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Unternehmensberatung : Berater in der Sinnkrise

  • -Aktualisiert am

Die Wirtschaftsprüfer übernehmen: Geschäftssitz von Pricewaterhouse Coopers in Frankfurt Bild: Eilmes, Wolfgang

Zwar ist es immer noch ein lukratives Geschäft, doch der Beratungsmarkt ist gesättigt und die Konkurrenz groß. Die heimlichen Marktführer sind längst die Wirtschaftsprüfer.

          Unternehmensberatern wird häufig ein Hang zur Oberflächlichkeit nachgesagt – eine Eigenschaft, die Angehörige dieser Berufsgruppe stets weit von sich weisen. Dieser Tage aber macht die Branche ihrem Ruf mal wieder alle Ehre. Nicht weniger als ein Dutzend Spezialgebiete listet der Partner einer namhaften Beratungsgesellschaft in seiner Grußbotschaft zum Jahreswechsel auf: Konjunktur, Arbeitsmarkt, Eurozone, Mindestlohn, die größten Unternehmensrisiken, die größten Sorgen der Entscheidungsträger, Amerika und China, Wachstum und Innovation, Technologie und Nachhaltigkeit, Strategie und Vertrieb, Beruf und Familie, Unternehmensgründungen – kein Thema bleibt ausgespart. Die „Megatrends 2014“ nicht zu vergessen. Da will jemand gehört werden, ganz gleich wozu.

          Das Buhlen um Aufmerksamkeit respektive um Aufträge – es ist symptomatisch für den Zustand der Branche. Zwar ist Unternehmensberatung weiterhin ein einträgliches Geschäft, 23 Milliarden Euro geben allein die Unternehmen in Deutschland im Jahr dafür aus. Doch die Zeiten hoher zweistelliger Wachstumsraten sind vorbei. Der Markt ist gesättigt und umkämpft. Immer lauter stellen Konzerne die Frage, welchen Nutzen die Beraterbrigaden, die da tagein, tagaus in ihren Besprechungsräumen über Excel-Charts brüten, tatsächlich stiften. Immer kürzer und überschaubarer werden die Projekte, die sie nach außen geben. Der gefragteste Unternehmensberater der Gegenwart ist einer, der keiner mehr ist: Edward Snowden, der Enthüller des Spähprogramms Prism, zuvor in den Diensten der Beratungsgesellschaft Booz Allen Hamilton.

          Roland Berger und die Probleme des Mittelfelds

          Vergleichsweise gut geht es noch den großen Namen der Branche, drei an der Zahl: McKinsey, The Boston Consulting Group und Bain. Sie können zum einen mit ihrem weltumspannenden Netzwerk punkten, zum anderen mit ihrem Insiderwissen. Kaum ein bedeutender Konzern, dessen Innenleben sie nicht schon einmal durchleuchtet haben. An diesem Erfahrungsschatz wollen andere Unternehmen teilhaben und zahlen dafür, wenn auch murrend, Tagessätze von mehreren tausend Euro.

          Wenig Grund zur Sorge haben auch die kleineren Beratungshäuser, die sich mit einem klar umrissenen Spezialgebiet einen Namen gemacht haben. Sie liefern den Unternehmen keine wolkigen Strategieversprechen, sondern praktische Hilfe im Tagesgeschäft, sei es der optimale Preis für ein neues Produkt oder die optimale Prozesskette für die Einkaufsabteilung. Ihre Honorare sind vergleichsweise niedrig, noch dazu bemessen sie sich oft nach dem erzielten Erfolg. Beides erleichtert die Akquise.

          Das Mittelfeld des Beratungsmarktes hat sich dagegen in eine Sinnkrise manövriert. Nirgendwo sonst zeigt sich das so deutlich wie am Beispiel Roland Berger, dem einzigen deutschen Beratungshaus von Weltrang, wie es sich gerne nennt, wenngleich der Weltrang mehr Wunschdenken als Wirklichkeit ist. Aus diesem Grund (und weil die Geschäfte mäßig laufen) verhandelten die Münchner im vergangenen Jahr gleich mit mehreren großen Wirtschaftsprüfern über einen Verkauf – vergebens. Mal wurde man sich beim Preis nicht einig, mal scheiterte die Sache an der Namensfrage. Nun wurschteln die Berger-Berater erst mal allein weiter, in günstigeren Büroräumen.

          Die Businessklasse bringt nichts mehr

          Verhandlungsbereiter war Booz & Company. Nachdem der Versuch gescheitert war, sich mit dem ähnlich aufgestellten Wettbewerber A.T. Kearney zu neuer Größe aufzuschwingen, schlüpft das Beratungsunternehmen unter das Dach von PWC. Lieber jetzt für eine ordentliche Summe verkaufen als in einigen Jahren für deutlich weniger, mögen sich die Partner gedacht haben. Eine weise Entscheidung. Die Preise für Beratungsgesellschaften werden kaum steigen, dazu ist das Angebot und der Handlungsdruck zu groß.

          Schon jetzt gerieren sich die Wirtschaftsprüfer als die heimlichen Marktführer im Beratungsmarkt. Mehr als 9 Milliarden Dollar Umsatz verbucht etwa PWC für seine Beratungssparte. McKinsey, der Klassenprimus in der Strategieberatung, kommt Schätzungen zufolge dagegen nur auf 7 Milliarden Dollar. Das Zauberwort der Wirtschaftsprüfer heißt „Operations“. Damit ist unter anderem die Pflege von IT- und Zahlungssystemen gemeint. Die Edelberater taten dies lange Zeit als Kleinkram ab, überließen das Feld bereitwillig anderen. Jetzt, da die Unternehmen ihre Beratungsbudgets zunehmend in solche Bereiche lenken, rächt sich diese Arroganz.

          Als kürzlich zwei Unternehmensberater zu später Stunde bei einem Glas Wein darüber sinnierten, wo man als Berater im Flugzeug zur strategischen Kontaktpflege am besten sitzt, ob vorne in der Business Class, wo die Vorstände Platz nehmen, oder hinten in der Economy, wo sich der Führungsnachwuchs die Knie einquetscht, da machte sich fast schon eine melancholische Stimmung breit. Business bringe, abgesehen vom Sitzkomfort, nichts mehr, so das Fazit. Die meisten Manager tauchten heute beim Anblick eines ihnen bekannten Beraters bis zur Landung hinter ihren Zeitungen ab.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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