https://www.faz.net/-gqe-8koxj

Ämterhäufung : Wolfgang Reitzle lässt sich von sich selbst beraten

Ein Mann, viele Aufgaben - Lindes Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle Bild: dpa

Linde-Aufsichtsratschef Reitzle ist ein Amt nicht genug. Gleichzeitig berät er für die Investmentbank Perella Weinberg. Als Türöffner für den europäischen Markt sollte Reitzle dienen – und hat der Bank offenbar gleich Linde als Kunden zugeschanzt.

          Wolfgang Reitzle ist bekannt für Prinzipientreue, auch wenn er einmal mit den Regeln der guten Unternehmensführung haderte. Vor mehr als zwei Jahren wollte der 67 Jahre alte Manager direkt vom Vorstandsvorsitz des Industriegaseherstellers Linde auf den Posten des Aufsichtsratschef wechseln. Die Aktionäre hätten es gerne gesehen und es wegen seines Erfolgs durchgewunken. Doch die öffentliche Kritik war zu laut. Er entschloss sich, zwei Jahre zu warten und nun – in diesem Mai – wieder zurückzukehren.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Sehr leise geht es derzeit zu, wenn es um die von Reitzle mit eingefädelten Gespräche über eine Fusion der Nummer zwei im Gase-Markt – Linde – mit der Nummer drei aus den Vereinigten Staaten – Praxair – geht, wie vergangene Woche bekannt wurde. Und bislang absolut still, aber pikant wird es, wenn sich da eine Rolle mit der anderen verquickt – und der Linde-Chefkontrolleur das Zentrum ist. Seit einem Jahr ist Wolfgang Reitzle – neben zahlreichen anderen Ämtern wie das des Aufsichtsratschefs von Continental – auch Berater der amerikanischen Investmentbank Perella Weinberg. Perella Weinberg ist seit kurzem, nämlich seit Beginn der im zweiten Quartal aufgenommenen, zunächst vorläufigen Gespräche mit Praxair und dessen Vorstandschef Stephen Angel als Beraterbank für Linde tätig – neben der Investmentbank Morgan Stanley.

          Das Thema ist sensibel, darüber scheint man sich auch in der Linde-Zentrale bewusst zu sein. Anstatt klare Linien entsprechend der guten Unternehmensführung zu ziehen und die Finger von einem Beratungsmandat für Perella zu lassen, argumentiert der Münchner Dax-Konzern auf Anfrage: „Für Linde ist immer die fachliche Expertise der Berater ausschlaggebend.“ Die muss deutlich besser sein als bei anderen Investmentexperten. Es geht schließlich um hohe Provisionen. Linde ist mit 28 Milliarden Euro an der Börse bewertet, die Amerikaner mit 31 Milliarden Euro. Bei dem hypothetisches Transaktionsvolumen von knapp 60 Milliarden Euro kommt da einiges zusammen.

          Die Pikanterie soll auch Reitzle bewusst sein. Zu hören ist nämlich, dass er sein Mandat bei der europäischen Tochtergesellschaft in London ruhen lässt. Ausgeschieden ist er de jure nicht, was im konkreten Fall aber nichts ändern würde. Im August vergangenen Jahres stieg Reitzle bei der Bank ein. Seine Aufgabe sollte es sein, das Wachstum von Perella in Europa zu befördern. Man könnte auch sagen: Reitzle soll als Türöffner dienen, was ihm offenbar gelingt. Das Unbehagen kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass in Kreisen immer wieder die persönlichen Beziehungen, nicht aber die beratenden Banken in den Mittelpunkt gestellt werden.

          Das klassische Netzwerken in dem Metier hat jedenfalls funktioniert. Seit vielen Jahren kennt Reitzle Joseph Perella, der die Bank 2006 gegründet hat. Mehr noch, finden doch die Kontakte zur Bank ihren Ursprung vor mehr als zehn Jahren. Da hatte „Mister Linde“ die feindliche Übernahme des britischen Konkurrenten BOC durchgezogen. Er arbeitete eng mit dem Investmentbanker Dietrich Becker zusammen, damals bei der beratenden Morgan Stanley Bank tätig. Becker weilt mittlerweile bei Perella Weinberg. Die hat auch die schwierige, heute noch mit Problemen kämpfende Fusion der Zementhersteller Lafarge aus Frankreich und Holcim aus der Schweiz betreut. Mit dabei: Dietrich Becker. In seiner Linde-Pause wiederum trat der deutsche Spitzenmanager 2014 als Verwaltungsratsvorsitzender bei Holcim und Lafarge ein und trieb die Integration voran. Ist es Zufall, dass Reitzle im August 2015 Partner der Investmentbank wurde?

          Das Entstehen der neuen Nummer eins Linde/Praxair mit einem Weltmarktanteil von 40 Prozent ist längst nicht sicher. Die Hoffnung ist groß, dass es in den nächsten Wochen zu konkreten Verhandlungen und zu einer Vereinbarung bis Oktober kommt. Es spielen nicht nur horrende Beraterprovisionen eine Rolle, die Perella Weinberg und Morgan Stanley für ihre Linde-Mandate erhalten. Es geht in einem transatlantischen Zusammenschluss außerdem um die zu verteilenden Posten und damit um Machtpositionen. Da kann die tatkräftige Hilfe von Freunden und langjährig bewährten Beratern nur helfen, egal ob Interessenkonflikte zwischen verschiedenen Positionen bestehen. Stephen Angel würde Vorstandschef des neuen Unternehmens werden, Wolfgang Reitzle Präsident oder Verwaltungsratschef, ausgestattet mit möglichst viel Autorität.

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

          Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.