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Umbruch bei Technikkonzern : Siemens kappt seine Wurzeln

Siemens-Chef Joe Kaeser in 2018 Bild: Bloomberg

Der Technikkonzern trennt sich vom Energiegeschäft und wird sich auf Digitalisierung konzentrieren. In der Verwaltung kostet das viele Stellen.

          3 Min.

          Die Aufsichtsratssitzung der Siemens AG endete am Dienstagabend mit einem Paukenschlag: Der Technologiekonzern will sein Kraftwerksgeschäft Gas and Power abspalten und bis September 2020 an die Börse bringen. Um die schwer angeschlagene Sparte überhaupt attraktiv zu machen, bringt das Unternehmen seine Mehrheitsbeteiligung von 59 Prozent am führenden Windkraftanlagenbauer Siemens Gamesa ein. Ebenso einstimmig wurde der Abbau von 20 Prozent oder 2500 der 12.500 Beschäftigten in der Verwaltung beschlossen.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Das ist Folge der vom Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser im August 2018 aufgelegten „Vision 2020+“, die eine Dezentralisierung der sechs weitgehend unabhängigen Geschäftsbereiche vorsieht. Beides hat der Aufsichtsrat einstimmig mit Unterstützung der Arbeitnehmerbank beschlossen. Gas and Power wird mit Siemens Gamesa, die erst vor zwei Jahren mit der spanischen Gamesa fusioniert wurde, ein neuer Energiegigant werden – mit einem Umsatz von 30 Milliarden Euro und mehr als 80.000 Mitarbeitern. Die Anteile werden per Abspaltung an Siemens-Aktionäre vergeben. So geschah es schon Mitte 2013 mit dem Lichttechnik-Unternehmen Osram, an dem Siemens nicht mehr beteiligt ist.

          „Im Zeitalter der digitalen Vierten Industriellen Revolution“

          Schon im ersten Schritt wird der Konzern in die Minderheitsposition gehen und etwas weniger als 50 Prozent halten. Damit ist der Ausstieg aus dem Traditionsgeschäft, der auch Wurzel des Konzerns gewesen ist, besiegelt – auch wenn versichert wird: Auf Sicht werde die Sperrminorität von 25 Prozent nicht unterschritten, heißt es in der Mitteilung. Die Kraftwerkstechnik hat derzeit erhebliche Probleme, die Zahl der Aufträge ist stark gesunken, da nur noch wenig konventionell mit Kohle, Öl oder Gas befeuerte Stromerzeugungsanlagen verkauft werden. Insgesamt werden 6000 Stellen dort abgebaut, 3000 davon in Deutschland.

          Damit wird Siemens neu aufgestellt und zum Anbieter von digitalisierter Technologie und Automatisierung. Statt einstmals sechs Sparten bilden künftig Digitale Fabrik und Intelligente Infrastruktur den „industriellen Kern. „Die Siemens-Geschäfte der nächsten Generation werden andere Erfolgsmerkmale haben“, sagte Kaeser. „An die Stelle von Breite, Größe und Gleichschritt treten Fokus, Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit. Damit sichern wir die Zukunftsfähigkeit unserer Geschäfte im Zeitalter der digitalen Vierten Industriellen Revolution.“

          Mit der anstehenden Abspaltung entstünde „ein einzigartig ganzheitlich aufgestellter Spezialist im Energie- und Elektrizitätssektor, der wie kein anderer Wettbewerber die gesamte Bandbreite im Energiemarkt abbildet“, ergänzte er. „Durch die Kombination des Leistungsspektrums der konventionellen Erzeugung mit der Stromversorgung durch Erneuerbare Energien decken wir die Nachfrage der Kunden vollständig ab.“

          Kosten um 2,2 Milliarden Euro bis 2023 verringert

          Mit den Stimmen der Arbeitnehmervertreter hatte der Aufsichtsrat zudem den radikalen Abbau in den Zentralfunktionen beschlossen, der bis zum Jahr 2023 umgesetzt werden soll. Bislang war er nur angekündigt. Von den insgesamt 380.000 Beschäftigten im Konzern haben bislang rund 40.000 Mitarbeiter unterstützende Funktionen wie Personalwesen, Finanzen, Recht, Steuern, Unternehmenssteuerung (Corporate Governance), Kommunikation oder Investor Relations übernommen. Davon sind im Zuge der seit April arbeitenden neuen dezentralen Struktur etwa 27.000 Arbeitsplätze auf die sechs Sparten übertragen worden, womit 12.500 Beschäftigt in der zentralen Verwaltung verblieben sind.

          Die Strategie „Vision 2020+“ hat drei strategische Gesellschaften vorgesehen, die rechtlich verselbständigt worden sind: die börsennotierten Siemens Gamesa und Siemens Healthineers (Medizintechnik) sowie die Siemens Mobility (Bahntechnik), deren Fusion mit Alstom gescheitert ist. Die drei operativen Gesellschaften Gas and Power, Digitale Industrie sowie Intelligente Infrastruktur arbeiten weitgehend unabhängig, sind aber nicht ausgegliedert.

          Im August hatte Kaeser nur angekündigt, dass die Verwaltung schlanker werden müsste und die Effizienz um mehr als 20 Prozent zu erhöhen sei. Um eben diese 20 Prozent wird die Belegschaft in Zentralfunktionen abgebaut. Die Restrukturierungsaufwendungen dafür sollen 400 Millionen Euro betragen. Insgesamt werden die Kosten um 2,2 Milliarden Euro bis 2023 verringert. Das beinhalte das schon im September 2018 kommunizierte Sparprogramm in der Kraftwerkssparte von 500 Millionen Euro. Alle Maßnahmen sollten möglichst sozialverträglich – in Deutschland im Rahmen der Grundsatzvereinbarung zwischen Siemens, dem Gesamtbetriebsrat sowie der IG Metall – umgesetzt werden. Zugleich betont Siemens, dass die Wachstumspläne andererseits vorsähen, bis zum Jahr 2023 rund 20.500 neue Stellen zu schaffen. Das würde somit zu einem Netto-Aufbau von rund 10.000 Arbeitsplätzen weltweit im selben Zeitraum bedeuten.

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