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Zeitungskrise : In eigener Sache

Der Psychologe Uwe Hasebrink am Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung sagt, dass Blogs von Fachleuten es den Lesern erleichterten, ihr „thematisches Interesse“ zu stillen: Die Leser wissen meistens vorher, worüber sie sich informieren wollen. Doch es gibt auch das alte „ungerichtete Informationsbedürfnis“ des Zeitungslesers, das Flanieren, die Freude an der Überraschung. Was passiert damit in der neuen Internetwelt? Könnte darin eine Chance für Chefredakteure und ihre Zeitungen liegen?

Der Umbruch des Internets ist nicht die einzige Zäsur unserer Gegenwart. Auch die gesamte berufliche und soziale Umwelt des Zeitungslesers hat sich verändert. Dass Ella, die Tochter des F.A.Z.-Journalisten, und viele andere Deutsche nur noch selten eine Zeitung lesen, ist eine Entwicklung, die nicht nur am Internet liegt. Es hängt auch damit zusammen, dass sich die Tagesabläufe der Menschen in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert haben. Das gemeinsame Frühstück in der Familie, zu dem die Zeitungslektüre gehört wie der heiß dampfende Kaffee, gibt es nur noch in traditionellen Milieus.

Die Zeitung als Lebensform - in der Kneipe ist das Lesen noch erlaubt.
Die Zeitung als Lebensform - in der Kneipe ist das Lesen noch erlaubt. : Bild: www.fotex.de

Die Arbeitszeiten innerhalb der sozialen Schichten haben sich vertauscht. Während Arbeiter und tarifliche Angestellte mit ihren Gewerkschaften die 35-Stunden-Woche erkämpft haben, gilt in internationalen Anwaltskanzleien oder bei Investmentbankern heute eine 80-Stunden-Woche als Regelfall. Von „Zeitnot“ und „Arbeitszeitverdichtung“ sprechen die Soziologen. Noch in den 1960er-Jahren kam der Fabrikdirektor zum Mittagessen nach Hause, vor dem Mittagsschlaf gönnte er sich einen Blick in die Zeitung. Und sein Prokurist las am Arbeitsplatz F.A.Z., „Handelsblatt“ oder „Börsen-Zeitung“, ohne sich gegen den Vorwurf wehren zu müssen, er habe wohl nichts zu tun.

Zeitungslektüre auf der Arbeit geht heute gar nicht, privat im Internet zu surfen ist kein Problem. In der Bürowelt von heute wechseln die Kollegen regelmäßig von der Excel-Tabelle zu Online-Nachrichten, zu Facebook oder Immoscout. Das wird toleriert, weil es in der Regel schnell geht und zudem von außen schwer zu erkennen ist, ob da einer Tabellen kalkuliert oder sich anderweitig im virtuellen Raum herumtreibt.

Wie geht es weiter? Zwei Szenarien

Wie also geht es weiter mit der Zeitung? Zwei Szenarien können wir uns ausmalen. Das erste trägt den Arbeitstitel: Es wird böse enden. Die Finanzierungsbasis der klassischen Zeitungen erodiert. Ein großes Zeitungssterben setzt ein. Einige Verlage retten sich, indem sie die alten Nebengeschäfte im Internet ausbauen, ihre Zeitungen aber aufgeben. In Gefahr geraten selbst die großen Namen.

Die Werbepreise bleiben unter Druck und sinken. Noch nicht mal die Websites, die heute profitabel scheinen, sind noch sicher. Mit den Redaktionen gehen die Nachrichtenagenturen unter, die heute ja ein paar rudimentäre Nachrichten bis auf die Websites der E-Mail-Dienstleister bringen. Noch sieben Jahre wird es die gedruckte Zeitung geben. Dann ist Schluss – so orakeln gestandene deutsche Verleger. Auch nach dem Untergang der Zeitung werden die Menschen nicht verdummen.

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