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Zwangsarbeit : Die Schuld von Robert Bosch

Scheinwerfer-Montage in der Stuttgarter Bosch-Fabrik im Jahr 1940 Bild: akg-images

Der fürsorgliche Bosch-Konzern hat seine Zwangsarbeiter nicht besser behandelt als andere. Das beweist eine neue Untersuchung zur Unternehmensgeschichte.

          2 Min.

          Diese von zwei unabhängigen Historikern glänzend recherchierte Geschichte des Unternehmens Robert Bosch GmbH hat auf über 500 Seiten viele Kapitel: über einen Zünder, der eine kleine schwäbische Firma weltberühmt macht. Den Wiederaufbau nach dem Krieg. Den Wandel zu einem Stiftungsunternehmen. Und natürlich die faszinierende Persönlichkeit des Gründers selbst, der 1942 starb.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Die Sprengkraft dieses Buchs entfaltet sich aus anderem: „Außerhalb der Bosch-Gemeinschaft: Die Zwangsarbeiter“, heißt das Kapitel. Dort steht der Satz, dass „bei der Bosch-Gruppe während des gesamten Krieges mindestens 20.000 Zwangsarbeiter eingesetzt waren“.

          Das ist eine hohe Zahl. Als Autor Bähr, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Frankfurt, das Ergebnis der dreijährigen Forschungarbeit in den Bosch-Archiven vorstellte, sagte er, die Zahl sei deutlich höher als bisher vermutet. 1940 bestand die Belegschaft des Unternehmens zu einem Drittel aus Zwangsarbeitern, deren Behandlung auch im schwäbischen Vorzeigeunternehmen zeigte, „wie sehr das Zwangsarbeiterregime von der nationalsozialistischen Rassenideologie geprägt war“: Zwangsarbeiter aus dem Westen wie französische Kriegsgefangene verdienten ungleich mehr als Zwangsarbeiter etwa aus Polen, sie hatten mehr Bewegungsfreiheit, bessere Verpflegung, bessere Unterkünfte. Die Unternehmen hätten sich dieses menschenverachtende System nicht ausgedacht, schreiben die Autoren, es sei von den Nazibehörden verordnet gewesen. Doch „während es im Umgang mit ,Westarbeitern‘ Standards gab, an die man sich gebunden fühlte, ging man gegen ,Ostarbeiter‘ auch dann vor, wenn es durchaus möglich gewesen wäre, anders zu handeln“. Offenbar habe es seitens der für den „Ausländereinsatz“ zuständigen Bosch-Manager „keine Hemmungen“ gegeben, Zwangsarbeiter aus dem Osten zu „denunzieren“.

          Sozialer Anspruch galt nicht für Zwangsarbeiter

          Der Bosch-Konzern wollte diese schonungslose Aufarbeitung der eigenen Geschichte, er hat sie bei den Historikern Bähr und Erker (LMU München) selbst in Auftrag gegeben. „Differenziert und realistisch“, nannte Bosch-Aufsichtsratschef Franz Fehrenbach das Buch bei der Vorstellung – eine Wende in der Unternehmenspolitik. Denn auch das steht in der Biographie: „Bosch leistete bis zum Jahr 2000 keine Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter. Das Unternehmen stritt jede Mitverantwortung ab und stellte sich auf den Standpunkt, die Zwangsarbeit im Dritten Reich wäre hoheitlich angeordnet gewesen und könne deshalb keine privatrechtlichen Ansprüche begründen.“ Als in den beiden Jahren zum Ende des Millenniums in Deutschland und Amerika eine Diskussion über die Schuld der Wirtschaft während der Nazizeit aufkam, habe Bosch-Patriarch und Industrielegende Hans L. Merkle bei den Verhandlungen über Entschädigungszahlungen im Kanzleramt die Formel vorgeschlagen, „in der Beschäftigung von Zwangsarbeitern keine moralische Schuld, wenn auch eine materielle Verpflichtung der deutschen Wirtschaft“ zu sehen.

          Johannes Bähr / Paul Erker: Bosch - Geschichte eines Weltunternehmens, C.H.Beck, 39,90 Euro

          Robert Bosch und sein engster Mitarbeiter Hans Walz hatten dem Antisemitismus stets ablehnend gegenübergestanden, in vielen Fällen leisteten sie verfolgten Juden Hilfe. Bosch habe gezeigt, was ein Unternehmer während der Nazizeit erreichen konnte, wenn er nur wollte, findet Historiker Bähr. Andererseits machen die Autoren keinen Hehl daraus, dass das Unternehmen von den Rüstungsaufträgen stark profitiert habe. Vor allem aber arbeiten sie in ihrem Werk heraus, dass es den Zwangsarbeitern bei Bosch und vielen Tochterfirmen der Gruppe offenbar genauso schlecht wie in anderen Industriebetrieben gegangen sei: Eine „familiär“ geprägte Firmenkultur war wohl nicht automatisch humaner als eine Aktiengesellschaft wie etwa AEG, so wie oft behauptet. Gründer Robert Bosch hatte einst den Achtstundentag in seinen Fabriken eingeführt, überdurchschnittliche Löhne gezahlt und war deshalb oft als „der rote Fabrikant“ beschrieben worden. „Der soziale Anspruch, der zu den besonderen Merkmalen der ,Boschgemeinschaft‘ gehörte, galt für die ausländischen Zwangsarbeiter nicht“, schreiben die Historiker.

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