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Unternehmer im Krieg : Der Unerschütterliche

„Wir fliehen nicht, wir fahren an einen neuen Arbeitsplatz“, sagte Valerij Garmasch zu seinen Mitarbeitern, bevor sie in die Westukraine aufbrachen. Bild: privat

Valerij Garmasch betrieb vor dem Kriegsausbruch in der Ostukraine ein Webportal. Hier erzählt er, wie er seine Firma in den sicheren Westen des Landes brachte.

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          Wie der Krieg für mich begonnen hat? Am 23. Februar blieben wir noch lange wach. Erst um zwei oder drei Uhr nachts legte ich mich schlafen. Am frühen Morgen wurden wir von Explosionen geweckt. Wir hatten diesen ganzen Prozess ja erwartet, aber jetzt war es doch ein Schock. Besonders überraschend war für mich der russische Angriff auf Kiew. Schon in den ersten Tagen blieb dieser Angriff vor der Hauptstadt der Ukraine stecken. Anfang April sind die Truppen ganz von dort abgezogen. Was Russland da geplant hat, war eine Dummheit.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Ich bin 43 Jahre alt und in der Donbass-Region aufgewachsen. Nicht weit, etwa 60 Kilometer von unserer Stadt Slowjansk entfernt, waren 2014 mit russischer Hilfe die sogenannten „Volksrepubliken“ entstanden. Damals habe ich schon einiges erlebt. Unsere Stadt wurde für kurze Zeit erobert, dann hat die ukrainische Armee die Angreifer vertrieben. Ich fühle mich als Ukrainer, weil ich in der Ukraine lebe, auch wenn Russisch unsere Familiensprache war. Meine Eltern sind Ukrainer. Mein Großvater war Russe.

          Acht Jahre sind vergangen, und heute erlebt unser Land eine neue Situation. Jetzt wechseln viele Menschen in unserem Land die Sprache und gehen im Alltag zum Ukrainischen über, um ihre Einstellung als Bürger in der heutigen Lage deutlich zu machen. Und unser Nachbarland? Wir sagen jetzt nicht mehr „Russland“, wir nennen das Land „Rusnja“ (etwa „Russerei“, d. Red.). Oder wir sprechen von den Besatzern als „Raschisten“. In Russland war es ja Mode, sein Land im Anklang an die englische Bezeichnung (Russia) scherzhaft „Rascha“ zu nennen. Daraus haben wir jetzt den Begriff „Raschisten“ gemacht. Das klingt ein bisschen nach „Faschisten“.

          „Also, sagte ich, ihr müsst raus“

          Meine Frau Taisija und unsere zwei Kinder, zwölf und zehn Jahre alt, sind jetzt nach Italien geflohen. Als 2014 Russland die Krim wegnahm und der Krieg im Donbass begann, das ging ja damals so scheibchenweise, musste ich meine Frau lange überzeugen, dass die Lage noch gefährlich werden würde. Erst als uns eines Tages eine Salve aus einer Maschinenpistole vor unserem Wohnblock aufweckte, stimmte sie meiner Idee zu, und wir brachen auf in die Westukraine. Damals waren meine Firmen etwa 630.000 Dollar wert. Immerhin, nach kurzer Zeit stabilisierte sich die Lage in Slowjansk, wir kehrten zurück, und das Leben ging weiter.

          Valerij Garmash
          Valerij Garmash : Bild: privat

          In diesem Jahr dauerte die Überzeugungsarbeit nur fünf Minuten. Also, sagte ich, ihr müsst raus. Mit Tränen in den Augen sind sie aufgebrochen. Im Donbass-Krieg 2014 hatte ich immer gesagt: Sicherheit, die gibt es dort drüben, hinter dem nächsten Kontrollpunkt der ukrainischen Armee. Diesmal trifft der Krieg das ganze Land, und die Sicherheit beginnt erst hinter den Grenzpfählen, also im Ausland. In Norditalien hat meine Frau jetzt eine Wohnung gemietet. Wir wollten nicht, dass die Kinder in einem Flüchtlingsheim leben müssen. Sie gehen jetzt in eine italienische Schule.

          In Slowjansk, einer kleinen Großstadt, hatte ich im Wesentlichen einen Computerservice – den gibt es jetzt nicht mehr – und ein Internetportal für die Einwohner. Taisija ist unsere Finanzchefin. Jetzt sucht sie nach Projekten, nach Sponsoren für uns. Wir haben einen Zuschuss von Internews Ukraine für vier Monate. Davon können wir eine Weile weiterleben. Aber das ist alles nur eine Hilfe zum Überleben, das ist keine Stabilität. So hangelt man sich von Projekt zu Projekt.

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