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Zeitungskrise : In eigener Sache

Ihre Nachrichten bekommen sie zum Beispiel von den öffentlich-rechtlichen Sendern, die zunehmend von der Politik beherrscht werden, mit einer Art Steuer zwangsfinanziert. Dazu gesellen sich gemeinnützige Initiativen, wie sie sich in den Vereinigten Staaten und auch in Deutschland nach und nach gründen. Ihre Finanzierung hängt dann von Spenden ab oder von einzelnen Mäzenen, so wie Ebay-Gründer Pierre Omidyar gerade die investigative amerikanische Nachrichtenseite „The Intercept“ finanziert.

Wenn sich keine dauerhafte Finanzierung für berufliche Publizisten findet, entsteht der große Teil des Lesestoffs aber aus anderen Motiven. Journalisten werden eine Art Nebenerwerbslandwirt. Wissenschaftler, von den Universitäten bezahlt, unterhalten Blogs.

Und: Unternehmen schaffen ihren eigenen Lesestoff. In den vergangenen Jahren haben viele Firmen ihre Kundenmagazine entdeckt. Der jüngste Hype heißt „Content Marketing“: Unternehmen bauen eigene, redaktionsähnliche Einheiten auf und veröffentlichen eigene Artikel, um die Menschen auf ihre Marke aufmerksam zu machen. Coca-Cola hat schon ein ganzes Online-Magazin unter dem Namen „Journey“ im Internet. Die Themen drehen sich längst nicht nur um Cola. Die Autoren spüren dem Trend zum Marathonlauf nach, sie begleiten die Entwicklung der Elektroautos und erklären den Amerikanern sogar, wie das deutsche Ausbildungssystem gegen Jugendarbeitslosigkeit wirkt. Nur richtig kritisch wird kein Artikel. Vor einer solchen Welt haben wir, die Autoren dieses Artikels, Angst. Aber, wie gesagt: Wir sind befangen.

Eine positive Utopie

Nun die positive Utopie. Es wird doch noch gut: Eine neue Pressevielfalt entsteht. Einige wenige alte Verlagshäuser gehen als Sieger aus der Krise hervor. Medienforscher Hasebrink sagt, sie profitierten davon, dass die großen Marken der Presse ein großes Vertrauenskapital bei ihren Lesern angehäuft haben. Selbst wenn sich Jugendliche vor allem auf sozialen Netzwerken informierten, dann läsen sie dort vor allem die Artikel der bekannten Marken.

Zu den alten Verlagshäusern, die den Wandel geschafft haben, gesellen sich junge Verlage. Sie können entstehen, weil in der neuen Zeit die Verteilung von Informationspaketen ohne großen finanziellen Aufwand möglich wird: Es braucht keine Druckmaschinen, kein Papier und keine Verteilorganisation mehr, um das Produkt zu Kunden zu bringen.

Die neuen Zeitungen entstehen nicht auf der grünen Wiese, sondern eher in der Cloud. Sie werden von jungen, billigen Redaktionen gemacht. Die neuen Verleger haben die Vorstellung aufgegeben, dass das alte Anzeigengeschäft zurückkommt. Sie müssen ausschließlich vom Verkauf journalistischer Texte leben. Damit das funktioniert, verzichten die neuen Verlage weitgehend auf Printausgaben. Zeitungen zum Anfassen gibt es nur als Luxuspaket – so wie wir es jüngst in einem Trendhotel im österreichischen Bad Gastein erlebt haben, wo morgens um sieben Uhr wahlweise F.A.Z. oder „Süddeutsche Zeitung“ vor der Zimmertür lagen. Es gilt das Wort des Amazon-Gründers und neuen „Washington-Post“-Besitzers Jeff Bezos: Gedruckte Zeitungen sind wie Pferde, man nutzt sie nicht mehr zur Fortbewegung, hält sich aber trotzdem gerne ein paar, wenn man sich das leisten kann. Nach langer Zeit ist der Journalismus wieder direkt abhängig von seinen Lesern.

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