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Zweiter Crash in fünf Monaten : Erst Indonesien, jetzt Äthiopien

Ermittler untersuchen im Oktober 2018 in Jakarta Wrackteile des ins Meer gestürzten Passagierflugzeugs Boeing 737 MAX 8 der Fluggesellschaft Lion Air. Bild: dpa

Die indonesische Lion Air verlor schon vergangenen Oktober eine Boeing 737 MAX 8. Dann stürzte am Sonntag eine Maschine des gleichen Typs über Äthiopien ab. Hängen die Fälle zusammen? Für Boeing wackeln die wichtigsten Kunden.

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          Bei einem Flugzeugabsturz in Äthiopien sind am Sonntag 157 Menschen ums Leben gekommen, darunter auch fünf Deutsche. Das Unglück ist auch deshalb so brisant, weil es der zweite Zwischenfall in nur fünf Monaten mit demselben Flugzeugtyp ist: der Boeing 737 MAX 8. Im Oktober 2018 verlor die private indonesische Fluggesellschaft PR Lion Mentari Airlines (Lion Air) schon eine dieser Maschinen, und das ebenfalls kurz nach dem Start. 189 Menschen kamen damals ums Leben. Schon früher hatte die Europäische Union Lion Air, wie auch andere indonesische Fluggesellschaften, aufgrund grundsätzlicher Sicherheitsbedenken über neun Jahre mit einem Bann belegt – der Heimatmarkt mit seinen 260 Millionen möglichen Kunden aber brummte.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Dann aber hielt sich Flug 610 am 29. Oktober 2018 nur 12 Minuten in der Luft. In dieser Zeit hatten die Piloten wohl immer wieder vergeblich versucht, die Nase der Maschine nach oben zu bringen. Noch haben die Behörden nicht ihren Schlussbericht über die Absturzursache vorgelegt. Festgestellt aber haben sie, dass der Sensor für das MCAS System am Vortag des Fluges ausgetauscht worden war – denn schon die Piloten der vier vorherigen Flügen mit der Maschine hatten Schwierigkeiten gemeldet.

          Das „Maneuvering Characteristics Augmentation System” war von Boeing entwickelt worden, um trotz größerer, treibstoffsparender Turbinen die Ausrichtung des Flugzeuges sicherzustellen. Sensoren ermitteln die Lage des Flugzeuges in der Luft und geben Signale, wenn der Abriss der Strömung droht. Dann wird die Nase der Maschine automatisch nach unten gedrückt. Bei seinen eigenen Untersuchungen kam der Hersteller Boeing zu dem Schluss, dass das computergesteuerte System immer wieder die Steuerung der Piloten außer Kraft setzte und übernahm. Deshalb hatte Boeing schon ein Bulletin herausgegeben, das Piloten Handlungsvorschläge bei falschen Sensorangaben liefert.

          Lion-Air-Gründer in Rage

          Die amerikanische Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) wies Fluggesellschaften an, die Anweisungen in ihre Handbücher zu übernehmen. Piloten aber kritisieren, sie seien nicht genügend über MCAS informiert worden. Amerikanische Gewerkschaften legten nach und betonten nach dem Absturz in Indonesien, das neue System sei nicht ausreichend in das Training der Piloten aufgenommen worden. Damit glitt Boeing mehr und mehr in die Defensive.

          Der Gründer-Milliardär von Lion Air, Rusdi Kirana, geriet über den tödlichen Absturz im Oktober so sehr in Wut, dass er Boeing mit sehr weitreichenden Konsequenzen drohte – dabei ist er deren wichtigster Kunde in Asien. Er drohte wenige Wochen später, seinen Riesenauftrag für die Amerikaner zu streichen. Seine Fluggesellschaft hat in den vergangenen Jahren Maschinen für mehr als 22 Milliarden Dollar bei Boeing in Auftrag gegeben. Nun aber wirft Kirana den Amerikanern vor, Lion Air zu verunglimpfen, um sich selbst rein zu waschen.

          Das verzeiht der 55-jährige seinem Lieferanten nicht: „Ich war in Schwierigkeiten, und sie haben sich entschieden, mich fallen zu lassen. Sie haben sich unethisch verhalten, sie haben in unserer Beziehung unmoralisch agiert, und deshalb trennen wir uns.“ Gleichzeitig ließ er Papiere zur Auflösung der Bestellungen vorbereiten. Denn zuvor hatten die Amerikaner die Befunde der Indonesier über die Absturzursache zwischen den Zeilen stark kritisiert. Unter anderem ging es dabei um die Schulung der Piloten – ein mit Blick auf MCAS augenscheinlich extrem wichtiges Thema.  

          Unterschiedliche Reaktionen

          Kein Wunder also, dass Lion Air, hinter deren Sicherheitskonzept immer wieder große Fragezeichen standen, am heutigen Montag entschied, alle „MAX 8“ am Boden zu halten. „Obwohl wir den Grund für den Absturz des Unglücks noch nicht kennen, müssen wir entscheiden, diese spezielle Flotte aus Sicherheitsgründen am Boden zu halten“, erklärte die Fluggesellschaft mit Blick auf das Unglück in Äthiopien. Allerdings blieb Lion Air auch wenig anderes übrig: Denn praktisch zeitgleich entschied die indonesische Luftaufsicht, alle 737 MAX 8 zunächst aus dem Verkehr zu ziehen: So soll „Zeit für Inspektionen“ gewonnen werden. In der größten Volkswirtschaft Südostasiens fliegen elf MAX 8, zehn davon bei Lion Air und eine bei der staatlichen Garuda.

          Insbesondere durch die Erfahrungen von Lion Air reagierten Asiens Fluggesellschaften sensibel, aber sehr unterschiedlich auf die äthiopische Katastrophe: China, das acht seiner Staatsbürger bei dem Absturz verlor, hält seine Flotte für wenigstens neun Stunden am Boden, während derer es sich mit der amerikanischen Flugsicherheitsbehörde und dem Hersteller Boeing beraten will. Indiens Fluglinien wie Jet Airways (fünf 737 MAX) oder Spice Jet (13) hingegen erklärten am Montag, ihre 737 MAX weiter nutzen zu wollen. Die meisten Maschinen von Jet stehen freilich sowieso am Boden, weil die Fluggesellschaft derzeit in tiefen finanziellen Schwierigkeiten steckt.

          Geplant haben freilich beide den massiven Ausbau ihrer Flotten: 2015 hat Jet 75 Maschinen vom Typ 737 bei Boeing bestellt, inzwischen sind die Bestellungen auf insgesamt 225 Maschinen angeschwollen. Im Januar 2017 hatte Spice 205 Boeing-Maschinen im Wert von umgerechnet 22 Milliarden Dollar bestellt. Auch Silk Air, das Tochterunternehmen von Singapore Airlines für den Regionalverkehr, sah am Montag keinen Anlass, seine sechs Boeing 737 MAX am Boden zu halten.

          Boeing erklärte, der Konzern habe weltweit rund 350 Maschinen vom Typ 737 MAX ausgeliefert. Mehr als 5000 Bestellungen werden derzeit abgearbeitet.

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