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Zahnimplantate aus der Schweiz : Rettet die Beißerchen!

Gut geputzt? Wer Probleme mit den Zähnen hat, braucht schnell ein Implantat Bild: dpa

Zahnimplantate sind ein Milliardengeschäft geworden. Der Schweizer Hersteller Straumann macht vor, wie’s funktioniert und versucht gleich alle Preissegmente zu kontrollieren. Hat er damit Erfolg?

          Schweizer Uhren sind weithin geschätzt für ihre Zuverlässigkeit und Genauigkeit, eine Zierde am Handgelenk, teuer sind sie freilich auch. Ähnlich verhält es sich mit Produkten, die im Unterschied zu goldenen Armbanduhren als Statussymbole wenig taugen, weil sie für die Umwelt unsichtbar im Mund ihrer Besitzer stecken.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Noch ein Unterschied: Während der standesbewusste Uhrenliebhaber mit einer Vorliebe für eidgenössische Handwerkskunst aus einer Vielzahl von Herstellern wählen kann, kommen edle Zahnimplantate mit sehr großer Wahrscheinlichkeit von der Straumann-Gruppe aus Basel. Die Firma dominiert diesen äußerst lukrativen und rund um die Welt stetig wachsenden Markt, ihre Zuwachsraten sind hoch. Allein im vergangenen Jahr wurden netto 230 Millionen Franken Gewinn verbucht, der Aktienkurs hat sich seit 2013 sage und schreibe verfünffacht.

          So ein Erfolg wirft Fragen auf

          So ein Erfolg wirft Fragen auf, erst recht in der Gesundheitsbranche. Wie kann es sein, dass eine Firma mit winzigen Metallstiften so viele Millionen einstreicht? Ist sie wirklich so viel besser als ihre Wettbewerber? Und wie kommt es überhaupt, dass Zahnärzte immer häufiger zum Implantat statt zur Prothese oder Brücke raten? Steckt das Unternehmen vielleicht auf unzulässige Weise mit den Ärzten unter einer Decke? Schließlich: Wie lange kann der Siegeszug noch weitergehen? Ist der Markt nicht bald gesättigt – oder wird von Billiganbietern aus Fernost neu aufgerollt?

          Der Vergleich mit der Uhrenbranche ist nicht so weit hergeholt, wie es die gefühlte Distanz zwischen Juweliergeschäften und Zahnarztpraxen, den jeweils üblichen Vertriebsstätten, glauben macht. Thomas Straumann, der Enkel des Firmengründers, Großaktionär und stellvertretender Verwaltungsratsvorsitzender des Unternehmens, hat als junger Mann zunächst eine Lehre zum Feinmechaniker absolviert. Das passt zur Familientradition, auf die sich das Unternehmen auch gut sechs Jahrzehnte nach seiner Gründung 1954 noch gern bezieht. Der Gründer selbst nämlich macht Karriere in einer Uhrenfabrik, bevor er sich auf die Entwicklung von Materialmischungen verlegt, die gleichzeitig elastisch und stabil sein sollen – der ideale Werkstoff für Uhrenfedern. Und, wie sich bald herausstellt, auch für die Medizintechnik.

          Knapp eine Million Zahnimplantate wurden 2016 in Deutschland eingesetzt. Dies ist ein Exemplar des Weltmarktführers Straumann mit einer Krone obendrauf.

          Die Zeiten, als die Gelehrten sich die ganze Welt und den menschlichen Körper als eine Art göttliches Uhrwerk vorstellten, sind zwar seit ein paar Jahrhunderten vorbei. Aber um kleinste Bauteile, edles Material und höchste Präzision geht es eben auch in der Chirurgie und Orthopädie. So wird Straumann zum Lieferanten von Schrauben und Platten zur Behandlung von Knochenbrüchen.

          Erst als Thomas Straumann Ende der 1980er mit gerade 25 Jahren das Erbe seines Vaters antritt, konzentriert sich die Firma auf das Dentalgeschäft – notgedrungen, weil das deutlich größere Orthopädiegeschäft verkauft wird, um die drei Geschwister auszubezahlen. Implantate – also künstliche Zahnwurzeln aus Metall oder Keramik, die wie Dübel im Kiefer stecken und der aufgeschraubten Krone möglichst lebenslang Halt geben sollen, die ihrerseits optisch den verloren gegangenen Zahn nachahmt – sind zu dieser Zeit als Zahnersatz noch nicht weit verbreitet. „Damals glaubten nicht viele an uns“, sagt Thomas Straumann heute, am Handgelenk trägt er, Ehrensache, eine Uhr von IWC aus Schaffhausen. „Aber wir haben ihnen gezeigt, wie es geht.“ Als er die Firma 1998 an die Börse bringt, ist sie schon mehr als 300 Millionen Franken wert.

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