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Zeitungskrise : In eigener Sache

Die Zeitungen besannen sich auf ihre andere Einnahmequelle: die Leser

Facebook und andere jüngere Unternehmen haben immer wieder spannende Websites, ohne dafür viel menschliche Arbeit zu brauchen. Dort kombinieren Computer automatisch Nachrichten, die Mitglieder eingegeben haben – so, dass sie zu den individuellen Bedürfnissen der Leser passen. Auch bei Google bauen Computer Milliarden unterschiedlicher Seiten, je nachdem, was der Nutzer gerade sucht. Das Angebot an Werbeflächen vervielfachte sich, die Preise gerieten unter Druck.

Also besannen sich die Zeitungen auf ihre andere Einnahmequelle: die Leser. Die Zeitungen erhöhten die Preise. In den vergangenen 20 Jahren sind die Zeitungen für die Leser doppelt so teuer geworden, die Preise stiegen viel schneller als die der meisten anderen Produkte – während Umfänge und Qualität selten wuchsen, sondern eher schrumpften. Es ist deshalb ein kleines Wunder, dass die Zeitungen so viele Leser bei der Stange halten konnten. Ob die Strategie der Verlage auf Dauer aufgeht, Umfänge zu schrumpfen und Preise zu erhöhen, ist fraglich. Zeitungsforscher Stöber sagt: „Man kann auf Dauer nicht gleichzeitig Preise drastisch erhöhen und Leistungen kürzen, ohne dass dies folgenlos bleibt.“

Anders als in der Papierwelt verursachen in der elektronischen Welt zusätzliche Leser zwar fast keine zusätzlichen Kosten mehr, doch sie sind auch selten bereit, für die Informationen Geld zu bezahlen. Bevor die Zeitungen im Internet auch nur einen Leser verprellten, ließen sie die Zugänge zu ihren Websites lieber kostenlos – ein paar Cent an zusätzlichen Werbeeinnahmen brachte schließlich jeder. Das war einerseits rational gedacht, andererseits aber reichen die niedrigen Werbeeinnahmen im Internet bis heute nur für einen Teil der Redaktionen, um ihre Kosten zu decken. Geschäftlich ist der Online-Journalismus bis heute nicht erwachsen geworden.

Von den Lesern Geld zu verlangen wurde fast unmöglich. Das Veröffentlichen ist ja billig, der Wettbewerb ist schärfer geworden. Wochenmedien bauten fürs Internet zusätzliche, aktuelle Redaktionen auf. Die privaten, aber auch die mit Zwangsgebühren finanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender eröffneten große Gratis-Websites.

Journalisten verlieren das Monopol als Experten für Nachrichten - werden sie trotzdem noch gebraucht?

Doch nicht nur unter den Journalisten wuchs die Konkurrenz. Ministerien, Unternehmen, Forschungsinstitute – sie alle fingen an, ihre Sicht auf die Welt selbst im Internet zu veröffentlichen. Gerade die Informationsfans konnten sich den Bundeshaushalt direkt angucken, anstatt über ihn in einer Zeitung zu lesen. Dazu kamen neue Blogs von Fachleuten oder Autoren, die fundierte und lesenswerte Kommentare in die Welt brachten.

Das Internet vermiest den Zeitungen nicht nur das Anzeigengeschäft, es untergräbt auch ihre Autorität. Wir Journalisten haben das Monopol als Experten für Nachrichten und Kommentare ein für alle Mal verloren. Für die Leser ist die neue, vielfältige Welt großartig. Die Journalisten allerdings sind entmachtet. Ihre Hoffnung bleibt, dass sie doch noch gebraucht werden.

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