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Bilanzskandal Wirecard : Die zwei Wege ins Kanzleramt für Wirtschaftsvertreter

Merkels Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller sagte im Wirecard-Untersuchungsausschuss aus. Bild: dpa

Merkels Wirtschaftsberater sagt im Wirecard-Untersuchungsausschuss aus. Thema war der Besuch der Kanzlerin in China, ihr Eintreten für den mittlerweile insolventen Finanzdienstleister und die Wege der Lobbyisten ins Kanzleramt.

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          Welche Wege führen Unternehmensvertreter ins Zentrum der Macht? Die Antwort interessiert nicht nur Lobbyisten und Journalisten, sondern auch Abgeordnete des Bundestages, wie in der jüngsten Sitzung des Untersuchungsausschusses deutlich wurde. Zeuge war Lars-Hendrik Röller, seit zehn Jahren Wirtschaftsberater der Bundeskanzlerin. Er durfte erläutern, wieso seine Chefin dem Wunsch von Wirecard im September 2019 entsprochen hat, die Übernahme des Finanzdienstleisters Allscore bei ihrem Besuch in Peking anzusprechen – der sie über den früheren Kabinettskollegen Karl Theodor zu Guttenberg erreicht hatte. Der Berater, der mit seiner Firma Spitzberg Partners für Wirecard arbeitete, hatte die CDU-Politikerin kurz vor ihrem Abflug im Kanzleramt besucht.

          Manfred Schäfers
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Wie Röller in seinem Eingangsstatement erläuterte, werden Merkel am Tag vor einer solchen Reise ein oder zwei Mappen vorgelegt. „Das ist unser Angebot aus dem Bundeskanzleramt für die Gespräche.“ Dabei gebe es zwei grobe Prüfkriterien: Habe ein Unternehmen erstens ein konkretes Anliegen, und sei dieses zweitens im Interesse der Bundesregierung? Seit Jahren habe sich die Bundesregierung darum bemüht, den Zugang zum chinesischen Markt zu verbessern. „Wirecard war ein Dax-Unternehmen und passte hier hundertprozentig rein“, betonte der Abteilungsleiter.

          Eine Empfehlung, Wirecard in China anzusprechen, hätte es kaum gegeben, wenn es Warnungen gegeben hätte. Dass damals die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung eingeschaltet gewesen sei, habe man nicht gewusst. „Das war nicht gut.“ Auch dass Sanktionen wegen des Verstoßes gegen bestimmte Veröffentlichungspflichten geprüft worden seien, habe man nicht gewusst. Das Finanzministerium hielt es nicht für notwendig, das Kanzleramt darüber zu informieren, wie aus im Ausschuss zitierten Mails hervorgeht.

          Guttenberg warb für Leerverkaufsverbot

          Mit Blick auf Guttenbergs Auftauchen in Berlin meinte Röller sinngemäß, nicht der Absender einer Botschaft sei entscheidend, sondern das Anliegen. Es habe keine bösgläubige Haltung gegenüber Wirecard gegeben. Erste kritische Berichte gab es damals zwar schon, aber zugleich auch die Anzeige der Finanzaufsicht Bafin gegen die Autoren, das Leerverkaufsverbot für den Handel mit Wirecard-Aktien und ein Testat der Wirtschaftsprüfer. Heute sehe man die Sache natürlich anders, meinte Röller.

          Für ein solches Leerverkaufsverbot hatte übrigens Guttenberg in einem F.A.Z.-Gastbeitrag geworben – aus eigenem Antrieb, wie er vor Weihnachten im Untersuchungsausschuss betonte. Eine Mail der PR-Gesellschaft Edelman an den früheren Wirecard-Vorstand Markus Braun legt indessen etwas anderes nahe. Danach war der Artikel Teil einer konzertierten Aktion. Wirecard musste im Juni 2020 Insolvenz anmelden, nachdem eine Sonderprüfung keine Belege für einen angeblich auf Treuhandkonten liegenden Milliardenbetrag finden konnte. Braun sitzt in Untersuchungshaft, das ehemalige Vorstandsmitglied Jan Marsalek ist flüchtig. Ihnen werden gewerbsmäßiger Bandenbetrug vorgeworfen.

          Auf Nachfragen berichtete Röller noch, dass er einem chinesischen Unternehmen einen Kontakt zu Wirecard verschafft habe. Die Verbindung sei über seine Frau zustande gekommen. Ein kurzes Geplänkel mit dem SPD-Abgeordneten Jens Zimmermann folgte: „Was macht Ihre Frau beruflich?“ – „Meine Frau ist Hausfrau.“ – „Wie lernt man als Hausfrau ein solches Unternehmen kennen?“ – „Auch als Hausfrau hat man Bekanntenkreise.“ – „Hat Ihre Frau Kontakte zu Wirecard?“ – „ Nein.“ – „Auch keine finanzielle Leistungen?“ – „Ja.“ Zimmermanns süffisante Schlussfolgerung: Zwei Wege gebe es offenbar für Wirtschaftsvertreter ins Kanzleramt – über Guttenberg oder die Gattin Röller.

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