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US-Börsenaufsicht : Ein leerer Stuhl am Kopfende des Tisches

  • Aktualisiert am

Auf die amerikanische Börsenaufsicht SEC wartet eine Menge Arbeit. Doch das Budget ist knapp, ebenso wie das Personal und der Chefsessel ist leer.

          Bei der Securities and Exchange Commission (SEC) herrscht Chaos. Die amerikanische Börsenaufsicht hat in diesem Monat zwei Spitzenvertreter verloren. Chairman Harvey Pitt und Chefbuchprüfer Robert Herdman haben sich verabschiedet, nachdem herauskam, dass ihr Wunschkandidat für die neue Bilanzaufsicht, William Webster, im Bilanzausschuss eines Unternehmens war, dem Bilanzmanipulation vorgeworfen wird. Ausserdem nahm diese Woche auch noch der Personalchef der SEC, Mark Radke, seinen Hut.

          Die Aufsichtsbehörde hat alle Hände voll zu tun. Von Oktober 2001 bis September 2002 wurden 598 Verfahren eingeleitet, 19 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Und das bei einem voraussichtlich weiterhin knappen Budget. Von den für 2003 geforderten 776 Millionen Dollar hat Präsident George W. Bush bislang nur 568 Millionen Dollar bewilligt.

          Trotzdem findet er klare Worte, wenn es um unehrliche Manager geht. „Sie werden angeklagt und bestraft", betonte der Präsident noch am 30. Juli. Aber von wem? Die SEC ist praktisch führungslos. „Wir brauchen einen neuen Sheriff, der für Ruhe und Ordnung sorgt und das Vertrauen der Anleger wiederherstellt", fordert Joseph Zock, Präsident von Capital Management Associates.

          Bei einer Reihe von Unternehmen sind die Ermittlungen noch gar nicht abgeschlossen, darunter Enron, Tyco International und WorldCom. Am 6. November, einen Tag nach Pitts Rücktritt, berichtete die SEC, dass WorldCom die Einnahmen nicht um 3,9 Milliarden Dollar, sondern um 9 Milliarden Dollar künstlich aufgebläht habe.

          Goldman Sachs Group und J.P. Morgan Chae & Co. droht eine SEC-Klage wegen des Verdachts auf Wertpapierbetrug. Die Investmentbanken sollen Investoren, die ihnen weitere Aktienkäufe versprochen haben, mit heißen Aktien aus Neuemissionen versorgt haben. Im Januar war Credit Suisse First Boston in einem ähnlichen Fall zu einer Geldstrafe von 100 Millionen Dollar verurteilt worden.

          Pitts Nachfolge gestaltet sich schwieriger als erwartet. Am 14. November erklärte Michael Chertoff, stellvertretender Justizminister und Wunschkandidat von Präsident Bush, er wolle lieber im Justizministerium bleiben. Am 28. November war Pitt immer noch im Amt. Er ist erst der zweite SEC-Chairman, der seinen Posten unfreiwillig aufgibt. G. Bradford Cook nahm 1973 seinen Hut. Ihm waren Wirtschaftsflaute und vermeintliche Bilanzierungsschikanen bei Unternehmen zum Verhängnis geworden.

          Seit dem 3. Oktober bemüht sich SEC-Chefermittler Stephen Cutler um einen Vergleich mit einem Dutzend Wall-Street-Firmen, darunter Bear Stearns und Morgan Stanley. Ihnen wird die Veröffentlichung geschönter Aktienanalysen vorgeworfen. Allerdings lässt die Börsenaufsicht auf diesem Gebiet einem anderen Ermittler den Vorrang: Eliot Spitzer. Der Generalstaatsanwalt von New York einigte sich mit Merrill Lynch auf einen Vergleich über 100 Millionen Dollar, nachdem sich herausstellte, dass Merrill-Analysten Aktien im Interesse zukünftiger Investmentbanking-Mandate empfohlen hatten.

          Selbst wenn sich Cutler mit Spitzer und den Banken einigen sollte, heißt das noch nicht, dass auch der neue SEC-Chef den Vergleich akzeptiert. Kommissionsmitglied Harvey Goldschmid plädiert für neue Regeln zur Lösung von Interessenkonflikten. Von einer Regulierung über Verhandlungen, die auf einen Vergleich hinauslaufen, hat er abgeraten.

          Auf der To-do-Liste der Börsenaufsicht steht noch ein weiterer wichtiger Punkt: Das Personal muss aufgestockt werden, damit die unzähligen Fälle bearbeitet werden können. SEC-Direktor James McConnell spricht von mindestens einhundert zusätzlichen Kräften, um die Ermittlungen fortzusetzen und die Fluktuation aufzufangen. In der Privatwirtschaft winken besserbezahlte Jobs.

          In der Zwischenzeit müssen sich die SEC-Ermittler bei ihrer Jagd auf Bösewichte mit dem begnügen, was sie haben: Ein Budget, das ihrer Meinung nach nicht ausreicht, eine Bilanzaufsicht, die von Geburt an humpelt und ein leerer Stuhl am Kopfende des Tisches.

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