https://www.faz.net/-gqe-w000

Zwangsversteigerungen : Ein Haus im Schlussverkauf

Für 211.000 Euro war dieses Haus zu haben Bild: Franz Bischof

Jedes Jahr werden 60.000 Immobilien zwangsversteigert. Käufer können bis zu 30 Prozent sparen. Wer sich das Bieten ums Eigenheim aber hektisch und chaotisch vorstellt, der irrt. Dyrk Scherff war zu Besuch in einem Wiesbadener Auktionssaal.

          3 Min.

          Der Traum vom Eigenheim platzt in einem Hinterhaus des Amtsgerichts Wiesbaden. Im Raum E 36a steht ein umgebautes Mehrparteien-Wohnhaus aus der Jahrhundertwende zur Zwangsversteigerung an. Der Eigentümer - ein Architekt, der selbst in dem Haus wohnt - kam in finanzielle Bedrängnis, weil seine eigene Firma Insolvenz anmelden musste. Für die Schulden haftet er auch mit seinem Privatvermögen.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Solche Fälle gibt es immer öfter. Die Zahl der Zwangsversteigerungen von Privatimmobilien nimmt seit Jahren zu. In diesem Jahr könnten es 58 000 in ganz Deutschland werden (siehe Grafik). Vor allem Ostdeutschland ist betroffen, während die Zahlen in einigen westdeutschen Großstädten sinken.

          Von hitziger Atmosphäre ist nichts zu spüren

          Mit 290.000 Euro hat ein Sachverständiger des Wiesbadener Gerichts den Verkehrswert des Architekten-Hauses geschätzt, also den derzeitigen Wert. Doch die Bieter hoffen auf einen deutlich niedrigeren Kaufpreis. Bei Zwangsversteigerungen gelingt das häufig. Und dennoch ist von hitziger Versteigerungsatmosphäre in dem Gerichtssaal mit nüchtern weiß getünchtem Beton nichts zu spüren. Das Flair von Sotheby's scheint hier weit weg zu sein. Der Raum ist halb leer, nur elf Leute sind da. Drei davon sind Mitarbeiter des Gerichts, dabei ist auch eine Vertreterin der Gläubigerbank und der Zwangsverwalter. Ihnen sitzen gerade einmal sechs leger gekleidete Interessenten mittleren Alters gegenüber.

          „Das ist eine normale Zahl für eine durchschnittliche Immobilie“, berichtet Renate Stach, die Leiterin der Versteigerung. Und nicht jeder will mitbieten. „Ich bin hier, um hineinzuschnuppern, um dann vielleicht später mal bei einem anderen Haus zuzuschlagen“, sagt ein junger Mann, der sich in die erste Reihe gesetzt hat.

          Erst mal wird taktiert

          Nachdem Renate Stach die eingetragenen Forderungen im Grundbuch vorgelesen hat, beginnt die Auktion, die nach dem Gesetz mindestens 30 Minuten dauern muss. Und so wird erst mal taktiert. Denn es gewinnt nicht der, der am Anfang das höchste Gebot nennt, sondern das Ende zählt. So herrscht die ersten zehn Minuten Stille im Saal. Das einzige Geräusch kommt vom Umblättern der Zeitung, die ein Interessent ausgepackt hat. Er liest erst mal.

          Dann steht Michael Mosch auf, geht zu Auktionsleiterin Stach, weist sich aus und hinterlegt einen Verrechnungsscheck über 29.000 Euro - die geforderte Sicherheit. Der Immobilienverwalter bietet 150.000 Euro und damit etwas mehr als 50 Prozent des Verkehrswertes. Weniger wäre auch sinnlos, denn darunter darf Stach per Gesetz keinen Zuschlag erteilen.

          Abgeklärt, nicht nervös

          Nach weiteren zehn Minuten Stille tritt ein zweiter Bieter auf den Plan: Günther Nass, professioneller Immobilienhändler. Sein Gebot: 160.000 Euro. Es sind nur noch fünf Minuten bis zum Ende der Versteigerung, sie gewinnt an Dynamik. Ein weiterer Herr weist sich als neuer Bieter aus, nennt 175.000 Euro - sein einziges Gebot. Nass und Mosch duellieren sich hingegen weiter, die Gebote kommen jetzt im Minutentakt, beide sind abgeklärt, nicht nervös. Nur selten hebt einer die Hand, es wird stattdessen einfach nur gesprochen.

          „Noch eine Minute, geht noch jemand höher?“, fragt Stach nach Gebot sieben. 200.000 Euro hat Mosch gerade genannt. Nass erhöht auf 205.000. Jetzt ist die Schwelle von 70 Prozent des Verkehrswertes überschritten, die Gläubigerbank kann nun keinen Einspruch mehr gegen einen Zuschlag an einen der Bieter einlegen, sie muss das Ergebnis akzeptieren.

          Einen Hammer gibt es nicht

          Die Preise werden jetzt in Tausenderschritten erhöht, 32 Minuten Auktion sind gerade vorbei. Das letzte Gebot, das 13., steht bei 211.000 Euro. Es kam von Michael Mosch. Nass schüttelt den Kopf. Er gibt auf. Sein Konkurrent erhält den Zuschlag. „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten“, sagt Renate Stach - aber kein Hammer fällt. Den gibt es hier nicht. Der Preis liegt 80.000 Euro unter dem Verkehrswert.

          „Ich hatte das Gefühl, Herr Mosch wollte das Haus unbedingt haben. Da macht es keinen Sinn, ewig mitzubieten“, gesteht Nass nach dem Ende. „Das würde zu teuer, denn ich weiß von Leuten, die das Haus kennen, dass noch erheblicher Sanierungsbedarf besteht.“ Auch für Mosch war nicht mehr viel Luft nach oben: „Tausend Euro hin oder her sind egal, aber über 220.000 Euro wäre ich wahrscheinlich nicht gegangen. Am Anfang biete ich nie viel, weil ich wissen will, wie die anderen agieren, wie die Dynamik ist.“

          Die anderen Gläubiger gehen leer aus

          Auf den Versteigerungserlös muss Mosch jetzt Grunderwerbsteuer zahlen, eine Gebühr von 800 Euro ans Gericht und Zinsen von vier Prozent, bis er den Kaufpreis begleicht. In acht Wochen muss das erledigt sein. Maklercourtage und Notarkosten fallen nicht an. Das macht die Auktion billiger als den klassichen Hauskauf.

          Die Kosten der Auktion und die noch fehlende Grundsteuer - zusammen rund 8000 Euro - werden vom Versteigerungspreis abgezogen. Den Rest bekommt die Bank, der Kredit ist damit aber noch nicht zurückgezahlt. Die anderen Gläubiger gehen daher leer aus: das Finanzamt, die Landesbausparkasse und die beiden Töchter des bisherigen Eigentümers, die auf ihren Unterhalt pochen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Unsere Autorin: Anna-Lena Ripperger

          F.A.Z.-Newsletter : Neue Chance für „Exit-Laschet“

          Kann Armin Laschet im Fernduell mit Söder punkten? Oder werden die Schulöffnungen in NRW für ihn zum Bumerang? Mit wem Joe Biden das Weiße Haus erobern möchte und was sonst wichtig wird – der Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.