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Zentrum des Aktienhandels : Die Börse heute

Zentrum des Aktienhandels: Der Sitz der New York Stock Exchange an der Wall Street in New York Bild: REUTERS

Früher war die Börse ein Treffpunkt von Kaufleuten, heute ist sie ein Rechenzentrum mit Hochleistungscomputern. Die Entfremdung vom Menschen macht Fusionen dennoch nicht einfacher.

          Im Rechenzentrum der Deutschen Börse im Industriegebiet in Frankfurt-Hausen sitzt kein Mensch. Lediglich graue, große Maschinen surren und blinken vor sich hin. Es handelt sich um Hochleistungsrechner, die im Bruchteil von Sekunden Wertpapieraufträge generieren. Sie haben sich hier versammelt, um chancengleich auf jede Zuckung von Aktienkursen und aktuelle Nachrichten reagieren zu können. Jeder Meter längere Kabelstrecke zum Zentralrechner der Deutschen Börse würde entscheidende Nachteile bedeuten. 570 Mikrosekunden brauchen die schnellsten Aufträge von der Absendung bis zur Bestätigung, dass der Handel auftragsgemäß stattgefunden hat. Der Durchschnitt liegt bei zwei Millisekunden.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Börsen sind heutzutage hochprofitable Technologiekonzerne. Der entscheidende Vermögenswert ist ein Handelssystem, das schnellen und sicheren Handel ermöglicht. Funktioniert dies einmal, bedeutet jeder zusätzliche Euro an Handelsgebühr einen um nahezu einen Euro höheren Gewinn. Variable Kosten haben Börsen praktisch nicht. Aus dieser Logik heraus erklären sich Fusionen unter Börsen. Der Gewinn fällt nämlich noch viel höher aus, wenn zwei Börsen ihre bisherigen Handelssysteme zu nur noch einem verschmelzen. Ein großer Kostenteil fällt dann weg. Ob auf einem Handelssystem 100, 200 oder 500 Milliarden Euro im Monat umgesetzt werden, macht auf der Kostenseite kaum einen Unterschied. „Die Kostenreduzierung ist die notwendige Voraussetzung, um überhaupt zusammenzufinden“, sagte Duncan Niederauer, bisheriger Vorstandsvorsitzender der Nyse Euronext, bei der Vorstellung der Fusionspläne in dieser Woche. Niederauer soll auch nach der Fusion mit der Deutschen Börse das Unternehmen führen.

          Aus dieser Logik heraus müssten eigentlich alle Börsen längst miteinander fusioniert haben. Mit Rücksicht auf die Kartellbehörden reichten zwei oder drei Weltbörsen aus. Einige Marktbeobachter gehen von dieser Entwicklung aus. „Wir werden durch die Fusion ein sehr attraktiver Partner im Hinblick auf die Märkte in Asien, Südamerika und Osteuropa“, sagte Reto Francioni, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse, auf der transatlantischen Videopressekonferenz am Dienstag. Es deutet an, wohin die Reise langfristig gehen soll: in die Wachstumsmärkte der Börsenwelt, zu denen der Zugang sowohl den Deutschen wie den Amerikanern aus regulatorischer Sicht bislang verwehrt wird oder aber die Preise für die Wachstumsbörsen astronomische Höhen erreicht haben.

          Fern jedes Handelsplatzes: Die Konzernzentrale der Deutschen Börse im Gewerbegebiet Eschborn-Süd

          Ein Börsenstandort hat noch immer nationale Bedeutung

          Der rein betriebswirtschaftlichen Logik - ein Handelssystem für möglichst viele Börsen - folgen die Marktbetreiber jedoch nur zögerlich. Börsen sind anders als Schraubenhersteller oder Turnschuhproduzenten politische Unternehmen. „Die New York Stock Exchange ist ein nationales Symbol“, sagte der einflussreiche New Yorker Senator Charles Schumer und warnte vor einer Vereinnahmung der Wall Street durch die Deutschen. In Deutschland, wo es keinen dem amerikanischen vergleichbaren Börsenkult gibt, waren die Reaktionen verhaltener, aber auch hier wurde - wenn auch wesentlich weniger eindringlich als bei früheren Fusionsvorhaben der Börse - gewarnt, dass es einen Bedeutungsverlust für den Börsenstandort Deutschland zu verhindern gelte.

          Börsenplätze, das waren früher Orte, die für den Wohlstand einer Gesellschaft von zentraler Bedeutung waren. Hier wurden Wechselkurse festgelegt, Rohstoffe gehandelt und Unternehmenswerte taxiert. Bis zur Verbreitung von Telegrafen und Telefon war die physische Anwesenheit zwingend erforderlich. Wichtige Akteure des Wirtschaftslebens kamen daher an der Börse zusammen. Diese Funktion haben die Börsen längst verloren. Ein Börsenstandort, auch wenn es heute nur noch ein Rechenzentrum und Computerfachleute sind, gilt jedoch weiterhin als von nationaler Bedeutung.

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