische Präsident Donald Trump Bild: AP

Amerikas Medien sehen den Präsidenten in der Corona-Krise als Versager. Doch so einfach ist es nicht. Denn die wahre Bewährungsprobe kommt erst noch. Für Trump wie für Merkel.

          2 Min.

          Wer die Welt durch die Brille der „New York Times“ oder anderer amerikanischer Qualitätsmedien sieht, der bemerkt zwei exponierte Figuren im globalen Kampf gegen die Pandemie. Die eine, Donald Trump, gibt den Versager: dumm, ignorant und pompös. Die andere, Angela Merkel, ist die Erfolgreiche: klug, bescheiden und effizient. Die Zuschreibungen werden zu zweifelhaften Narrativen entwickelt. Merkels Besonnenheit wird zum Grund stilisiert, dass Deutschland so erfolgreich ist. Trumps Ignoranz dagegen hat in dieser Deutung dem Virus die Pforte geöffnet für sein tödliches Wirken. Die Welt der zugespitzten Darstellungen lässt wenig Raum für Nuancen und keinen Platz für einen der wichtigsten Einflussfaktoren auf Zeitläufte: das plumpe Glück.

          Niemand kann zum Ergebnis kommen, dass Trump sich als Krisenmanager bewährt. Doch die kritischen Medien übertreiben: Nein, Trump hat nicht die Masseninjektion von Chlorbleiche empfohlen. Er hat bescheuert dahergeredet über die durchaus faszinierende Wirkung von UV-Licht und Bleichmitteln auf die Viren im Freien. Trump wird auch seine Unterstützung für Chloroquin, ein altes Anti-Malaria-Mittel, als Therapie gegen die Krankheit als unverantwortlich angekreidet. Dabei gibt es Hinweise, dass das Mittel erfolgreich sein könnte, bei bekannten Nebenwirkungen. War es nicht einen Versuch wert im Kampf gegen eine tödliche Krankheit? Statt guter Gründe suggeriert die „New York Times“ private finanzielle Motive. Kein Zweifel: Alles Böse wird Trump zugetraut.

          Freisprechen kann man Trump nicht

          Den Beweis, dass Trump für Berliner Beamte vorgesehene Schutzmasken nach Amerika umdirigiert hat, ist die Berliner Stadtregierung schuldig geblieben. Hat Trump heimlich die deutsche Impfstoff-Firma Curevac übernehmen und deren Impfstoffe exklusiv für Amerika reservieren wollen? Die Firma dementiert. Das Pentagon hat übrigens einen großen Teil ihrer Forschung finanziert.

          Von schweren Verfehlungen freisprechen kann man Trump nicht. Er hat die Pandemie verharmlost und damit lebenswichtige Zeit vergeudet. Die Beschaffung medizinischer Güter hätte eine höhere Dringlichkeit bekommen, wenn er ihr mehr Nachdruck verliehen hätte. Den Mangel an Tests redet Trump bis heute klein. Er blieb aber nicht tatenlos. Amerika testet inzwischen mehr Leute als jedes andere Land. Die Zulassung von hoffnungsvollen Therapien hat sich dramatisch beschleunigt. Zum fairen Bild gehört auch, dass Trump früh die Einreise aus China und später aus Europa beschränkt hat, was das Virus gebremst haben dürfte. Von den kritischen Medien erntete er dafür Kritik – bis EU-Länder selbst dichtmachten.

          Die Bewährungsprobe kommt noch

          Steht Deutschland wirklich so viel besser da, weil Angela Merkel das Land so brillant durch die Krise führt, wie die amerikanische Presse suggeriert? Merkels Rhetorik ist angenehm unkriegerisch. Es spricht die nüchterne Politikerin, die mit dem Wissenschafts-Prozess vertraut ist. Sie weiß, wovon sie spricht, weil unter ihrer Führung die G-7-Länder nach der Ebola-Krise neue Pandemie-Konzepte erarbeiteten. Gemessen daran ist das deutsche Gesundheitswesen ziemlich unvorbereitet in die Krise gestolpert. Zahlreiche Ärzte, Schwestern und Altenpfleger erfüllten ihre Pflicht ohne Schutzkleidung. In manchem Seniorenheim herrschen schlimme Zustände.

          Deutschland ließ verblüffend lange Leute aus Ländern mit hohen Infektionsraten ungetestet einreisen. Es hatte Glück, dass sich zuerst überwiegend junge Leute infiziert hatten, bei denen das Mortalitätsrisiko niedriger ist. Die Horrorbilder aus Italien hinterließen einen starken Eindruck und erleichterten der Politik das Verhängen von Ausgangsbeschränkungen. Italien hat Deutschland zwei Wochen für die Vorbereitung geschenkt, die das Land genutzt hat, Infizierte zu identifizieren. Die schnelle Verfügbarkeit von Labortests half. Merkel fand günstige Bedingungen vor.

          Die wahre Bewährungsprobe aber kommt erst noch: Wie öffnet man ein Land, wenn die Pandemie noch nicht besiegt ist? Dafür hat Merkel noch keinen überzeugenden Plan präsentiert, Trump schon gar nicht.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einst gesellschaftliches Bindeglied, jetzt bedrohte Art: die traditionelle Kneipe.

          Kneipensterben : Der gemeinsame Rausch ist effizient

          Auf ein Bier mit der Fußball-Truppe? Oder ein Glas Wein mit der besten Freundin? In Corona-Zeiten geht das gerade nicht. Doch die Kneipe ist ein Kulturgut und darf nicht aussterben. Das sagen sogar Volkswirte.

          Tourismus : Ischgl ohne Après-Ski

          Der Corona-Ausbruch hat dem Tiroler Skigebiet zugesetzt. Knapp ein Jahr danach keimt in der Region neue Hoffnung. Wie wird die Skisaison mit Hygienemaßnahmen aussehen?

          Sorgen bei Liverpool und Klopp : „Das hört sich nicht gut an“

          Im Hinspiel gab es ein 5:0, nun verliert Liverpool in der Champions League daheim gegen Bergamo. Der Grund für die ärgerliche Niederlage ist schnell ausgemacht. Nun droht Jürgen Klopp ein „Endspiel“ – ausgerechnet in Dortmund.

          Der Brexit und die Fischerei : Heringe und Makrelen spalten Europa

          Fischer in der Europäischen Union bangen um ihre Existenz. Tausende Jobs stehen auf dem Spiel. Für Europa geht es aber noch um viel mehr. Wie geht es weiter nach dem Brexit?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.