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Zahlungsverkehr : Das bargeldlose Europa soll zusammenwachsen

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Noch ist das Europa der Zahlungskarten national zersplittert. Doch in wenigen Jahren soll jede Karte auf dem ganzen Kontinent gültig sein.

          3 Min.

          Das Europa der täglichen Finanzen soll etwas einfacher werden. Denn obwohl sich die Bürger längst an die gemeinsame Währung gewöhnt haben, ist die Europäische Währungsunion im Zahlungsverkehr und beim Einsatz von Plastikgeld immer noch zersplittert. Diesen Mißstand wollen Europäische Kommission und Europäische Zentralbank (EZB) bis 2008 beheben. "Auch drei Jahre nach der Einführung des Euro gibt es immer noch kein einheitliches elektronisches Geld", sagt Norbert Gerhard, Leiter Zentraleuropa der Kreditkartenorganisation Mastercard International in Frankfurt. Das hört sich paradox an, werden doch elektronische Zahlungen über weltumspannende Computersysteme abgewickelt. Doch auch zwischen diesen Netzen herrscht eine bunte Sprachenvielfalt, selbst im Euro-Raum.

          Was bei Kreditkarten noch funktioniert, scheitert bei Zahlungskarten meist. Denn anders als bei Kreditkarten, die einmal im Monat abgerechnet werden, werden bei Zahlkarten die Beträge sofort vom Bankkonto abgebucht. Mit der EC-Maestro-Karte können deutsche Bankkunden zwar problemlos im Euro-Raum am Geldautomaten Bargeld ziehen. Aber sie können sich nicht darauf verlassen, daß ihre Zahlkarte auch an allen Kassen im Einzelhandel akzeptiert wird. Schuld daran sind unterschiedliche Netze, die einen reibungslosen Zahlungsverkehr über die Grenzen hinweg verhindern. In Deutschland gibt es das Verfahren Electronic Cash. In Italien ist es Pago Bancomat, in Frankreich CB Cartes Bancaires, in Belgien Bancontact Mister Cash. Und in Spanien konkurrieren gleich drei Netze: Sistema 4B, Servired und Euro 6000.

          „Inakzeptable Hürden“

          Der Markt für Zahlungskarten sei immer noch stark in nationale und internationale Lösungen getrennt, beklagt EZB-Direktoriumsmitglied Gertrude Tumpel-Gugerell. Es bestünden weiterhin "inakzeptable Hürden für ausländische Bewerber". In der Kartenbranche wird jedoch nicht an einem neuen einheitlichen Standard gearbeitet. Vielmehr setzt man auf eine Integration der bestehenden Netze. "Wir müssen die nationalen Systeme kompatibel machen", sagt Gerhard. Das will Mastercard mit Maestro erreichen, das 1992 geschaffen wurde, um sich auf die nationalen Zahlungssysteme "draufzusetzen" und diese miteinander zu verbinden. In diesem Jahr ging der große Konkurrent Visa mit einem ähnlichen System namens V-Pay für Zahlungskarten an den Start.

          Der EZB geht es nicht nur um die Technik. Sie stört sich vor allem auch an Gebührenstrukturen, die selbst innerhalb des Euro-Raums immer noch zwischen national und ausländisch unterscheidet. "Es sollte bei Karten keine Preisdifferenz mehr zwischen nationalen und grenzüberschreitenden Zahlungen bestehen", beklagte EZB-Direktoriumsmitglied Gertrude Tumpel-Gugerell im vergangenen Herbst auf einem Kongreß der europäischen Kartenindustrie. Auch stört sie sich daran, daß es nach wie vor "einen unterschiedlichen Service je nach nationalem oder grenzüberschreitendem Einsatz der Karten" gibt. Die EZB kämpft deshalb für eine ganz einfache Regel: "Jede Karte muß an jedem Gerät einsetzbar sein." Auf englisch lautet das griffig: "Any card at any terminal."

          Rahmenwerk bis Jahresende

          Bei Kreditkarten ist der einheitliche Euro-Zahlungsverkehrsraum, auf englisch "Sepa" genannt, schon verwirklicht, nachdem die Banken die Auslandsgebühr auf Kreditkartenzahlungen abschaffen mußten. Jetzt geht es um die nationalen Zahlungskarten wie die Maestro-Karte. Bis Ende dieses Jahres soll das Rahmenwerk für Überweisungen, Lastschriften und Karten stehen. Bis 2008 soll dieses eingeführt werden, damit im Jahr 2010 alle nationalen Systeme endgültig abgeschafft werden können. Koordiniert werden diese Arbeiten vom Europäischen Rat für Zahlungsverkehr (EPC), den die europäische Kreditwirtschaft 2002 gegründet hat und in dem heute rund 70 Banken und Verbände zusammenarbeiten.

          So wird die Maestro-Karte bisher an 330000 Geldautomaten und an 75 Prozent aller Zahlstellen im Euro-Raum akzeptiert. Diesen Wert hält Gerhard bereits für gut. In Deutschland muß sich der Kunde aber weiterhin am Electronic-Cash-Logo orientieren, da ein Maestro-Logo auf einer Kasse lediglich die Öffnung für internationale Karten signalisiert.

          Daß die Kartenbranche derart im Fokus der EZB steht, liegt auch daran, daß ihr Anteil an den Zahlungen in den kommenden Jahren stark steigen wird. Hatten Zahlungskarten im vergangenen Jahr einen Anteil von 5 Prozent an allen Zahlverfahren, wird ihr Anteil laut Prognose von Mastercard bis 2010 auf 20 Prozent steigen. "Mehr als drei Viertel aller Transaktionen werden nach wie vor bar getätigt", sagt Gerhard. "Das kostet die europäische Volkswirtschaft rund 50 Milliarden Euro oder 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts." Davon will sich die Kartenbranche einen Teil als Einnahmen sichern. (hlr. )

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