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Zeitarbeit in der Krise : Der Lackmustest für das Stellenwunder

Weiterbildung und Kurzarbeit: Adecco-Mitarbeiter Isa Karadeniz (vorne) wird im Butzweilerhof geschult Bild: Kai Nedden - F.A.Z.

In der Krise hat die Zeitarbeit 150.000 Arbeitsplätze verloren. Jetzt will eine Allianz aus Adecco, IG Metall und Arbeitsagentur 250 Stellen durch Kurzarbeit retten - Vorbild für die Branche oder Alibi-Veranstaltung?

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          Isa Karadeniz hat Glück im Unglück gehabt. Dass der 32 Jahre alte Zeitarbeiter heute nicht arbeitslos ist, sondern bis Ende April eine Schulung in Frästechnik durchlaufen kann, verdankt er einem im Eiltempo aus dem Boden gestampften Sonderprogramm, mit dem die Bundesregierung auch Leiharbeitern den Zugang zu Kurzarbeit und Qualifizierung ermöglicht. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) hofft angesichts der „Störung der Gesamtwirtschaft“, damit die schlimmsten Verwerfungen am Arbeitsmarkt verhindern zu können.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Denn die Schärfe und Härte der Rezession drohen, die Beschäftigungserfolge der vergangenen drei Jahre jäh zu zerstören. Und die Zeitarbeit, die zu Spitzenzeiten drei von vier neuen Arbeitsplätzen geschaffen hat, bekommt die Folgen besonders schnell zu spüren. Seit dem Höchststand im vergangenen Juli mit 800.000 sank die Zahl der Beschäftigten bis Dezember um 150.000. Und die Unternehmen rechnen für das erste Halbjahr 2009 mit einem weiteren Minus von 9 Prozent. Keine guten Aussichten für Zeitarbeiter wie Isa Karadeniz.

          Stille Hoffnung auf den „Klebeeffekt“

          Der gelernte Verfahrenstechniker wurde im vergangenen Herbst von Adecco, dem größten Anbieter der Welt, an die Kölner Ford-Werke ausgeliehen. Für den Produktionsstart hob man den betrieblich vereinbarten Zeitarbeiteranteil von 3 auf 7 Prozent an, angelernte Hilfskräfte verdienten nicht den Tariflohn von 7,38 Euro je Stunde, sondern bekamen wie die Stammbelegschaft mehr als 14 Euro.

          „Ich wusste immer, dass der Einsatz zum Jahresende ausläuft“, sagt Karadeniz zwar heute. Aber fast alle Zeitarbeiter hegen im Stillen die Hoffnung, dass der Auftraggeber ihnen irgendwann das Angebot für eine Übernahme macht. Die Wissenschaftler sprechen dann vom „Klebeeffekt“. Laut einer Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren jeder vierte Zeitarbeiter so den Sprung in den Arbeitsmarkt geschafft. Doch Karadeniz fehlte die Zeit, um klebenzubleiben.

          „Der Helfermarkt ist so gut wie tot“

          Ford signalisierte Adecco Mitte Oktober, dass man wegen des dramatischen Nachfrageeinbruchs auf dem Automobilmarkt schnell die Kosten senken müsse und deshalb den Einsatz für rund 400 Leiharbeiter vorzeitig beenden werde. Eigentlich kann die Zeitarbeit in einer solchen Situation ihre vermeintlichen Vorteile ausspielen. Bekommt ein Anbieter Mitarbeiter zurück, können diese im besten Fall nahtlos zum nächsten Einsatz vermittelt werden. Während des zurückliegenden Aufschwungs funktionierte dieses Prinzip relativ gut. Doch seit Herbst fallen auch die Alternativen in vielen anderen Branchen weg. „Der Helfermarkt ist so gut wie tot“, sagt Stefan Umari, der Kölner Niederlassungsleiter von Adecco, für Facharbeiter sehe es auch nicht viel besser aus.

          In solch einer Situation drohen dem Zeitarbeitsunternehmen hohe Kosten. Denn die Löhne und Gehälter müssen weitergezahlt werden, ohne dass die Mitarbeiter durch einen Kundeneinsatz Einnahmen erwirtschaften. Ist auf Dauer keine Besserung in Sicht, heißt die letzte betriebswirtschaftliche Konsequenz: Personalabbau. Da in der Zeitarbeit häufig mit befristeten Arbeitsverträgen gearbeitet wird und wegen der hohen Fluktuation viele Beschäftigte noch in der Probezeit sind, gehen solche Anpassungen oft zügig. Dazu beantragte Adecco für rund 30 Mitarbeiter bei der Arbeitsagentur ein beschleunigtes Kündigungsverfahren.

          Konjunkturpaket II sieht Entlastungen der Unternehmen vor

          An diesem Punkt kam die IG Metall ins Spiel. Sie machte die Geschichte unter der Überschrift „Kündigung vor Weihnachten“ in einigen Medien publik. Gleichzeitig wies man Adecco auf die damals noch in Umsetzung befindliche Option der Kurzarbeit hin. Das Zeitarbeitsunternehmen, plötzlich wieder mit dem alten Ausbeuter-Image konfrontiert, geriet unter Zugzwang. Adecco-Deutschland-Geschäftsführer Uwe Beyer selbst gab schließlich grünes Licht für das Projekt, auch wenn für ein halbes Jahr Kurzarbeit für 250 Mitarbeiter zunächst Kosten von rund einer Million Euro im Raum standen. Denn für den Lohnausfall kommt zwar die Arbeitslosenversicherung auf, die kompletten Sozialversicherungskosten für diese Form der Arbeitszeitreduzierung muss bislang jedoch der Arbeitgeber tragen.

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