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Zukauf von Amazon-Rivalen : Wal-Mart wagt größte Übernahme seiner Geschichte

Großes Paket im indischen Online-Handel: Für Flipkart zahlt Wal-Mart viel. Bild: KAINAZ AMARIA/The New York Times

Vor elf Jahren gründeten zwei Inder die Internetbuchhandlung Flipkart. Für diesen Online-Handel zahlt Wal-Mart jetzt Milliarden – und kommt damit Amazon zuvor.

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          Wal-Mart hat den größten Zukauf in seiner Geschichte vereinbart: Der amerikanische Handelsgigant will 16 Milliarden Dollar für einen 77-Prozent-Anteil an Flipkart zahlen, den größten Online-Händler in Indien. Damit wird Indien nun zu einem weiteren Schauplatz im Wettbewerb zwischen Wal-Mart und Amazon. Der amerikanische Online-Händler hat das Land zu einem seiner wichtigsten Wachstumsgebiete erklärt und will hier fünf Milliarden Dollar investieren, er ist heute die Nummer zwei hinter Flipkart.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Er hat sich auch selbst um Flipkart bemüht, aber die Inder entschieden sich für Wal-Mart, unter anderem weil sie fürchteten, ein Zusammenschluss mit Amazon würde auf große kartellrechtliche Hürden stoßen. Die jetzt vereinbarte Transaktion bewertet das größte indische Start-up-Unternehmen mit rund 21 Milliarden Dollar. Noch vor einem Jahr war es nur 10,2 Milliarden Dollar wert. Wal-Mart bekommt durch die Übernahme nicht nur Zugang zu einem der größten Einzelhandelsmärkte weltweit, sondern auch zu einem der am schnellsten wachsenden. Zu Flipkart zählen auch die Modehäuser Myntra und Jabong sowie die App für mobiles Zahlen PhonePe. Allein im vergangenen Jahr hat sich der Umsatz von Flipkart um 50 Prozent auf 4,6 Milliarden Dollar erhöht.

          Flipkart wurde 2007 von Binny und Sachin Bansal gegründet, zwei früheren Mitarbeitern von Amazon in Indien, die nicht miteinander verwandt sind. Die indische Regierung unter Ministerpräsident Narendra Modi steht vor einem Wahlmarathon, der seinen Höhepunkt in den Parlamentswahlen im nächsten Jahr finden wird. Deshalb muss Modi seinem Wahlvolk verkünden, dass der Einstieg der Amerikaner zum einen nicht bedeutet, dass die indischen „Mom-and-Pop-Shops“, die Tante-Emma-Läden, entmachtet werden.

          Einstieg durch die Hintertür

          Zum anderen muss er belegen, dass keine Gesetze gebrochen werden. Denn der Einstieg von Wal-Mart sieht nach einem Betreten Indiens durch die Hintertür aus: Bislang betreiben die Amerikaner nur 21 „Cash-and-Carry“- Märkte auf dem Subkontinent. Der Aufbau eigener Supermärkte wurde ihnen verwehrt. Möglicherweise brauchen sie die nun nicht mehr, da sie sich direkt dem Internetgeschäft zuwenden. Schon 2007 hatte der Handelskonzern ein Gemeinschaftsunternehmen mit Bharti Enterprises Ltd aufgesetzt, um Großhändler aufzubauen. Bharti aber kündigte die Partnerschaft sechs Jahre später.

          Aus unternehmerischer Sicht ist das Bekenntnis der Amerikaner zu Indien rundherum positiv: Denn bislang hatten die Gründer oft Schwierigkeiten, ihre Firmen zu verkaufen. Zu groß war die Scheu der Investoren, in Indiens Bürokratie- und Regelungsdschungel einzutreten. Flipkart-Gründer Sachin Bansal verkauft nun seine knapp sechs Prozent am Unternehmen und zieht sich zurück. Er wird damit einen Milliardenbetrag erzielen, auf den aber auch 20 Prozent Steuer fällig werden. Zwei andere erfahrene Flipkart-Manager bleiben: Binny Bansal hat die Zusage, weiter als Vorstandschef der Gruppe arbeiten zu können, Kalyan Krishnamurthy wird Flipkart selbst weiterhin führen.

          Die beiden Bansals hatten Flipkart 2007 als Internetbuchhandlung in Indiens Datenverarbeitungszentrum Bangalore in einer Zweizimmerwohnung eröffnet. Zwei Jahre später bekamen sie eine Million Dollar Startkapital von der Wagniskapitalgesellschaft Accel und verkauften 20.000 Bücher. 2013 folgte eine zweite Investitionsrunde über 360 Millionen Dollar, diesmal schon mit der Investmentbank Morgan Stanley.

          Wal-Mart will weiter gegenüber Amazon punkten

          Dann ging es Schlag auf Schlag: Die Internetseite verzeichnete mehr als eine Milliarde Klicks, Flipkart kaufte für 330 Millionen Dollar den Modehändler Myntra und bekam Exklusivverträge für Indien mit Motorola und Xiaomi. Allein Myntra soll von Wal Mart nun mit rund sechs Milliarden Dollar bewertet worden sein.

          Für Wal-Mart ist die Übernahme ein weiterer Versuch, im Online-Handel gegenüber Amazon Punkte zu machen. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren viel Geld in seine Internetaktivitäten investiert und einige kleinere Online-Händler wie Jet.com oder Bonobos zugekauft. Der Zukauf ist auch ein weiteres Signal, dass die Amerikaner ihre Prioritäten im Auslandsgeschäft hin zu aufstrebenden und wachstumsstarken Märkten verlagern wollen. Erst in der vergangenen Woche kündigten sie an, sich mehrheitlich von ihrem britischen Supermarktgeschäft zu trennen, offenbar soll auch das Engagement in Brasilien reduziert werden.

          Aus Deutschland haben sie sich schon 2006 zurückgezogen, hier waren sie 1997 mit dem Kauf der Warenhauskette Wertkauf eingestiegen. Wal-Mart spricht nach eigenen Angaben auch noch mit anderen potentiellen Investoren, die bei der Flipkart-Transaktion mitmachen und einen Teil des 77-Prozent-Pakets übernehmen könnten. Angeblich soll dazu die Alphabet-Holding um den Internetkonzern Google gehören. Wal-Mart will aber in jedem Fall eine „klare Mehrheit“ an Flipkart behalten.

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