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Zusammenbruch von Lehman Brothers : Grabesstimmung im Finanzdistrikt

  • -Aktualisiert am

Merrill-Lynch-Chef John Thain wurde Opfer der Finanz-Paparazzi Bild: AP

Da half auch kein Krisengipfel mehr: Die Rettungspläne, die ein Abspalten der Immobilensparte der Lehman Brothers vorsahen, konnten nicht realisiert werden. Als dann auch noch die amerikanische Regierung hart blieb, zog sich Barclays zurück - der Zusammenbruch der Investmentbank war besiegelt.

          Für Uneingeweihte sah die Szene aus wie die Beerdigung einer wichtigen Person. Schwarze Limousinen mit Chauffeuren drängelten sich vor dem Eingang des festungsähnlichen Gebäudes im Finanzdistrikt von Manhattan. Andere Karossen fuhren gleich in die Garage an der Ecke von William Street und Maiden Lane, damit die Männer im Fonds nicht erkannt wurden.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Am nicht weit entfernten Broadway fuhren rote Doppeldecker-Busse Touristen durch das südliche Manhattan, die einen Blick auf die Baustelle des World Trade Center werfen wollten. In den Straßenschluchten war es so ruhig wie an jedem gewöhnlichen Wochenende. Nur die Limousinen vor den wuchtigen Steinmauern der New Yorker Zentralbank Federal Reserve, die üblichen Transportmittel für Manager an der Wall Street, waren ein Indiz für das Drama, das die Finanzbranche in ihren Grundfesten erschütterte.

          Zunächst sah es so aus, als gäbe es Käufer für Lehman Brothers

          Beerdigt wurde an diesem Wochenende allerdings kein Mensch, beerdigt wurde die Investmentbank Lehman Brothers. Die Crème de la Crème der Wall Street war zu einem Krisengipfel in der Fed erschienen, um über eine Rettung des angeschlagenen Traditionsinstitutes und die Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte zu verhandeln.

          Finanz-Paparazzi schossen ein Foto von Merrill-Lynch-Chef John Thain, wie er in der Garage der Fed in seinen Cadillac stieg. Auch der Chef der Citigroup, Vikram Pandit, war zu erkennen, wie er mit offenem Kragen zur New Yorker Fed chauffiert wurde. Lange sah es so aus, als ob sich ein Käufer für Lehman finden und eine Liquidierung des Traditionshauses vermeiden lassen würde. Die drittgrößte britische Bank Barclays wurde als möglicher Käufer gehandelt. Auch die Bank of America, das zweitgrößte amerikanische Kreditinstitut, galt als interessiert.

          Lehman Brothers wollte notleidende Immobiliensparte abspalten

          Am Sonntag überschlugen sich dann die Nachrichten, die aus der Fed sickerten. Erst schockte die Meldung, dass Barclays die Verhandlungen abgebrochen hatte. Dann meldete das „Wall Street Journal“, dass die Bank of America nicht Lehman, sondern den ebenfalls angeschlagenen Konkurrenten Merrill Lynch für 50 Milliarden Dollar übernimmt. Damit war das Schicksal von Lehman besiegelt: Fast genau sieben Jahre nach der Zerstörung des World Trade Center sorgte die hausgemachte Kreditkrise für eine Erschütterung der Finanzbranche, wie sie selbst die Terrorangriffe nicht bewirkt hatten.

          Noch am Mittwoch bestand die Hoffnung, dass Lehman sich noch einmal selbst aus dem Sumpf der faulen Hypothekenkredite befreien könnte. Das Institut, das nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aus dem Finanzdistrikt in die Nähe des Times Square umgesiedelt war, hatte zwar einen Rekordverlust von fast 4 Milliarden Dollar bekanntgegeben. Parallel hatte Lehman aber Maßnahmen angekündigt, um nötig gewordenes Eigenkapital aufzunehmen und das Risikoprofil des Hauses deutlich zu senken. Die Sparte mit den notleidenden Immobilienanlagen sollte abgespalten werden.

          Paulson und Bernanke drängten Lehman, sich zum Verkauf zu stellen

          An Mittwoch schwankte der Aktienkurs von Lehman noch stark, während die Börsianer das Schicksal des Instituts erörterten. In den letzten beiden Handelstagen der Woche war ihr Votum dann eindeutig. Der Aktienkurs brach drastisch ein. „Jetzt ist es zu spät“, sagte ein Mitarbeiter von Lehman mit resigniertem Tonfall. Der amerikanische Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke, die eine Abwärtsspirale an den Finanzmärkten stoppen wollten, drängten Lehman, sich zum Verkauf zu stellen.

          Am Wochenende wurden unter Leitung von Paulson und dem New Yorker Fed-Chef Timothy Geithner mehrere Möglichenkeiten durchgespielt. Ein Szenario sah vor, dass entweder Barclays oder die Bank of America die wertvollen Vermögenswerte von Lehman wie das Investmentbanking oder das Aktiengeschäft übernehmen würden.

          Amerikanische Regierung blieb diesmal hart

          Gleichzeitig sollte das notleidende Immobilienkreditgeschäft in eine sogenannte „Bad Bank“, eine „schlechte Bank“, ausgelagert werden. Aber es fanden sich nicht genügend Banken, die diese Bank finanzieren wollten. Und niemand von den Konkurrenten hatte Interesse daran, Barclays oder der Bank of America günstig das Tafelsilber von Lehman zu überlassen - und selbst angesichts der angespannten Lage hohe Risiken zu tragen.

          Die Hoffnung ruhte schließlich auf der Regierung, die schon bei dem Beinahe-Kollaps von Bear Stearns den Notverkauf an die Großbank J.P. Morgan Chase mit einem Milliardenkredit ermöglicht hatte. Aber Paulson und Geithner blieben diesmal hart. Nach der Verstaatlichung der großen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sollten die Akteure an den Finanzmärkten nicht die Überzeugung gewinnen, dass die Regierung immer für geschäftliche Fehlentscheidungen geradesteht. Ohne Regierungshilfe wollten aber weder Barclays noch die Bank of America Lehman übernehmen.

          Als die Nachricht vom Rückzug der Bank Barclays am Sonntag über die Nachrichtenticker lief, hieß es an der Wall Street „Alle Mann an Deck“. Börsianer fürchteten massive Schockwellen an den Märkten, einer sprach gar von einem „Blutbad“. In den Bankentürmen von Manhattan versuchten hektische Händler währenddessen, die Positionen ihrer Unternehmen bei Geschäften mit Lehman zu bewerten. Am Sonntag um sieben Uhr abends stieg dann Henry Paulson in einen Wagen und verließ die Fed mit blinkenden blauen und roten Lichtern. Es war die passende Notfallbeleuchtung.

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